Schüler glaubten an Scherz

Stuttgart.  Wahlloses Töten aus kurzer Entfernung: Die Opfer des Amokläufers von Winnenden hatten kaum eine Chance zu überleben, sagte ein Gerichtsmediziner gestern im Prozess gegen den Vater von Tim K.

Tim K. hat bei seinem Amoklauf in Winnenden und Wendlingen auf die neun getöteten Schüler "nicht gezielt und ausgewählt" geschossen. Diesen Schluss zog der Gerichtsmediziner Heinz-Dieter Wehner (67) aus der Begutachtung der Leichen. "Es ist keine Selektion zu erkennen", sagte er vor dem Landgericht Stuttgart, wo gegen den Vater prozessiert wird, weil er die Tatwaffe nicht ordnungsgemäß gesichert hatte. Die von Wehner untersuchten Opfer seien so schwer verletzt worden, dass der sofortige Tod eingetreten sei. Eine Referendarin etwa sei mindestens vier Mal getroffen worden.

Die ersten Opfer Tims hielten dessen überraschendes Auftauchen im Klassenzimmer für einen "verfrühten Abschlussscherz", wurde eine angeschossene Schülerin im polizeilichen Vernehmungsprotokoll zitiert. "Oh, mein Gott, es ist echt", habe die Lehrerin geschrien und die Tür zugeschlossen, nachdem Tim gegangen war. Er sei nur etwa 30 Sekunden im Türrahmen gestanden, dabei hatte er fünf Menschen erschossen - aus kurzer Entfernung, denn Ziele waren vor allem Kinder in den Reihen direkt vor der Tür.

In dem Autohaus in Wendlingen, wohin Tim zuletzt geflüchtet war, muss es eine geradezu blindwütige Schießerei gegeben haben. Ein Verkäufer erlitt durch elf Kugeln derart viele schlimme Verletzungen, dass er "überhaupt nicht mehr zu retten" gewesen sei. Der Mann habe noch versucht, sich mit dem linken Arm zu schützen. Einem zufällig anwesenden Kunden feuerte der Täter dreimal in den Kopf. Die schwere Schädel-Hirnverletzung sei "mit dem Leben nicht mehr vereinbar" gewesen, drückte sich der Gerichtsmediziner aus. Im Autohaus war durch die Projektile auch Sachschaden von 85 000 Euro entstanden.

Wehner war sicher, dass sich der damals 17-Jährige durch einen "aufgesetzten Nahschuss mitten auf die Stirn" selber gerichtet hat: "Das war die Todesursache." Diese Form des Selbstmordes sei "in typischer Weise" geschehen. Nach zwei Einschüssen an den Beinen - Treffer eines Polizisten - sei er "noch bewegungsfähig" gewesen, habe aber die Schmerzen wohl nicht unbedingt wahrgenommen - "wie im Krieg".

Ob der Amoklauf vorhersehbar war und damit auch dem angeklagten Vater eine Mitschuld anzulasten ist, konnte Wehner nicht beurteilen. Aus langjähriger Erfahrung wisse er, dass es sich bei solchen Verbrechen um Menschen handle, "die in diesem Moment geistig nicht richtig strukturiert" seien. Eine toxikologische Untersuchung habe keine Spuren von Drogen oder Alkohol im Körper des Täters ergeben.

Im Prozess gegen den Unternehmer Jörg K. (51) ist die Rolle der Geisel des Sohnes noch ungeklärt. Igor W. war am 11. März 2009 von Tim mit der Waffe gezwungen worden, zwei Stunden lang durch die Gegend zu fahren. Der 43-jährige Spätaussiedler leidet nach Angaben seines Anwalts unter "schwerster Traumatisierung mit psychovegetativen Folgen". Er sei fünf Wochen lang in einer Klinik behandelt worden und habe Angst beim Autofahren, "vor allem beim Halten vor Ampeln".

W. sieht sich nach der Geiselnahme als Opfer einer Körperverletzung und will daher als Nebenkläger im Prozess zugelassen werden. Die Staatsanwaltschaft und die beiden Verteidiger des Angeklagten lehnen dies ab. Die Staatsanwaltschaft hält eine Verurteilung wegen Geiselnahme für "völlig undenkbar". Der Zustand des unfreiwilligen Fahrers habe sich verschlechtert wegen des " unverantwortlichen und distanzlosen Verhaltens der Medien". Einzig in einem Verfahren gegen den Amokläufer selber wäre Igor W. nach Auffassung der Staatsanwaltschaft "nebenklagebefugt".

Im Prozess, der zunächst bis 11. Januar 2011 terminiert ist, wird Igor W. auf jeden Fall gehört. Er ist für 30. November als Zeuge geladen.


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Autor: HANS GEORG FRANK | 06.10.2010

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