Warten auf das Urteil

Auf eine Strafe ohne Bewährung für den angeklagten Vater hoffen heute die Eltern der meisten Opfer des Amoklaufs von Winnenden. Den Prozess vor dem Landgericht Stuttgart mussten sie erkämpfen.

Das Foto von Nicole war immer dabei im Prozess gegen den Vater des Amokläufers. Barbara Nalepa hatte das Bild fest umklammert, es schien ihr im Stuttgarter Landgericht den notwendigen Halt zu geben, diese vielen Details über den langsamen Tod der Tochter zu erfahren und zu verkraften. Die 16-Jährige wurde am 11. März 2009 im Zimmer 301 der Albertville-Realschule Winnenden erschossen. Die Zehntklässlerin war eines der Opfer von Tim K. (17), der diese Schule früher auch besuchte. Im selben Raum wie Nicole starben weitere fünf Schüler, in Raum 305 wurden drei Mädchen getötet, auf dem Flur des Schulhauses überlebten zwei Lehrerinnen den Kugelhagel nicht, im Chemiesaal wurde eine Lehrerin tödlich getroffen. Auf der Flucht brachte Tim drei Männer um, ehe er sich in Wendlingen selber richtete.

"Ich wollte ihr (Nicole) zeigen, wie ich sie liebe und für sie kämpfe", erklärte Barbara Nalepa ihre Anwesenheit im Saal 1 des Landgerichts. Mit Ehemann Christoph kam sie an jedem der 28 Prozesstage. Im Plädoyer hat sie dem angeklagten Vater des Mörders ihrer Tochter, Jörg K., "schlimme Fehler" vorgeworfen. In seiner Familie sei es "nur um Geld, Macht und Ego" gegangen. Niemand unter den Nebenklägern bezweifelt, dass die Familie wusste, dass der Sohn einen "Hass auf die ganze Welt" und Tötungsphantasien hatte. Bei fünf Terminen in der Psychiatrieklinik am Weißenhof in Weinsberg (Kreis Heilbronn) hätten Tims Eltern dies erfahren, bestätigte eine Betreuerin der Familie. Dass der Vater nicht erkannt habe, was in seinem Sohn vorging, erklärten die Verteidiger mit einer beiderseitigen "Gefühlsausdrucksschwäche".

Während Jörg K. dem Prozess meistens fernblieb, machten sich Eltern, die ihre Kinder verloren haben, Gedanken über den Massenmörder, der immer und überall unter Druck gestanden habe, zuhause, in der Schule, beim Sport. "Der Junge schrie nach Hilfe", glaubt Jürgen Marx, dessen Tochter Selina auch in der 10d getötet worden ist.

Die Angehörigen der Opfer hatten kämpfen müssen, damit dieser Prozess mit seinen 43 Nebenklägern und 19 Anwälten überhaupt zustande gekommen ist. "Man muss unbequem sein und auf den Putz hauen, damit man überhaupt wahrgenommen wird", ärgerte sich einer der Nebenkläger. Erstmals steht vor einem deutschen Gericht ein Waffenbesitzer, durch dessen eingestandenes Fehlverhalten ein Amoklauf möglich wurde. Jörg K. hatte die Tatwaffe frei zugänglich zu seinen Pullovern gesteckt, um raschen Zugriff zu haben, falls Einbrecher kämen. Die Munition lag offenbar im Haus herum. Vorsicht ließ der Mann nicht walten, obwohl er seit 30 Jahren einen Waffenschein besitzt und die Vorschriften kennen müsste.

Zunächst hatte es so ausgesehen, als würde der Fall mit einem Strafbefehl abgeschlossen. Für Jörg K. sollte nach Ansicht der Staatsanwaltschaft eine einjährige Bewährungsstrafe genügen. "Das wäre so gewesen, wie wenn ich mit dem Auto im Halteverbot ein Knöllchen kriege", empörte sich Birgit Schweitzer, die um Tochter Selina trauert. Am 29. Juni 2009 waren die Angehörigen über den Stand der Ermittlungen informiert worden. Dabei habe sich abgezeichnet, "dass die Sache unter den Teppich gekehrt werden soll", erzählt ein verärgerter Vater.

Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger haben sie zu verdanken, dass Jörg K. in einem Prozess zur Rechenschaft gezogen wird. Zwar wurde dieser eröffnet wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz, doch der vorsitzende Richter Reiner Skujat wies darauf hin, dass auch eine Bestrafung wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen und fahrlässiger Körperverletzung in mindestens 13 Fällen möglich sei. Die Staatsanwälte beantragten eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren. Die Verteidiger wollen einen Freispruch, weil ihr Mandant bereits genug bestraft sei.

Die Angehörigen wollten keine Rache sondern Aufklärung, sagten sie unisono. "Ich möchte in Erfahrung bringen, weshalb meine Tochter im Alter von 26 Jahren gewaltsam sterben musste", sagte Herbert Abele aus Schwäbisch Gmünd. Seine Tochter Michaela (26) war eine der drei getöteten Lehrerinnen. Wie er fordern die Eltern eine Strafe, die auch der allgemeinen Abschreckung dient, damit durch herumliegende Waffen nicht noch mehr Menschen sterben. Von dem Prozess müsse ein Signal ausgehen, damit das Waffengesetz wesentlich verschärft werde. Wenn sich eine "solche Schreckenstat" wiederhole, weil nicht alles getan werde, sie zu verhindern, sei dies "ein Schlag ins Gesicht der Opfer und der Hinterbliebenen", erklärte Abele.

Seit fast zwei Jahren müssen sich die Angehörigen und verletzten Opfer in einer veränderten Welt zurechtfinden. Manche sprechen von einem "Weg durch die Hölle". Die Freude am Leben, die frühere Fröhlichkeit und Unbeschwertheit sind passé. Der tägliche Gang zum Friedhof zeigt, wie sehr die Getöteten vermisst werden. Mehrere Hinterbliebene feiern kein Weihnachtsfest mehr, "weil jemand fehlt". Manche machen einen großen Bogen um die Kirche, weil sie den Glauben an Gott verloren haben. Einige der Eltern werden am 27. März die Landtagswahl boykottieren. Sie haben kein Vertrauen mehr in den Staat ganz allgemein, sie fühlen sich "wie in einer Bananenrepublik, in der die Waffenlobby den Ton angibt".


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Autor: HANS GEORG FRANK | 10.02.2011

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