"Auf den Spuren von Marco Polo": Clever reisen und handeln

EDWIN RUSCHITZKA 17.05.2015

Über den venetianischen Händler Marco Polo, der von 1254 bis 1324 gelebt hat, gehen die wissenschaftlichen Meinungen auseinander. War er nun auf seinen Handelsreisen in Südchina, hat er dort auch den mongolischen Großherrscher Kublai Khan getroffen? Oder war Marco Polo ein dreister Aufschneider, der ohne Skrupel die Berichte anderer China-Reisender abgeschrieben und zusammengefasst hat? Nun, der Streit wird an dieser Stelle natürlich nicht entschieden. Hier geht es um Spiele, und die beiden italienischen Autoren Daniele Tascini und Simone Luciani, haben sich lediglich der historischen Thematik angenommen und sich spielerisch auf die Spuren von Marco Polo begeben.

Herausgekommen ist im Münchner Hans im Glück Verlag ein opulentes und abendfüllendes Brettspiel, über das in den einschlägigen Internetforen schon dahingehend spekuliert wird, dass es womöglich ein heißer Anwärter für die Wahl zum Deutschen Spielepreis sein könnte. Hier wählen die Vielspieler selbst ihr bestes Brettspiel.

„Auf den Spuren von Marco Polo“ ist schwere Kost und sicherlich kein Angebot an die eher spontan spielende Familie. 16 Seiten reich illustrierte Regeln und vier Seiten zusätzliche Erklärungen wollen erst einmal verinnerlicht und verdaut werden. Das dauert. Wer sich einen schnellen Überblick verschaffen will, dem seien Erklärvideos auf den Internetseiten spielerleben.de oder spielama.de empfohlen. Dort kann man auch einen Blick auf die opulente Ausstattung des Spiels werfen.

„Auf den Spuren von Marco Polo“ ist ein von Würfeln angetriebenes Reise- und Handelsspiel. Das hört sich, der Würfel wegen, zuerst einmal glückslastig an, ist es aber nicht. Unsere oft so launischen Würfel werden durch taktische Vorgaben gezähmt. Jeder Akteur startet mit fünf Würfeln, die er zu Beginn jeder der fünf Runden wirft und dann auf den Spielplan bringt. So kommt man an Handelsgüter wie Gold, Seide, Pfeffer, aber auch an Geld oder Kamele, die für das Bereisen der verschiedenen asiatischen Städte und zum Besuch der dortigen Kontore wichtig sind. Der Reihe nach legt jeder einen bis drei Würfel in die entsprechenden Bereiche und greift Handelsgüter, Geld und Kamele ab. Diese Ressourcen braucht jeder, um Handelsaufträge zu erfüllen, die es auf dem Markt gibt. Auch dort müssen dann Würfel eingesetzt werden. Als Belohnung erhalten wir andere Ressourcen, vor allem aber die alles entscheidenden Siegpunkte.

Handel zu treiben ist eine Möglichkeit, an die Siegpunkte zu kommen, das Bereisen der Städte und Aufsuchen der Kontore eine andere. Dazu muss man seine Würfel auf das Aktionsfeld Reisen legen und zudem das notwendige Geld und auch die Kamele besitzen, um die Strecken zu bewältigen. Je länger die Reise ist, um kostspieliger ist sie, um so mehr Kamele werden benötigt. In den erreichten Städten gründen wir mit einem abgestellten Holzhäuschen ein eigenes Kontor und dürfen fortan die angebotenen Aktionen nutzen, indem dort natürlich wieder ein Würfel platziert werden muss. Dergestalt bauen wir uns ein kleines Imperium und eine Ressourcenmaschinerie auf, die den Warenhandel flott voran treibt. Schön wäre es, wenn jeder Akteur die zu Spielbeginn per Reisekarte erhaltenen vier Ziele erreichen würde, weil er damit an Sondersiegpunkte kommt.

Alle Feinheiten des Spiels zu aufzuzählen, würde den Rahmen an dieser Stelle sprengen. Aber eines muss noch erwähnt werden: Jeder Spieler schlüpft zu Beginn der Partie in die Rolle einer historischen Person, erhält die entsprechende Rollenkarte und die darauf vermerkten Sonderrechte, mit denen das Regelkonstrukt etwas erleichtert wird. Diese Charaktere können zuweilen ganz schön Einfluss auf das Geschehen nehmen. Der Reiz für diejenigen, die „Auf den Spuren von Marco Polo“ öfters spielen, ist darin begründet, die Fähigkeiten jeder einzelne Rolle ausprobieren zu wollen. Anfänger bekommen die Rollenkarten zugeteilt, in der Experten-Variante kann man sich die Rollen-, aber auch die Reisezielkarten aussuchen.

Dass gerade Vielspieler Lobeshymnen anstimmen, kommt nicht von ungefähr. „Auf den Spuren von Marco Polo“ übt auf die Akteure tatsächlich eine gewaltige Faszination aus. Hat man erst einmal die vielen Einsetz- und Aktionsmöglichkeiten verinnerlicht, werden sie ausgetestet. Es ist tatsächlich auch spielentscheidend, die Rolle der historischen Person, die einer übernommen hat, gewinnbringend einzusetzen, beziehungsweise andere Mitspieler genau darin zu bremsen.

Pro Spieler muss man bei „Auf den Spuren von Marco Polo“ gut 30 Minuten ansetzen. Was bedeutet, dass eine Viererpartie gut und gerne zwei Stunden dauert. Verschnaufpausen erlaubt einem das Spiel nicht. Vieles gilt es überlegen, zu planen, so dass die Zeit eigentlich schnell vergeht.

Vielleicht ist „Auf den Spuren von Marco Polo“ das beste Spiel des aktuellen Jahrgangs. Im Juli, wenn die Jury Spiel des Jahres ihr Kennerspiel 2015 kürt, oder im Oktober, wenn feststeht, welches Spiel den Deutschen Spielepreis erhält, werden wir sehen, ob der Hans im Glück Verlag seinem Namen wieder einmal alle Ehre gemacht hat.

Mehr Spiele auch im Internet unter swp.de/spieletest