Hinterbliebene wollen Vater des Amokläufers sehen

Stuttgart.  Am 11. März 2009 erschoss Tim K. in Winnenden und Wendlingen 15 Menschen und beging dann Selbstmord. Erstmals wird in Deutschland ein Prozess geführt, bei dem ein Unbeteiligter nach einem Amoklauf vor Gericht steht: der Vater des Täters.

Gisela Mayer kommt an diesem sonnigen Morgen im dunklen Kostüm und sorgfältig geschminkt. Vor dem Seiteneingang des Landgerichts Stuttgart warten schon die Kameras auf die Frau, die nach dem fürchterlichen Amoklauf von Winnenden für viele  Opfereltern sprach. Auch an diesem Donnerstag gelingt es Mayer, die ihre Tochter am 11. März 2009 verlor, trotz der Anspannung  die Haltung zu wahren. „Ich hoffe, dass er sich als Mensch zeigt“, sagt sie über den angeklagten Vater des Amokläufers, dem sie  in wenigen Minuten erstmals in die Augen sehen wird.

Wie bleischwer sich ihre Glieder anfühlen müssen, offenbart Mayer erst später: „Das können Sie sich gar nicht vorstellen, wie  schwer so ein Gang sein kann.“ Carlos Bolesch hat es etwas einfacher. Er ist Sprecher des Aktionsbündnisses Amoklauf  Winnenden, stammt auch aus der Kleinstadt nahe Stuttgart, hat aber damals in der Albertville- Realschule keine Angehörigen  verloren. Bolesch hat viele Gespräche mit Eltern geführt und weiß: „Der Prozess ist ein Berg, über den die Angehörigen drüber müssen.“

Für den Fall, dass Angehörige der Opfer den Prozess nicht durchstehen können, wurden Vorkehrungen getroffen. Neben dem  großen Gerichtssaal mit 160 Sitzplätzen ist ein Rückzugsraum eingerichtet für die Hinterbliebenen, die auch als Nebenkläger  auftreten. Ein katholischer Seelsorger steht für den Notfall bereit.

Ob der 51-jährige Vater von Tim K. den Erwartungen der Angehörigen entsprechen kann, kommentiert sein Anwalt Hans Steffan  vor Beginn des Prozesses mit den Worten: „Das Verfahren hat ihn in erheblichem Maße gezeichnet - psychisch und körperlich. Wir  hoffen, dass er es unbeschadet übersteht.“

Der Angeklagte wird in letzter Minute durch einen Hintereingang in den Gerichtssaal geschleust. Er gilt als gefährdet, soll Morddrohungen erhalten haben. Alle Zuhörer und Journalisten werden penibel durchsucht, sogar ein Sprengstoffhund schnüffelt  vor Beginn durch den Gerichtssaal. Noch bevor der Vater im Saal Platz nimmt, müssen die Kameraleute den Saal verlassen. Er  wolle sich nicht vorführen lassen, erklärte eine Gerichtssprecherin.

Dem Angeklagten wird ein Verstoß gegen das Waffengesetz vorgeworfen. Die Tatwaffe hatte er im unverschlossenen Schlafzimmerschrank aufbewahrt. Sein 17 Jahre alter Sohn hatte mit der Pistole an seiner ehemaligen Schule zwölf Schüler und  Lehrer ermordet und weitere drei Menschen bei seiner Flucht getötet. Dann nahm er sich das Leben.

Die Hinterbliebenen der Opfer wollen eine klare Entschuldigung. Sie hoffen auch auf eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung,  um damit die Dimension des väterlichen Versagens zu unterstreichen, wie der Waiblinger Rechtsanwalt Jens Rabe erklärt. „Das  Strafmaß spielt keine Rolle“, sagt Bolesch, der Sprecher des Aktionsbündnisses. Die Angehörigen hegten keine Rachegefühle.

Es gebe eine Reihe von offenen Fragen, „zum Beispiel, in welchem psychischen Zustand sich der Amokschütze in den Monaten  davor befand und ob der Vater davon wusste“, sagt Rabe. Der Prozess müsse beleuchten, ob der Vater und die Mutter von den  psychischen Problemen ihres Sohnes wussten. Tim K. war Monate vor dem Amoklauf in der Klinik für Kinder- und  Jugendpsychiatrie in Weinsberg zu mehreren Gesprächen mit einer Psychologin. Dort berichtete er über Mord- und Tötungsfantasien, die ihn quälten. Die Eltern bestreiten, davon gewusst zu haben.

Hardy Schober vom Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden äußerte sich vor Beginn des Prozesses nicht. Zuvor hatte er der  Nachrichtenagentur dpa gesagt: „Wir wollen keine Rache.“ Er habe immer gesagt, er wolle „dem Vater in die Augen sehen“. Es sei  ut, dass der Prozess stattfindet. „Alles andere wäre undenkbar gewesen.“ (dpa)


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