Der Landkreis Göppingen feiert in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag. Mit einem großen Landkreisfest in der Werfthalle in Göppingen präsentierte sich die Verwaltungseinheit, seine Städte, Gemeinden, Institutionen Ende September der Öffentlichkeit. Zu einem runden Geburtstag besinnt man sich auch auf seine gemeinsame  Geschichte. Eine Geschichte, die zumindest im Empfinden vieler Geislinger nicht unbedingt harmonisch begann.

Im Gegenteil: Viele Geislinger Bürger empfanden die am 1. Oktober 1938 in Kraft getretene Auflösung des Kreises Geislingen als grobe Willkür und haderten sehr mit dem damit einhergehenden Bedeutungsverlust: „Mit dieser Auflösung des Verwaltungskreises Geislingen und der Neuordnung der Kreisgrenzen verlor Geislingen seine staatsbehördliche Mittelpunktfunktion und geriet gleichzeitig an die Peripherie des neu gebildeten Landkreises Göppingen“, schreibt Stadtarchivar Hartmut Gruber in einem Aufsatz.

Im Lokalteil der GEISLINGER ZEITUNG, die seit 1933 nur noch im Sinne der regierenden Nationalsozialisten berichtet und der Zensur unterlag, lautete die Überschrift am 3. Oktober 1938: „Abschied vom Oberamt, vom Kreis Geislingen“. Für Geislingen sei die Zeit nun vorüber, da es staatsbehördlicher Mittelpunkt gewesen sei; aus der Kreisstadt werde,  seiner neuen kreisgeografischen Grenzen nach, gewissermaßen eine Grenzstadt. „Es war also für uns ein Abschiedstag“, schreibt die GZ. Der Artikel schließt pathetisch: „Geislingen, die Stadt für die die Neuordnung von der größten Bedeutung von sämtlichen Kreisgemeinden ist, wird unter seinem neuen Bürgermeister und seinen alten, bewährten Kräften alles tun, um Geislingen zu bleiben und die Stadt am Fuße der Alb zu sein“.

Geislinger finden sich nicht ab

Wie wenig die Geislinger sich mit dieser Situation allerdings abfinden wollten, zeigte sich daran, dass in der „Stadt am Fuße der Alb“ kurz nach Kriegsende bereits eine breite Bürgerbewegung entstand, erläutert Hartmut Gruber. Unter Federführung des von der amerikanischen Militärregierung eingesetzten Oberbürgermeister Ernst Reichle habe diese die Wiedererrichtung des ehemaligen Kreises Geislingen beantragt, so der Stadtarchivar:   In einem Schreiben vom 18. Mai 1945 begründeten die Verantwortlichen der Bewegung dieses Vorgehen damit, dass die Zusammenlegung der beiden Kreise „als willkürlicher und widerrechtlicher Verwaltungsvorgang zu bewerten sei, der gegen jeden demokratischen Grundsatz verstoßen“ hätte.

Am 14. Juli 1945 gab die „Industrie des Bezirks Geislingen (Steige)“ eine Denkschrift über die Folgen der Auflösung des Kreises heraus. Handel und Gewerbe unterstützte das Anliegen. Man forderte eine Abstimmung darüber, alle landratsamtlichen Funktionen sofort dem Oberbürgermeister von Geislingen zu übertragen.

Auch in anderen aufgelösten Kreisen regte sich der Unmut über die Neugliederung von 1938. Gemeinden, die dem Kreis angehören und mehr als 20 000 Einwohnern zählen, werden aufgrund einer Ermächtigung am 1. August 1947 zu „unmittelbaren“ Kreisstädten erhoben und direkt dem Regierungspräsidium zugeordnet. Die Geislinger Vertreter der Stadt feierten das Ereignis mit Ehrengästen und einer Festsitzung des Gemeinderates im Ratssaal.

Eine neue Kreisordnung vom 16. Dezember 1948 regelte schließlich die Kompetenzen zwischen Landkreisen und Kreisstädten neu. Und am 1. April 1956 erhielt die Stadt Geislingen gemäß der damals neu in Kraft getretenen Gemeindeordnung für das Land Baden-Württemberg das Prädikat ‚Große Kreisstadt‘ zuerkannt. Gruber: „Es war zur damaligen Zeit nicht nur eine deutliche Aufwertung der Stadt und ihrer Bedeutung für den näheren Umkreis, sondern zugleich eine Art ‚staatlicher Wiedergutmachung‘ für die damals schon 18 Jahre zurückliegende Auflösung des ehemaligen Kreises Geislingen“.

Heute ist man zusammengewachsen. Schon als am 1. Oktober 1958 das 20-jährige Bestehen des Landkreises gefeiert wurde, hätten sich die einstmals hohen Wogen der Konfrontation geglättet, schreibt Gruber: „Geislingens OBM Dr. Klotz erklärte, dass er eigentlich mit einer schwarzen Krawatte zum Festakt hätte erscheinen können, aber das Rad der Geschichte sollte nun nicht mehr zurückgedreht werden“.

Info Alle lokalhistorischen Informationen sind dem Aufsatz von Hartmut Gruber: „1956: Geislingen erhält den Status einer ‚Großen Kreisstadt’“ entnommen,  erschienen in der Reihe „Zeitpunkte der Stadtgeschichte“, Stadtarchiv Geislingen, 2016.