Maura Visser von der SG BBM Bietigheim hat bei der Handball-EM in Schweden mit den Niederlanden Rang zwei belegt. Im Interview spricht die 31 Jahre alte Spielmacherin über ihr Come­back im Nationalteam nach fünf Jahren Abstinenz, das knapp verlorene Finale gegen Norwegen und den Oranje-Block bei ihrem Bundesliga-Verein.

Ich erwische Sie gerade telefonisch in London. Was machen Sie dort?

Maura Visser: Ich bin für ein paar Tage mit meinem Freund (Anmerkung der Redaktion: Philipp Pentke, Drittliga-Fußballer beim SSV Jahn Regensburg) in den Urlaub geflogen. Auch er hat gerade Winterpause vom Fußball. In England wollen wir uns jetzt in erster Linie etwas erholen.

Was überwiegt nun, drei Tage nach dem Finale – die Freude über Silber oder die Enttäuschung, an Gold vorbeigeschrammt zu sein?

Visser: Am Anfang hat die Enttäuschung dominiert. Jetzt bin ich aber sehr stolz auf Silber. Wir bekommen alle so viele schöne Reaktionen von überall, in denen wir für unseren tollen Handball gelobt werden. Ich bin glücklich, dass ich dabei gewesen bin.

Das Endspiel ging mit einem Tor an Norwegen. War die Entscheidung nur eine Frage von Glück und Pech?

Das Glück war in diesem Spiel in der Tat nicht auf unserer Seite. Angela Malestein hat in der drittletzten Sekunde ja sogar noch den Ausgleich erzielt, doch das Tor wurde zurückgepfiffen – ich weiß nicht warum. Natürlich waren aber auch noch andere Faktoren im Spiel – auch Dinge, die wir besser hätten machen können.

Sie wurden nach mehr als fünfjähriger Pause für die EM wieder in die niederländische Auswahl berufen. Was bedeutet es Ihnen, wie früher das Oranje-Trikot zu tragen?

Sehr viel. Ich hatte nicht mehr mit einer EM oder WM gerechnet, schließlich bin ich ja auch schon 31. Als sich dann die Möglichkeit ergeben hat, musste ich nicht lange nachdenken. Es war ein besonderer Moment, zum ersten Mal wieder die Nationalhymne zu hören. Ich habe es genossen, in Schweden dabei zu sein.

2011 kam es zum Bruch mit dem langjährigen Bondscoach Henk Groener. Damit war das Nationalteam für Sie die nächsten fünf Jahre tabu. Was ist damals vorgefallen?

Die Zusammenarbeit war von beiden Seiten nicht optimal. Wir haben uns danach nie zusammengesetzt und die Differenzen ausgeräumt. Im Nachhinein kann man sagen, dass es schade war. Aber ich habe die Situation damals so akzeptiert, wie sie war. Fünf Jahre sind natürlich eine lange Zeit. Umso mehr freue ich mich, dass ich jetzt bei der EM dabei war.

Auch dank der neuen niederländischen Trainerin Helle Thomsen, die Sie wieder nominiert hat. . .

Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Ihre ruhige Art und die Art und Weise, wie sie arbeitet, liegen mir. Helle Thomsen hat erst ein paar Wochen vor der EM die Mannschaft übernommen. Es ist etwas Besonderes, was sie in der kurzen Zeit mit dem Team geschafft hat. Noch ist nicht klar, ob sie bleibt. Ich bin mir sicher: Falls sie weitermacht, können wir zusammen noch viel erreichen.

Ihre Bietigheimer Teamkollegin Su­sann Müller, eine verdiente deutsche Nationalspielerin, wurde vom neuen Bundestrainer Michael Biegler aussortiert. Sehen Sie Parallelen zu Ihrem Fall?

Jede Situation ist natürlich anders. Ich weiß nicht, wie Susi selbst darüber denkt. Man muss sich damit abfinden. Wenn so etwas passiert, richtet man den Blick auf die eigene Mannschaft. Dann will man mit dem Verein das erreichen, wofür man Handball spielt. Es gibt ja nicht nur die Nationalmannschaft.

Mit Tess Wester, Angela Malestein und Martine Smeets spielen drei weitere Niederländerinnen bei der SG BBM. Inwiefern erleichtert so ein Block das Zusammenspiel – im Nationalteam und beim Klub?

Bei meiner Rückkehr in die Nationalmannschaft war es für mich schon ein Vorteil, dass dort Leute spielen, mit denen ich auch im Verein Tag für Tag trainiere. Das muss ich ehrlich sagen. Auch wenn Angela eine gute Freundin von mir ist, ist es in Bietigheim aber längst nicht so, dass wir Niederländerinnen dort immer zusammenhocken. Wir haben bei der SG BBM eine gute Mischung und verstehen uns alle gut untereinander. Da gibt es keine Grüppchenbildung.

Am 30. Dezember geht es für die SG BBM mit einem Gastspiel in Blomberg weiter. Fällt es schwer, sich nach einem Höhepunkt wie einer EM nun wieder auf den Bundesliga-Alltag zu konzentrieren?

Es ist wichtig, dass man nach so einem Ereignis mal abschaltet und etwas anderes als Handball macht. Aber ich bin auch heiß auf die Bundesliga. Ich habe während der EM immer in einem guten Kontakt mit unserem Trainer Martin Albertsen gestanden. Ihm habe ich auch gesagt, dass ich mich wieder auf Bietigheim freue. Schließlich haben wir alle mit der SG BBM noch viel vor.

Nämlich was?

Wir wollen so viel wie möglich gewinnen. In der Bundesliga stehen wir sehr gut da, und im Pokal haben wir gute Chancen aufs Final Four – und da ist dann alles möglich. Im Europapokal haben wir eine sehr schwere Gruppe. Wir werden diese Spiele genießen. Mal sehen, was da drin ist.

Sie sind 31 Jahre. Wie lange wollen Sie noch auf diesem Niveau spielen?

Das ist eine Frage, über die ich gut nachdenken muss. Mein Vertrag in Bietigheim läuft im Sommer aus. Was danach passiert, wird sich erst im Januar entscheiden. Dann kann ich mehr sagen.

Haben Sie sich schon Gedanken gemacht, was nach Ihrer sportlichen Laufbahn kommt?

Ich möchte nach so vielen Jahren im Ausland schon wieder zurück in meine Heimat. Ich habe eine Ausbildung als Sportlehrerin, bin mir aber noch nicht sicher, ob ich damit später auch wirklich etwas machen will. Wenn es soweit ist, werde ich in Holland mit Fachleuten reden, die einen beim Weg von einer Sport-Karriere zurück ins Berufsleben begleiten.

Und wie und wo werden Sie Weihnachten verbringen?

Wir sind zunächst in Den Haag bei meiner Familie. Am 26. Dezember fahren wir nach Freiberg bei Dresden zu Philipps Familie. Einen Tag später geht es dann schon nach Halle zum Trainingslager der SG BBM.

Zur Person: Maura Visser


International erfahren Die in Den Haag geborene Maura Visser trägt seit der Saison 2015/2016 das Trikot der SG BBM Bietigheim. Weitere Stationen waren Viborg HK, Horsens HK und KIF Vejen (alle Dänemark), der HC Leipzig sowie Hellas Quintus (Niederlande). Die 31-jährige Rückraumspielerin verfügt über jede Menge internationale Erfahrung und blickt auf zahlreiche Champions-League-Einsätze zurück. In ihren bisher 130 Länderspielen erzielte Visser 449 Tore. 2010 belegte sie bei der EM in der Torschützenliste mit 36 Treffern Platz fünf. ae