Stuttgart / ANTJE BERG  Uhr
Statt zu viel Wildwuchs zuzulassen, sollte Kultusminister Stoch die Gemeinschaftsschule konsequent als einzige Säule neben dem Gymnasium aufbauen. Das fordert der Verein "Länger gemeinsam lernen."

"Grün-Rot macht eine mutlose Schulpolitik", sagte Bernd Dieng, Vorsitzender des Vereins "Länger gemeinsam lernen", der SÜDWEST PRESSE. Es sind die Rebellen von einst, die jetzt abermals grollen: Sechs Jahre ist es her, dass sich mehr als 100 Hauptschulrektoren und Lehrerausbilder aus Oberschwaben in einem Brief öffentlich gegen die schwarz-gelbe Schulpolitik wandten. Sie verlangten ein Ende des dreigliedrigen Schulsystems, in dem der Bildungserfolg vor allem von der sozialen Herkunft abhängig sei, und forderten längeres gemeinsames Lernen - allen disziplinarrechtlichen Drohungen des damals erbosten CDU-Fraktionsvorsitzenden Stefan Mappus zum Trotz.

Zwei Jahre nach dem Machtwechsel in Baden-Württemberg sehen die Verfechter der Gemeinschaftsschule den Erfolg dieser so lange herbeigesehnten Schulart gefährdet. "Statt die Gemeinschaftsschule durch ein Zwei-Säulen-Modell zu stärken, wird nun noch mehr sortiert als zuvor", sagt Dieng. Der Vorwurf des Vereins: Zwar spreche auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) von künftig zwei Säulen. Tatsächlich aber werde die Gemeinschaftsschule derzeit nur als zusätzliche Schulart angeboten - neben der Hauptschule, der Werkrealschule, der Realschule, dem achtjährigen und dem neu aufgelegten neunjährigen Gymnasium und dem neu eingeführten sechsjährigen beruflichen Gymnasium.

Die Gemeinschaftsschule werde jedoch nur erfolgreich sein, "wenn sie einen ganzen Jahrgang abbildet, also mindestens ein Drittel der Kinder auch Gymnasialniveau hat." Das sei auch das Ergebnis einer aktuellen, von Wissenschaftlern und Schulfachleuten verfassten "Expertise Gemeinschaftsschule".

Gelinge das nicht, "droht die Gefahr, dass die neue Schulform wie die Hauptschule von den Eltern abgewählt wird", fürchtet Dieng, Fachleiter am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung in Meckenbeuren. Die Folge sei erfahrungsgemäß "die Entstehung problematischer Lernmilieus".

Soll das vermieden werden, "muss die Landesregierung konsequent auf das Zwei-Säulen-Modell setzen und das auch mit einem Datum verbinden", fordert Vereinsmitglied Bernd Reinhoffer. Der Professor von der Pädagogischen Hochschule Weingarten und Dieng sind sich einig: In zwei bis drei Jahren sollte es im Südwesten nur noch zwei Schularten geben - das achtjährige Gymnasium und die Gemeinschaftsschule, die ebenfalls mit einer anschließenden differenzierten dreijährigen gymnasialen Oberstufe bis zum Abitur führen kann. Es werde höchste Zeit, dass Kultusminister Andreas Stoch (SPD) das System endlich steuere, statt immer mehr Wildwuchs zuzulassen. Schulträger und Schulkollegien seien derzeit mit der offenen Situation vielfach überfordert.

Dabei gehe es nicht um die Abschaffung der Realschule, sondern um deren Weiterentwicklung. Die Landesregierung müsse Eltern und Lehrern ehrlich sagen, dass man wegen der demographischen Entwicklung ohnehin nicht um die Zusammenlegung von Haupt- und Realschule herumkomme. Umso wichtiger sei, dass Stoch diesen Schritt inhaltlich gestalte und ein überzeugendes Gesamtkonzept vorlege.

Erschwert werde die Umgestaltung der Schullandschaft durch die Opposition, die den Prozess nach Kräften behindere. Die beiden Kritiker sprechen von "populistischen Angstszenarien". Dieng ist sich sicher: "Auch CDU und FDP wissen, dass das dreigliedige Schulsystem wegen der sinkenden Schülerzahlen keine Zukunft mehr hat." Die flächendeckende Schulversorgung auf dem Land sei nur mit der Gemeinschaftsschule zu garantieren.

Der Landesregierung, insbesondere dem Kultusminister, werfen die beiden vor, den Kampagnen der Opposition keine Aufklärung entgegenzusetzen. Die Informationspolitik sei völlig unzureichend: Hier werde eine wichtige Chance vertan.

"Dabei sind die guten Ergebnisse für unsere Grundschulen, in der alle Kinder gemeinsam lernen, im internationalen Vergleich das beste Argument für die Gemeinschaftsschule", sagt Reinhoffer. Den Eltern müsse an diesem Beispiel deutlich gemacht werden, "dass ein leistungsfähiges Kind in der Gemeinschaftsschule keineswegs ausgebremst wird, sondern ebenso viel individuelle Förderung erfährt wie ein langsameres Kind".

Dieng und Reinhoffer sind nach wie vor der Überzeugung, dass nur integrative Schulsysteme Chancenungleichheit in der Bildung beseitigen können. "Weltweit gibt es kein frühsortierendes System", sagt Dieng, "das in den beiden entscheidenden Bereichen Leistung und Bildungsgerechtigkeit Spitzenergebnisse liefert. Das schaffen nur Staaten, die auf längeres gemeinsames Lernen setzen, meist bis zur 9. oder 10. Klasse."

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