Über allem lastet Schweigen
Tim K. erschoss 15 Menschen und danach sich selbst. Nun sitzt sein Vater vor Gericht. Für die Hinterbliebenen ist das die erste direkte Konfrontation. Nicht alle können die Begegnung ertragen.
Barbara Nalepa atmet tief. Mit jeder Minute, mit der sich der Beginn der Gerichtsverhandlung verzögert, wird es schwieriger, die Tränen zurückzuhalten. Die Frau streichelt die Hand ihres Mannes, schluckt, vergräbt das Gesicht in den Händen. Um sich herum hört sie die Stimmen, das Geplapper, gelegentliches Lachen. Und dennoch scheint sie weit weg. Sie sitzt zwar im Großen Saal des Stuttgarter Landgerichts, aber tief im Innern ist sie bei ihrer toten Tochter.
Nicole Nalepa starb am Vormittag des 11. März 2009. Im Kugelhagel, auf der Schulbank in der Winnender Albertville-Realschule. Gemeinsam mit Lehrerinnen, Mitschülern, Passanten. 15 Menschen erschießt der Amokläufer Tim K., der 16. Tote ist er selbst. Oberflächlich gilt der gestern begonnene Prozess seinem Vater, aber tief im Herzen der Überlebenden, der damals Verletzten, der Eltern der getöteten Schüler gilt dieser Prozess dem Todesschützen selbst.
Mehr als eine Stunde warten die gut 40 Nebenkläger bereits, der große Saal wurde für diesen Ansturm eigens umgebaut, und trotzdem ist für einige wie Barbara Nalepa nur noch Platz im Zuschauerraum. Gleich dahinter drängen sich Journalisten, handverlesen und lange zuvor akkreditiert - und so streng kontrolliert wie die rund 50 Zuschauer. Die Sicherheitsstufe ist hoch, die Justiz befürchtet Übergriffe auf den Angeklagten. Aber sie hat auch Nachbarzimmer reserviert, als Ruheraum und Stätte der Seelsorge. Ein katholischer Priester steht für den Notfall bereit.
Die Hauptverhandlung gegen Jörg K. beginnt mit einer Dreiviertelstunde Verspätung. Die drei Berufsrichter der 18. Strafkammer und drei Schöffen, darunter einer als Reserve, betreten den Schwursaal und bitten die beiden Kamerateams, die ihre Bilder mit all denen teilen müssen, die wegen der engen Platzverhältnisse nicht zugelassen wurden, hinaus. Erst danach betritt Jörg K. den Saal: Ein gedrungener Mann mit grauem Bart und dunkler Kleidung, der deutlich älter scheint als seine 51 Jahre. Hinter den Betonschutzwänden dieses terrorsicheren Verhandlungstraktes geht er als Allerletzter auf seinen Platz.
Kein Gericht kann einen Mann, der seit der Tat seines Sohnes im Schutze einer falschen Identität in einer fremden Stadt wohnt, zwingen, sich filmen und fotografieren zu lassen. Als sich der Vater des 17-jährigen Amokschützen wortlos neben seine Anwälte setzt, kommen Barbara Nalepa die Tränen.
41 Nebenkläger werden aufgerufen, einer nach dem anderen nennt die Namen jenes Opfers, das er vertritt. Nur einmal korrigiert der Vorsitzende: "Ich bin Vater der ermordeten Sabrina", sagt ein Angehöriger mit fester Stimme. "Der getöteten Sabrina", präzisiert der Richter.
Denn dies ist kein Mordprozess. Jörg K., der Waffennarr und Sportschütze, der seinen Sohn Tim im Schießen unterwies, hat niemanden umgebracht. Von der Anklage der fahrlässigen Tötung in 15 Fällen und der Körperverletzung in weiteren 13 ist nur übriggeblieben, dass er seine Beretta-Pistole nicht ordentlich verwahrt hat, so dass sein Sohn Tim an diese Waffe und fast 300 Schuss Munition kommen konnte. Das Gericht will klären, ob die Bluttat auch dann hätte passieren können, wenn K. die Waffe nicht im Kleiderschrank, sondern im Tresor eingeschlossen hätte.
