„Zuhören ist wichtig“

Eine Plaudertasche im besten Sinn des Wortes: Thorsten Otto.
Eine Plaudertasche im besten Sinn des Wortes: Thorsten Otto. © Foto: Susanne Sigl
MONIKA HÖNA 01.10.2016

Gespräche führen gehört für Sie zum Alltag, Herr Otto. Haben Sie einen Tipp für jemanden, der bei seinem Chef wegen einer Gehaltserhöhung anklopfen will?

THORSTEN OTTO: Ganz wichtig ist der richtige Zeitpunkt. Der Chef sollte guter Laune sein, und in der Firma sollte es nicht gerade drunter und drüber gehen. Wenn man so einen Moment erwischt hat, darf es zum Einstieg ruhig ein bisschen Smalltalk über das Wetter oder den Urlaub sein. Falls einem da gar nichts einfällt, fährt man mit Ehrlichkeit ganz gut. Der Satz „Ich bin etwas nervös, weil ich so ein Gespräch nicht oft führe“ führt weiter als gespieltes Selbstbewusstsein.

Wie formuliere ich dann mein Anliegen?

OTTO: Falsch wäre es meiner Ansicht nach, aus der Vergangenheit heraus zu argumentieren, nach dem Motto: Ich habe doch dieses und jenes gemeistert und mich da und dort verdient gemacht. Es ist besser, wenn ich dem Chef klarzumachen versuche, warum ich es verdiene, in Zukunft mehr Geld zu bekommen. Immer gut lässt sich beispielsweise der Wunsch nach mehr Verantwortung ins Feld führen, vielleicht für ein zusätzliches Projekt oder eine Idee, die ich umsetzen will. Und – wie gesagt – offen, freundlich und ehrlich bleiben.

Gilt das auch für Gespräche im privaten Bereich? In Beziehungsfragen heißt es ja auch meistens „Redet miteinander!“

OTTO: Oh ja. Auf dem Gebiet neigen wir oft zu Vorwürfen wie „Du hast aber . . .“ Besser wäre „Ich habe das Gefühl, bei uns läuft gerade einiges schief“. Nicht mit Vorwürfen arbeiten, auch wenn es schwer fällt, sondern mit Anregungen. Und sich nicht gleich angegriffen fühlen, nicht jede Äußerung des anderen auf die Goldwaage legen. Gerade wir Männer neigen dazu, Probleme totzuschweigen. Das Miteinander-Sprechen ist gerade in einer Partnerschaft enorm wichtig, nicht nur bei Problemen, sondern überhaupt. Also redet! Erzählt! Jeden Tag wenigstens zehn Minuten. Dabei nicht vergessen: Zu einem Gespräch gehört auch das Zuhören.

Und wenn der oder die andere nicht zuhört oder ausweicht?

OTTO: Nachhaken. Das passiert leider auch in vielen Talkshows zu selten. Gerade Politiker haben ja das Talent, an einer für sie unangenehmen Frage vorbei zu antworten. Da wünsche ich mir oft mehr Hartnäckigkeit von Seiten der Journalisten.

Junge Leute kommunizieren heute ja vor allem über WhatsApp, Facebook  und andere soziale Netzwerke. Geht die Gesprächskultur verloren?

OTTO: Ob sie gleich verloren geht, weiß ich nicht. Aber sie verändert sich zweifellos. Das Direkte, Unmittelbare bleibt bei solchen „Unterhaltungen“ natürlich auf der Strecke, was sehr schade ist, weil es viel mit Emotionen zu tun hat. Wir verschicken ja alle mal solche Nachrichten, nicht immer nur, weil es schnell und dringend ist, sondern auch, weil man nicht gleich reagieren muss – zum Beispiel bei unangenehmen Sachen wie der Absage einer Verabredung. Nur wer sich im direkten Gespräch mit jemandem unterhält, kann ein Gespür für Zwischentöne entwickeln.

Sie versuchen, mit Ihrem Radiotalk „Mensch, Otto!“ auf Bayern 3 ein bisschen gegenzusteuern. Seit wann machen Sie das?

OTTO: Mit der Sendung am Sonntagvormittag habe ich vor 16 Jahren angefangen, und acht Jahre später kamen die knapp einstündigen Gespräche unter der Woche dazu.

Wer sind Ihre Gesprächspartner?

OTTO: Überproportional viele sind Schauspieler und Musiker, aber auch andere Künstler und Politiker. Wir laden aber nicht nur Promis ein, sondern Leute aus allen gesellschaftlichen Schichten.  Ein Pfarrer war schon da, eine Prostituierte, ein Mann vom Sondereinsatzkommando der Polizei, ein Weltumsegler – alles querbeet.

Hat Sie jemand ganz besonders beeindruckt?

OTTO: Herausragend war sicher die Begegnung mit Gabi Sonnenberg. Für das Gespräch mit ihr haben wir, also meine Redaktion und ich, vor zwei Jahren den Deutschen Radiopreis bekommen. Die Frau hatte Leukämie und hat diese Krankheit gleich drei Mal überwunden. Vor dem Interview hatte ich richtig Schiss, weil ich nicht wusste, wie es ihr geht und wie man mit so etwas umgeht. Und dann war das einer der positivsten Menschen, die ich je kennengelernt habe.  Wir haben mit einer unglaublichen Leichtigkeit über das schlimme Thema gesprochen; das hat mir gezeigt, wozu der Mensch imstande ist, wenn er seine inneren Kräfte mobilisiert. 

Laden Sie auch Leute ein, die als „schwierig“ gelten?

OTTO:  Ja, durchaus. Für mich ist es kein Kriterium, ob ich jemanden besonders sympathisch finde. Das sehe ich eher als Herausforderung. Was mich gar nicht interessiert, ist „Trash“ – zum  Beispiel ein Mädel, das nur bekannt ist, weil es die dritte Busen-OP hinter sich hat. Spannend sind dagegen Menschen, die aus ihrem gewohnten Leben ausbrechen und etwas Neues in Angriff nehmen. Solche mutigen Abenteurer haben meist total  interessante Geschichten zu erzählen.

Wer steht noch auf Ihrer Wunsliste?

OTTO: Mein absoluter Lieblingsgast wäre Peter Ustinov gewesen, aber die Standleitung in den Himmel werden wir wohl nicht kriegen. Gerne würde ich auch mit Horst Seehofer oder  Markus Söder plaudern, und natürlich mit dem neuen Papst. Mehrfach eingeladen haben wir zudem Franz Beckenbauer, aber leider hat er bisher noch nicht zugesagt.

Neben dem Reden sind Sie jetzt auch zum Schreiben gekommen. Welche Absicht steckt hinter Ihrem Buch „Die richtigen Worte finden“?

OTTO: Vor allem war mir wichtig, den Lesern Mut zu machen und zu erzählen, dass auch ich auf dem Gebiet kein Naturtalent war, dass man es aber trotzdem schaffen kann.  Zudem fand ich die Idee, Geschichten aus den Radiosendungen zu erzählen und damit alltagstaugliche Ratschläge zu verbinden, sehr reizvoll.

Thorsten Otto (52) arbeitet als Radiomoderator bei Bayern 3. Seine Interviews werden am Sonntagvormittag (9 bis 12 Uhr) und von Montag bis Donnerstag (19 bis 20 Uhr) gesendet. Im Sommer ist sein Buch „Die richtigen Worte finden“ (mvg Verlag, 16,99 Euro) erschienen. Otto ist verheiratet und hat zwei Kinder; er lebt mit seiner Familie am Starnberger See.

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