Umwelt „Das ist schon fast reflexartig“

„Papier ist ein biologischer Stoff aus Holzfasern“: Matthias Kurz im Rohstofflager seiner Tullauer Pappenfabrik.
„Papier ist ein biologischer Stoff aus Holzfasern“: Matthias Kurz im Rohstofflager seiner Tullauer Pappenfabrik. © Foto: Beatrice Schnelle
Rosengarten / Beatrice Schnelle 02.06.2018
Im Zusammenhang mit der Tullauer Pappenfabrik gibt es immer wieder Gerüchte über die Ursache von Geruchsemissionen.

Ein Haller Bürger wandte sich vor kurzem mit gerümpfter Nase an unsere Redaktion. Es stinke in der Innenstadt, sagte er und hatte auch bereits den Schuldigen ausgemacht: Die „Pappe“ in Tullau leite des Nachts übelriechendes Abwasser in den beim Fabrikgebäude fließenden Kocher. Die Emissionen würden sich in dessen Verlauf weit ausbreiten. Darüber solle dringend mal berichtet werden. Ihm ginge es nicht darum, die Firma Kurz anzuschwärzen. Vielmehr wolle er die Ehre des Flusses retten: „Neubürger könnten sonst meinen, der Kocher stinkt von sich aus so schlimm. Alteingesessene wissen um die Zusammenhänge.“

Dass das Unternehmen Tullau Pappen nicht direkt nach Veilchen duftet, ist dessen Anwohnern bereits seit 140 Jahren bekannt. So lange wird in dem Rosengartener Teilort nämlich schon Pappe hergestellt. „Wir verarbeiten Altpapier, das ist ein biologischer Stoff aus Holzfasern“, erklärt der Unternehmenschef Matthias Kurz. Wenn der 24-Stunden-Betrieb zu Reinigungszwecken alle zwei Wochen kurzfristig eingestellt werde, würden sich im stehenden Wasser Geruchsstoffe entwickeln.

Nicht gesundheitsschädlich

Durch „Impfungen“ des Wassers könne das Wachstum der dafür verantwortlichen Mikroorganismen zwar weitgehend unterbunden werden. Ganz vermeiden lasse es sich jedoch nicht. An heißen Sommertagen werde der Prozess beschleunigt. Beim erneuten Hochfahren der Maschinen komme es dann für zwei oder drei Stunden zu Ausdünstungen, dies streite niemand ab. Es handle sich jedoch um nicht gesundheitsschädliche, natürliche Emissionen. Welche Wohngegenden im Radius des Gebäudes betroffen seien, hänge stark von der vorherrschenden Windrichtung ab. Ein Dauerzustand sei das aber definitiv nicht.

Eines stellt Kurz überdeutlich klar: „Wir arbeiten seit 1978 mit einem vollständig geschlossenen Wasserkreislauf und leiten keinen Tropfen Abwasser in den Kocher.“ Dass sich entsprechende Gerüchte trotzdem hartnäckig halten, bedauert er.

Seine Darstellung bestätigt das für die Kontrolle zuständige Regierungspräsidium Stuttgart: Es finde keine Einleitung von Prozesswasser aus der Herstellung in den Kocher statt. „Die uns zuletzt vorliegende Geruchsbeschwerde stammt aus dem Jahr 2012“, schreibt die Behörde weiter. Die damalige Prüfung habe ergeben, dass die Richtwerte der Geruchsimmissionsrichtlinie unterschritten wurden und keine erhebliche Belästigung im Sinne des Bundesimmissionsschutzgesetzes vorgelegen habe. Der Betrieb werde im gesetzlich vorgeschriebenen, zweijährigen Turnus überwacht.

Matthias Kurz kann sich noch gut daran erinnern, woher der Gestank damals wirklich kam: Ein Silo auf dem landwirtschaftlichen Hof, der damals noch von der JVA bei Steinbach betrieben wurde, habe sich als Quelle erwiesen. „Wenn’s riecht, dann heißt es immer automatisch: Das kommt von der Pappenfabrik. Das ist schon fast reflexartig“, seufzt der Diplomingenieur.

Ohne Wäscheklammer schlafen

Die Anschuldigung des erwähnten Haller Bürgers, der seinen Betrieb bis in die Innenstadt riechen will, ist aber selbst für ihn neu. Zweifler an seinen und den Aussagen des Regierungspräsidiums bittet er um die Nutzung ihres gesunden Menschenverstands: „Wenn das Problem so groß wäre, müsste es bei uns intern im Betrieb ja so extrem riechen, dass unsere Leute da gar nicht arbeiten könnten.“ Ein Mitarbeiter müsste sogar mit einer Wäscheklammer an der Nase schlafen: „Unser Produktionsleiter wohnt direkt neben der Fabrik.“

Ein anderer Tullauer Nachbar nimmt die „Pappe“ sogar in Schutz: „Wer in der Nähe eines landwirtschaftlichen Betriebs wohnt, muss genauso mit gelegentlichen, typischen Gerüchen zurechtkommen.“ Die Fabrikausdünstungen nehme er persönlich selten wahr, und wenn, dann stets bei „austauscharmer“, warmer Wetterlage. Dazu komme noch die schlecht durchlüftete Kessellage des Standorts.

Namhaftes Unternehmen

Das Tullauer Unternehmen Karl Kurz GmbH & Co. KG Tullau Pappen zählt zu den namhaften Herstellern von Vollpappe in Deutschland. Seit 140 Jahren wird in dem Teilort von Rosengarten Pappe hergestellt. Derzeit beschäftigt das Unternehmen 93 Mitarbeiter. Am Stammsitz in Tullau sind es 48 und im bayerischen Zweigwerk Trauchgau 45. Das Familienunternehmen gilt als einer der deutschen Marktführer im Bereich Wickelpappe. Die Jahreskapazität der Gesamtproduktion an den beiden Standorten beträgt rund 38 000 Tonnen. cito

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