Den Hinterbliebenen geht es um mehr. "Die Eltern hoffen auf ein klares Signal", eine Erklärung, eine Entschuldigung, ein Eingeständnis des Vaters, meint der Anwalt Jens Rabe, der mehrere Angehörige und Verletzte vertritt. Sie hoffe, sagt eine Mutter, "dass er sich als Mensch zeigt". Der Mensch Jörg K. indes zeigt zwar sein Gesicht, aber er verbirgt seine Gedanken.
Die Staatsanwältin lässt, als sie die Anklageschrift verliest, keinen Zweifel an ihrer Rechtsauffassung: Sie beleuchtet die Entwicklung des späteren Täters, seine psychische Erkrankung, seine Schießübungen - und in allen Einzelheiten die Abfolge der Tat. Sie nennt die Namen der Opfer, beschreibt, wie Tim diese erschoss und wo. Sie macht klar: Auch der Anklage geht es um mehr als um die Codenummer des Waffentresors und der Frage, ob Tim sie knacken konnte.
Die Verteidiger antworten mit einer prozessualen Besonderheit: Einer Erklärung, die wie ein Schlussplädoyer klingt und zunächst auch wie die sehnlichst erwartete Entschuldigung. Sie sprechen vom unermesslichen Leid, das nie verheilt und vom Mitgefühl ihres Mandanten. Erwähnen dann die Familie des Täters, die psychologisch behandelt wird und Morddrohungen erhält, die sozial isoliert und auf der Flucht vor der Öffentlichkeit ist, die eine Tochter zu betreuen und auch einen Sohn verloren hat. Dann schwenken sie um und erbitten Straffreiheit, rügen die Staatsanwaltschaft, die dem Mediendruck nachgegeben habe, beklagen mangelnde Objektivität und mahnen das Gericht, streng zu trennen zwischen den Taten des Vaters und des Sohnes. Und eine überwältigte Barbara Nalepa verlässt den Saal.
Diese Erklärung ist eine der Verteidigung, ausdrücklich nicht die des Angeklagten, der zwischendurch immer wieder den Blick senkt - aber wohl ähnlich denkt. Diese Erklärung, entgegnen die Nebenkläger, ist eine "einzigartige Demonstration, dass klug und gescheit nicht Eins sind". Soll heißen, dass das geäußerte Mitgefühl angesichts des gleichzeitigen Trachtens nach Straffreiheit entwertet wird. Es wäre, ergänzt ein Anwalt, "mehr Einfühlsamkeit geboten". Als deutlich wird, dass der Angeklagte selbst weder Angaben zur Person noch zur Sache machen wird, ruft ein Zuhörer laut: "Feige!".
Zwei Dutzend Verhandlungstage sind angesetzt, einschließlich der Aussagen überlebender Zeugen. Muss das alles wirklich sein, nur um zu klären, dass eine Waffe nicht in den Kleiderschrank gehört? Aber diese Verhandlung ist der einzige Weg, den Amoklauf vor irdischen Richtern aufzuarbeiten. Egal, welches Urteil am Ende steht und wie schwer es den Angehörigen fällt, der Verhandlung und ihren juristischen Spitzfindigkeiten zu folgen. Barbara Nalepas Tochter Nicole starb unschuldig in der Schule, in staatlicher Obhut. Ein gerechter Staat ist ihr diesen Prozess schuldig.
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Autor: ANDREAS BÖHME | 17.09.2010
Die Anklagebank im Stuttgarter Landgericht blieb lange leer. Erst nachdem die Kamerateams den Gerichtssaal verlassen hatten, nahm Jörg K., der Vater des Amokläufers von Winnenden, seinen Platz ein. Er muss sich wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz verantworten. Foto: dpa
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