Aggressiv unterwegs

Spinnst Du? Die Gefühle einfach rauslassen, auch die negativen. Das können viele hinterm Steuer besonders gut.
Spinnst Du? Die Gefühle einfach rauslassen, auch die negativen. Das können viele hinterm Steuer besonders gut. © Foto: Fotolia Foto: Die Gefühle einfach mal rauslassen, auch die negativen. Das können viele besonders gut hinterm Steuer. Fotolia
BEATE ROSE 08.10.2016

Unangenehme Erlebnisse im Straßenverkehr? Sofort fallen bei einer spontanen Umfrage Leuten die folgenden Erlebnisse ein, die alle nicht länger als vier Wochen zurückliegen: „Am Ehinger Tor in Ulm werden aus einer Fahrspur zwei Rechtsabbiege-Spuren. Ich habe mich auf der linken Spur eingereiht und bin dabei so scharf von links geschnitten worden, dass nur eine Vollbremsung einen Unfall verhindert hat. Also habe ich empört gehupt. Die Folge: Der Kerl, der mich geschnitten hat – den Kindern auf der Rückbank nach zu urteilen Familienvater – hält an der roten Ampel, steigt aus und brüllt mich derart zusammen, dass ich sicherheitshalber die Autotüren verriegelt habe. Die Aggression macht mir Angst.“

„An einer Brücke in unserer Stadt rückten an dem Tag Bauarbeiter an, die Fußgängerampel wurde abgeschaltet, der Überweg schlecht erkennbar versetzt. Als ich über die Straße ging, fuhr extrem knapp ein Autofahrer an mir vorbei. Ich habe ihm dem Stinkefinger gezeigt, er bremste scharf, stieg aus und brüllte mich derart an, dass alle Leute stehenblieben. Wüste Beschimpfungen hat er weiter ausgestoßen, so dass mein Sohn mich weinend gefragt hat: Mama, will der dich umbringen?“

„Ich befand mich auf der Linksabbiegespur einer Vorfahrtstraße, um den geradeausfahrenden Gegenverkehr durchzulassen. Kaum bin ich losgefahren, schießt ein Radfahrer in kompletter Profimontur  aus der rechten Nebenstraße geradeaus über die Kreuzung, rammt fast mein rechtes Heck, schlägt mit der Hand aufs Autodach und wechselt knapp hinter mir auf den linken Fußweg. An der nächsten Kreuzung lasse ich die Scheibe herunter und rufe dem nun angekommenen Radler zu, was er denn meine, wie viele Leben er habe. Die Antwort war der Stinkefinger und ein Kopfschütteln über mein unerhörtes Verhalten.“

Wer diese Geschichten hört, fragt sich, ob alle, die sich auf der Straße bewegen, aggressiver auftreten. Oder woran liegt es, dass viele meinen, im Straßenverkehr es allen mal so richtig zu zeigen? Der Verkehrspsychologe beim Allgemeinen Deutschen Automobilclub (ADAC), Ulrich Chiellino, der sich von Berufs wegen mit dem Verhalten der Straßenverkehrsteilnehmer beschäftigt, liefert diese Antwort: „Wenn ein Raser auf der Autobahn an 400 Fahrzeugen vorbeizieht, dann haben den 400 Fahrer gesehen. Trotzdem war es nur einer, der sich wie ein Rüpel benommen hat.“

Mit erhöhtem Stresslevel unterwegs

Er meint, es gebe keinen erkennbaren Trend, dass Autofahrer aggressiver werden. Obwohl der ADAC dazu keine Statistik führt, versuchen Fachleute dort anhand der Unfallstatistiken des Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg Rückschlüsse über das Verhalten der Autofahrer zu ziehen. Eine Erkenntnis daraus sei: „Verdichtungen führen dazu, dass man mit erhöhtem Stresslevel unterwegs ist“, sagt Chiellino.

Mit Verdichtungen meint er einmal den Raum Straße, den sich Auto- mit Radfahrern immer häufiger teilen müssen. Nicht alle Autofahrer würden einsehen, wenn auf „ihrer“ Straße plötzlich Radwege eingezeichnet werden. Oder wenn die Stadt gefühlt eine einzige Baustelle ist, Fahrspuren wegfallen und alle auf eine Spur drängeln. Vor allem in Spitzenverkehrszeiten sinkt die Frustrationstoleranz blitzschnell. Sprich: Die Leute verlieren die Nerven. Verdichtung meint laut Chiellino auch, dass gerade von Fahrern, die für berufliche Termine das Auto nehmen müssen, dennoch erwartet wird, erreichbar zu sein, und dass die Fahrtdauer knapp gehalten wird – egal wie die Situation auf der Straße ist. Das alles führe zum Unterwegsssein unter Druck. Hinzu komme, dass sich viele „in ihrer Kapsel Auto sicher fühlen“. Regelverstöße, wüstes Beschimpfen oder Drohgebärden hätten oft keine unmittelbaren Konsequenzen. „Das ist anders als an der Supermarktkasse, an der ein Rüpel unter Umständen  angesprochen werden würde.“

Chiellino bekennt, dass auch er nicht alle Tage gelassen am Steuer sitzt. Ihm helfe Musik zum Ruhigbleiben, Klaviermusik. Ein Faktor, der allen nütze, sei die Zeit. Wer genügend Zeit einplane, verhalte sich gelassener. Darauf komme es an. Schließlich gehe es im Straßenverkehr nicht um die Wichtigkeit des Einzelnen: „Straßenverkehr ist ein Miteinander“.

Bilanz der Unfälle 2015

Tote im Straßenverkehr Zu den Unfällen im Jahr 2015 liefert der ADAC diese Zahlen: Insgesamt gab es etwa 2,5 Millionen Unfälle, davon 300 000 mit Personenschaden. 3459 Menschen kamen im Jahr 2015 im Straßenverkehr ums Leben.

Zur Person Ulrich Chiellino ist seit 2009 für den ADAC als Verkehrspsychologe im Ressort Verkehr verantwortlich für den Schwerpunkt der Verkehrssozialisation. Seit 2015 leitet er die Bereiche der Interessenvertretung und Verkehrssicherheitsprogramme. Zuvor analysierte er in einem Team etwa 1000 Unfälle und entwickelte ein vereinfachtes Auswertungsschema zur Bestimmung menschlicher Einflüsse bei Unfällen. Der Psychologe engagiert sich seit mehr als zehn Jahren für die Verkehrssicherheit. 

Bilanz der Unfälle 2015

Tote im Straßenverkehr Zu den Unfällen im Jahr 2015 liefert der ADAC diese Zahlen: Insgesamt gab es etwa 2,5 Millionen Unfälle, davon 300 000 mit Personenschaden. 3459 Menschen kamen im Jahr 2015 im Straßenverkehr ums Leben.

Zur Person Ulrich Chiellino ist seit 2009 für den ADAC als Verkehrspsychologe im Ressort Verkehr verantwortlich für den Schwerpunkt der Verkehrssozialisation. Seit 2015 leitet er die Bereiche der Interessenvertretung und Verkehrssicherheitsprogramme. Zuvor analysierte er in einem Team etwa 1000 Unfälle und entwickelte ein vereinfachtes Auswertungsschema zur Bestimmung menschlicher Einflüsse bei Unfällen. Der Psychologe engagiert sich seit mehr als zehn Jahren für die Verkehrssicherheit. 

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