Sulzbach-Laufen Am 21. April 1945: Hinrichtung und Bomberabsturz erschüttern Sulzbach

Sulzbach-Laufen / KLAUS MICHAEL OSSWALD 21.04.2015
Die Erschießung eines Soldaten und der Absturz eines schweren amerikanischen Bombers haben heute vor 70 Jahren, einen Tag nach der teilweisen Zerstörung Gaildorfs, das Limpurger Land erschüttert.

Die Gaildorfer Innenstadt ist teilweise zerstört. In den Ruinen des Pückler-Schlosses und der Stadtkirche, am Vortag durch deutsche Granaten in Brand geschossen, lodern in den frühen Morgenstunden des 21. April 1945 immer noch Flammen. Schlaflos haben die meisten Gaildorfer die Nacht verbracht.

Auch Alfred Scheffler mag es im wenige Kilometer entfernten Hohenberg, dem kleinen idyllisch gelegenen Ort in der Nähe von Sulzbach und Laufen, so ergangen sein. Im Scheunen-Keller des Gasthofs "zum Grünen Baum" eingesperrt, harrt er der Vollstreckung des von einem Divisionskriegsgericht gegen ihn verhängten Todesurteils. Im Morgengrauen dieses Samstags wird der 22-jährige Leutnant aus dem ostpreußischen Elbing - nachdem er zuvor jegliche ihm von Bürgern angebotene Fluchthilfe abgelehnt hatte - von deutschen Soldaten abgeholt und an den Ortsrand in Richtung Altenberg geführt. Der Familienvater sollte seine Frau und das dreijährige Töchterchen nie wieder sehen.

Um die gleiche Zeit laufen auf einigen Militärlandeplätzen Südenglands die letzten Vorbereitungen für einen Bombenangriff auf den Fliegerhorst in Landsberg am Lech. Insgesamt 212 schwere Bomber vom Typ Boeing B-17 G - besser bekannt als "Flying Fortresses", fliegende Festungen - werden mit todbringender Fracht beladen: mehr als 2000 Brandbomben, zum Teil bis zu 500 Pfund schwer. Gleichzeitig werden 144 Jäger vom Typ P-51 vollgetankt. Sie bilden den Begleitschutz.

Die verängstigten Einwohner von Hohenberg sind an diesem Morgen angewiesen, zu Hause zu bleiben. Plötzlich hören sie Schüsse. Alfred Scheffler, von einer Gewehrsalve niedergestreckt, ist tot. Seine Henker verscharren ihn eilends und verlassen mit dem letzten Aufgebot Sulzbach gen Abtsgmünd.

Zur gleichen Zeit starten in England die amerikanischen Flugzeuge, darunter Maschinen der 94. Bombergruppe, die auf dem Rougham Airfield nahe des Städtchens Bury St. Edmunds stationiert sind. Unter ihnen die B-17 mit dem Spitznamen "Struggle Buggy" (Kampfwagen). Für die Crew sollte es der letzte planmäßige Kriegseinsatz vor dem Heimflug in die USA sein. Und weil an diesem Tag mit wenig Gegenwehr auf deutscher Seite gerechnet wird, gehen mit Kapitän Jack B. Kirch ausnahmsweise nur sieben weitere Männer an Bord. Will L. Utterback und George Barlow sind von der Einsatzliste gestrichen, dürfen am Boden bleiben.

Zurück nach Hohenberg. Alfred Scheffler war am Tag zuvor aufgegriffen und dem Feldgendarmerie-Trupp 235 übergeben worden, einer Einheit der 198. Infanteriedivision. Über die Gründe kursieren bis heute verschiedene Aussagen: Nach dem Krieg erhält die Heilbronner Staatsanwaltschaft die Nachricht, Scheffler habe sich "geweigert, Gaildorf zu verteidigen". Die Ermittler gehen jedoch davon aus, Scheffler habe sich nachts mit seiner Einheit von der Front abgesetzt, um das Ende des Krieges abzuwarten.

Die Bomberformation, die über dem Rheintal gen Süden fliegt und nun über Nordbaden in Richtung Osten abdreht, erhält neue Order: Wetter und Sicht in Landsberg seien schlecht. Das erste vereinbarte Ausweichziel muss nun angeflogen werden: Ingolstadt. Kurz nach 11.40 Uhr erreicht die Spitze des Pulks die dortige Region - und beginnt, den Landstrich aus 4000 Metern Höhe mit einem 500 Tonnen schweren Bombenteppich zu überziehen. Insgesamt 142 Menschen finden den Tod, die Schäden sind verheerend.

Die Flugzeugbesatzungen haben in diesen Minuten nur noch eines im Sinn: ab nach Hause! Die meisten Bomber erreichen ihr Ziel, zwei Maschinen bleiben auf der Strecke. Durch Flakbeschuss stürzt eine noch auf dem Kontinent ab, die andere gilt zunächst als vermisst.

In Hohenberg machen sich mutige Männer auf, um dem toten Leutnant ein würdiges Begräbnis zu bereiten. Sie werden kurz nach 12 Uhr durch eine furchtbare Explosion aufgeschreckt: Wenige Kilometer Luftlinie entfernt, in der Brünst, sei "ein Flieger" abgestürzt, heißt es. Aus allen Himmelsrichtungen eilen Menschen zur Unglücksstelle, die bald darauf von US-Soldaten - der Vorhut einer am 22. April in Sulzbach einrückenden Einheit - abgeriegelt wird . . . Erst Jahrzehnte später sollte Gewissheit herrschen: Bei dem abgestürzten Bomber handelt es sich um die "Struggle Buggy".

Fortsetzung folgt.

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