Amok-Prozess: Gutachter soll befangen sein

Stuttgart.  Nach einem Schöffen steht nun auch ein psychiatrischer Gutachter im Winnenden-Prozess vor der Ablösung wegen Befangenheit. Er hatte Opfer behandelt.

Der Amokläufer von Winnenden hat sich nach Aussagen eines Polizisten vor der Tat mit einem "Leben nach dem Tod" beschäftigt. Wie der Waiblinger Kriminalhauptkommissar gestern im Winnenden-Prozess vor dem Stuttgarter Landgericht aussagte, hatte er mit Kollegen kurz nach dem Amoklauf im Zimmer des 17-Jährigen Dokumente mit Titeln wie "Tod aus Spaß" und "Abwehrmechanismen des Ichs" gefunden. Auch eine Zeitung vom Vortag mit einem Bericht zu einem Amoklauf in Paris habe dort gelegen, sagte der 49-jährige Polizist. In einem Fragebogen zur Musterung von Tim K. habe gestanden, er leide seit 2008 unter Depressionen. Aus den Waffenschränken des Vaters im Keller seien 5000 Schuss Munition sichergestellt worden.

Der Vater von Tim K. muss sich vor Gericht verantworten, weil er eine Pistole unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrt hatte. Damit hatte sein Sohn in Winnenden und Wendlingen 15 Menschen und sich selbst erschossen.

Nachdem vergangene Woche bereits ein Schöffe wegen Befangenheit entlassen wurde, steht nun auch der psychiatrische Gutachter Reinmar du Bois vor der Ablösung. Die Verteidiger des Angeklagten hatten am Donnerstag einen Befangenheitsantrag gestellt, die Staatsanwaltschaft schloss sich dem an. Du Bois hatte für die Staatsanwaltschaft die Persönlichkeit von Tim K. analysiert - gleichzeitig soll er aber ein überlebendes Opfer des Amoklaufs psychiatrisch betreut haben.

Das Gutachten des Leiters der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Stuttgart war bereits im Vorfeld des Prozesses kritisiert worden. Der renommierte Tübinger Gerichtsgutachter Peter Winckler, der du Bois Expertise im Auftrag der Opferfamilien überprüfte, kam zum Schluss, die Thesen des Kollegen seien teils "völlig spekulativ", "abenteuerlich" und "unseriös". Du Bois hatte unter anderem die hart kritisierte Ansicht vertreten, Tim K. habe die Tat begangen, weil ihn masochistische Sexphantasien gequält hätten. Er kam aber auch zum Schluss, dass Tims Eltern die psychische Störung ihres Sohnes hätten bemerken müssen - eine Frage, die für den Prozess von großer Bedeutung ist. Du Bois soll laut Angaben des Landgerichts Stuttgart morgen als Zeuge aussagen. Die Verteidigung will einen anderen Gutachter beauftragen. lsw/rom


zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

Sie können noch Zeichen als Text schreiben
Für registrierte Nutzer
Bitte anmelden, um Ihren Kommentar abzuschicken
Für noch nicht registrierte Nutzer
Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken.








Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:


Autor: SWP | 17.11.2010

Der Amoklauf von Winnenden

Amoklauf von Winnenden: Prozess beginnt von vorne

Karlsruhe Der Prozess gegen den Vater des Amokläufers von Winnenden und Wendlingen muss neu geführt werden. Der Bundesgerichtshof (BGH) hob das Urteil des Landgerichts Stuttgart, das eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung vorsah, wegen eines Rechtsfehlers auf.... mehr

Weiße Rosen für die Opfer

Winnenden Drei Jahre nach dem Amoklauf gedachten gestern in Winnenden mehr Menschen als im Vorjahr der Opfer. In mehreren Gottesdiensten und mit einer Lichterkette wurde an die Getöteten erinnert.... mehr

Protest gegen Sportwaffen fand wenig Resonanz

Eine Demonstration der Initiative "Keine Mordwaffen als Sportwaffen" hatte am Samstag nur geringe Resonanz. 16 Personen marschierten von Weiler zum Stein, wo der Amokläufer wohnte, zum Tatort in Winnenden.... mehr

Gedenken in Winnenden

Winnenden Drei Jahre nach dem Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden haben gestern rund 400 Menschen an die Opfer erinnert. Um 9.33 Uhr läuteten in der Stadt alle Kirchenglocken - zu dieser Zeit vor drei Jahren war der erste Notruf eines Schülers bei der Polizei eingegangen.... mehr

Amoklauf von Winnenden: Vater soll zahlen

Winnenden Die Stadt Winnenden verlangt von den Eltern des Amokläufers Tim K. Schadenersatz in Höhe von 14 Millionen Euro. Bei diesem Betrag handelt es sich nach Angaben von Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth um all jene Ausgaben, die durch das Verbrechen vom 11. März 2009 notwendig geworden seien.... mehr

KOMMENTAR · WINNENDEN: Lebenslang

Familie K. heißt heute anders. Eltern und Schwester des Amokläufers Tim leben mit neuer Identität im Geheimen. Der Vater wurde in einem beispiellosen Mammutprozess der fahrlässigen Tötung für schuldig befunden - weil er die todbringende Waffe und Munition herumliegen ließ.... mehr

Kampf um Millionen

Jetzt geht es um finanzielle Folgen des Amoklaufs von Winnenden. Die Stadt verlangt von den Eltern des Täters 14 Millionen Euro. Das Urteil des Landgerichts Stuttgart gegen den Vater ist dabei unerheblich.... mehr

Um 9.33 Uhr läuten am Sonntag die Glocken

Der dritte Jahrestag des Amoklaufs wird am kommenden Sonntag mit einem öffentlichen Gedenken ab 9.30 Uhr auf dem Marktplatz von Winnenden begangen. Um 9.33 Uhr läuten die Kirchenglocken - zu diesem Zeitpunkt drang vor drei Jahren der Verbrecher in die Albertville-Realschule ein.... mehr

Ein leeres Zimmer und ein leerer Platz am Tisch

Hardy Schober hat beim Amoklauf eine Tochter verloren und kämpft seither für ein verschärftes Waffengesetz. Jetzt hat er ein Buch geschrieben.... mehr

Stilles Gedenken auf Winnendens Marktplatz

Winnenden Fern des Tatorts wird die Stadt Winnenden am 11. März an die Opfer des Amoklaufs in der Albertville-Realschule erinnern. Auf dem Marktplatz ist ein stilles Gedenken vorgesehen - ohne politische Beiträge.... mehr