Winnenden-Prozess: Schöffe entlassen
Stuttgart. Das Landgericht hat einen der Schöffen im Winnender Amok-Prozess gefeuert: Der Mann hatte Polizisten beleidigt und mit seinem Ehrenamt geprotzt.
Die Reihen lichten sich im großen Schwurgerichtssaal des Stuttgarter Landgerichts: Wo zu Prozessbeginn Mitte September noch drangvolle Enge herrschte, wird es zunehmend übersichtlich bei der juristischen Aufarbeitung des Amoklaufs von Winnenden, dem vergangenes Jahr 16 Menschen zum Opfer fielen. Seit der Angeklagte, der Vater des Mordschützen Tim K., der Verhandlung fernbleiben darf, nehmen auch zahlreiche Angehörige der getöteten Kinder nicht mehr teil. Nun fehlt auch ein Schöffe. Das Gericht hat den Mann gestern auf Antrag der Staatsanwaltschaft wegen Befangenheit entlassen. Sturzbetrunken und nicht ansprechbar hatten Polizisten ihn Ende Oktober nach Mitternacht in der Innenstadt auf dem Gehweg gefunden. Er zeigte sich wenig dankbar dafür, dass sie ihn weckten, um Mantel und Aktentasche mit fast 80 handschriftlichen Notizen der ersten Verhandlungstage zu übergeben. "Typisch Polizei", soll er gelallt haben, "sie ist nur da, wenn man sie nicht braucht". Weil der 59-Jährige nicht mehr gehen konnte, brachten ihn die Beamten in eine Ausnüchterungszelle, was der Schöffe mit massiven Beschimpfungen ("Idioten", "Scheißkerle") begleitete. Schlimmer noch: Er drohte mit seiner Tätigkeit. Er sei Schöffe im Amokprozess, also sollten die Polizisten vorsichtig sein, damit sie ihr Tun nicht bereuten. Mittlerweile bereut der Mann selbst.
Die Staatsanwaltschaft unterstellte Voreingenommenheit gegen die Polizei, die meisten Nebenkläger schlossen sich der Ansicht an. Der Vorsitzende Richter Reiner Skujat sah es ähnlich: Das Verhalten des Laienkollegen gehe weit über die Grenze des Tolerierbaren hinaus, auch wenn sich der Schöffe für sein Verhalten später entschuldigt habe. Das Verfahren wird nun mit einem Ersatzschöffen fortgesetzt, der von Beginn an dabei war.
Gestern sagten einige Gutachter zu den Waffen aus, die Tims Vater im Keller hortete. Ein Schusswaffenexperte der Kriminalpolizei sezierte das Arsenal historischer Nachfertigungen, Gaspistolen, Schreckschussrevolvern und Gewehren, die nahezu alle in sportlichen Disziplinen verwendet werden konnten. Für geringe Mengen an Munition, für die Jörg K. keine Berechtigung hatte, machte der Kommissar den bei Waffennarren üblichen "Sammeltrieb" verantwortlich. Der einzige grobe Verstoß: Jene Beretta-Pistole, die der Unternehmer samt Munition als Schutz vor Einbrechern im Schlafzimmer verwahrte. Es war genau diese Waffe, mit der Tim K. seinen Amoklauf beging.
Ob Tim den Code des Waffentresors kannte, bleibt aber weiter unklar. Zwei ehemalige Mitschüler konnten dazu gestern keine Angaben machen. Beide erinnerten sich nur daran, dass der Vater ihnen einmal mehrere Waffen präsentiert hat. Sie gingen davon aus, dass nicht Tim K., sondern der Vater damals den Tresor geöffnet hatte.
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Autor: ANDREAS BÖHME | 10.11.2010
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