"Der hat im Koma gelegen"

Helmut Klingl im GZ-Interview: Heftige Kritik an IOC-Funktionären. Foto: Ralf Heisele
Helmut Klingl im GZ-Interview: Heftige Kritik an IOC-Funktionären. Foto: Ralf Heisele
THOMAS FRIEDRICH 15.02.2013
Am Dienstag hat die IOC-Exekutive in Lausanne beschlossen, Ringen ab 2020 aus dem olympischen Programm zu streichen. Ringer-Funktionär Helmut Klingl aus Amstetten hat dafür null Verständnis.

Seit den ersten Spielen der Neuzeit 1896 in Athen ist Ringen ununterbrochen olympische Sportart. Bei ihrer Sitzung am Dienstag in Lausanne hat die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) beschlossen, Ringen ab 2020 aus dem Programm zu nehmen. Kaum war die Entscheidung verkündet, entbrannte sich ein Sturm der Entrüstung. Noch hofft der Ringer-Weltverband FILA, dass die IOC-Exekutive bei ihrer Tagung Ende Mai Ringen auf die Liste mit Vorschlägen neuer Sportarten setzt, über die im September bei der 125. IOC-Session in Buenos Aires endgültig entschieden wird.

Herr Klingl, wollen Sie die IOC-Verantwortlichen auch einer Doping-Probe unterziehen, wie es der russische Vize-Regierungschef Dmitri Rogosin gefordert hat?

HELMUT KLINGL: Das IOC muss sich fragen lassen, ob es sich zu Handlangern gewisser Vermarktungsinteressen machen lässt. Schaut man sich die IOC-Exekutive an, wird es einem schwindelig.

Warum?

KLINGL: Da herrscht Gutsherren-Mentalität. Wenn ich nur an Samaranch junior denke: Der ist Präsident des nationalen spanischen Verbandes der Modernen Fünfkämpfer und stimmt in dieser Sitzung mit ab, damit Fünfkampf drin bleibt und Ringen rausfliegt. Dazu gehört schon viel Dreistigkeit.

Ist Samaranch junior das einzig problematische Mitglied?

KLINGL: Nein. Die Leute, die da drin sitzen, vertreten Sportarten, die sich die breite Schicht der Bevölkerung wirtschaftlich gar nicht leisten kann. Das ist alles ein bisschen elitär und versnobt.

Worin sehen Sie die Hintergründe für diese Entscheidung?

KLINGL: Ich gehe davon aus, dass alles marktwirtschaftlichen Prinzipien unterworfen ist. Die Regionen, in denen Ringen populär ist, stellen - mit Ausnahme der USA - für die Vermarkter keine Zielgruppen dar: Der gesamte Ostblock, Iran etcetera. Mit diesen Ländern lässt sich kein Geld verdienen.

Gabs keine Möglichkeit, diese Entscheidung zu verhindern?

KLINGL: Doch, aber der Weltverbandspräsident Raphael Martinetti hat den Braten nicht rechtzeitig gerochen und keine Vernetzung aufgebaut. Die deutschen Fünfkämpfer zum Beispiel haben ihre Strippen gezogen. Martinetti dagegen hat, glaube ich, im Koma gelegen.

Nachdem eine riesige Protestwelle, bis hinein in politische Kreise entstanden ist: Halten Sie es für möglich, dass der Beschluss nochmals gekippt wird?

KLINGL: Davon gehe ich aus. Ringen ist eine Sportart, die in drei Kontinenten auf höchstem Niveau betrieben wird: Asien, Nordamerika und Europa. Istanbul etwa gilt ja als Favorit für die Austragung der Spiele 2020. Stellen Sie sich mal vor, Olympische Spiele in einem Ringerland wie der Türkei ohne Ringer-Wettkämpfe. Das wäre das Gleiche, wie wenn sie in Deutschland Fußball streichen würden. Da sieht man doch, in welcher Welt diese IOC-Funktionäre leben.

Falls es bei dieser Entscheidung bliebe, welche Folgen hätte das für Ihren Sport?

KLINGL: Man hätte ganz große Probleme, den Verband überhaupt noch aufrechtzuerhalten. Es gäbe nur noch Welt- und Europameisterschaften, für die aber als nichtolympische Sportart weit weniger Mittel zur Verfügung stünden.

Hätte es auch Auswirkungen auf Ihre Arbeit als Aalener Präsident?

KLINGL: Nein.

Wirklich nicht, eine solche Entscheidung hätte doch sicher auch finanzielle Aspekte?

KLINGL: Das schon. Man müsste sich dann sicher irgendwann mal die Frage stellen, wie man einen Bundesligisten überhaupt noch vermarkten soll. Kurzfristig würde sich aber nichts ändern, vor 2016 sicher nicht.

Was sagen Sie denn Jugendlichen, wie etwa dem 15-jährigen Amstetter Philipp Köhler, die schon auf Olympia ab 2020 hintrainieren?

KLINGL: Bei denen geht die Motivation total gegen Null. Für jeden Sportler ist doch Olympia das größte Ereignis im Leben. Aber soweit ist es noch nicht, diese Leute werden gestoppt. Die wussten gar nicht, was sie heraufbeschwören.

Alles Weltfremde?

KLINGL: Schauen Sie sich doch die IOC-Präsidiumsmitglieder an. Da sind Fünfkämpfer dabei oder Fechter, lauter elitäre Personen, die mit uns Gemeinbürgern nichts zu tun haben. Die grenzen sich ja sonst schon überall ab.