Landesweit mehr Empfehlungen fürs Gymnasium als tatsächliche Übergänge
Stuttgart. In Baden-Württemberg wechseln immer mehr Grundschüler aufs Gymnasium. Allerdings klafft hier eine Lücke zwischen deutschen und ausländischen Schülern. Die Hauptschule ist immer weniger gefragt.
"Alle waren schon wochenlang vor dem Halbjahreszeugnis komplett aufgeregt und standen unter einem enormen Druck", schildert die Mutter aus Ulm die Situation in der Klasse ihrer Tochter. Denn die Noten im Halbjahreszeugnis sowie das Lern- und Arbeitsverhalten der Kinder sind Ausschlag gebend dafür, welche Schulart die Klassenkonferenz für das Kind als geeignet sieht. Wer in Mathe und Deutsch schlechter als 2,5 steht, bekommt etwa keine Empfehlung fürs Gymnasium. "Aber genau dahin wollen die meisten Eltern ihr Kinder schicken", sagt die Mutter.
Ihre Erfahrung entspricht einerseits den neuesten Zahlen, die das Statistische Landesamt in Baden-Württemberg vor kurzem zu den Übergängen auf weiterführende Schulen vorgelegt hat. Demnach befindet sich das Gymnasium weiter im Aufwärtstrend. So haben die Übergänge erstmals die 40-Prozent-Hürde überschritten. Andererseits unterscheidet sich der persönliche Eindruck oft von der Wirklichkeit. So werden von den Schulen viel mehr Empfehlungen für das Gymnasium ausgesprochen als dann tatsächlich in Anspruch genommen werden: nämlich 48,7 Prozent landesweit. 17,1 Prozent der Eltern bevorzugten es jedoch, ihr Kind auf eine andere Schule zu schicken. Dabei spielt auch das G8 eine Rolle. "Viele Eltern haben Angst, ihr Kind könnte das nicht schaffen", sagt Stefan Meißner, Pressesprecher für die Abteilung beim Regierungspräsidium Tübingen.
Dass auch das Umfeld die Entscheidungen der Eltern beeinflusst, sieht man an den Unterschieden zwischen Stadt und Land sowie zwischen mehr und weniger akademisch geprägten Regionen. Ein Beispiel: Die Übergänge aufs Gymnasium waren mit 58,2 Prozent im Stadtkreis Heidelberg - einer Universitätsstadt mit langer Tradition - am höchsten im ganzen Land. Am niedrigsten mit 27,8 Prozent im Hohenlohekreis, der eher ländlich geprägt ist.
Sind Eltern mit der Empfehlung der Schule nicht einverstanden, müssen sie das der Schule melden und "die Empfehlung entziehen", erklärt Carina Olnhoff, Pressesprecherin im Kultusministerium in Stuttgart. Dann kommt es zu einem Beratungsverfahren. Ein speziell ausgebildeter Beratungslehrer wird hinzugezogen. Er spricht mit den Eltern und testet das Kind hinsichtlich seiner Begabungen und seines Potienzials. "Dann trifft sich die Klassenkonferenz erneut und stimmt ab", sagt Olnhoff.
Bleibt es bei der ursprünglichen Empfehlung und die Eltern sind wiederum nicht einverstanden, folgt die dritte Stufe: eine Aufnahmeprüfung. Nach dem Bildungsplan der vierten Grundschulklasse wird der Schüler in Mathe und Deutsch schriftlich und mündlich geprüft. Aus den Noten ergebe sich dann - wiederum muss in beiden Fächern mindestens eine 2,5 erreicht werden - ob das Kind eine höhere Schule als empfohlen, besuchen kann.
An dieser Aufnahmeprüfung haben im Erfassungszeitraum insgesamt 2653 Schüler teilgenommen. Gut zehn Prozent erfüllte auf diesem Weg die Anforderungen für den Übergang auf die Realschule. Lediglich drei Prozent schafften es damit aufs Gymnasium. Akzeptieren die Eltern das Ergebnis der Aufnahmeprüfung nicht, können sie beim zuständigen Regierungspräsidium Widerspruch einlegen. Dieses prüft, ob formal alles korrekt abgelaufen ist, erklärt Meißner. Insgesamt komme das aber sehr selten vor. In den vergangenen fünf Jahren hätte es pro Jahr höchstens fünf solcher Fälle im Regierungsbezirk Tübingen gegeben.
Auch der Weg, die für das Kind gewünschte Schule vor Gericht zu erkämpfen, ist selten. So gibt es einen aktuellen Fall in Konstanz, bei dem die Eltern vor Gericht ziehen wollen. Das Kind eines deutschen Vaters und einer indonesischen Mutter wächst zweisprachig auf und hat Probleme in Deutsch. Die Zweisprachigkeit sei von der Deutschlehrerin nicht berücksichtigt worden, ärgert sich die Mutter. Im Gegensatz zu den Pädagogen ihrer beiden heute 21-jährigen Töchter, die in Deutsch ähnlich Probleme hatten. Beide haben das Abitur gemacht und studieren Wirtschaft mit Schwerpunkt asiatische Sprachen.
Mit ihrem Zorn gegen die Grundschulempfehlung stehen die Eltern aus Konstanz nicht allein da. Der Landeselternbeirat beklagt seit langem, dass die Empfehlungen - besonders bei Kindern mit Migrationshintergrund - oft falsch seien. Trotz der Mühe, die sich die Lehrer geben würden. Dazu käme noch, dass sprachlicher Förderunterricht zusammengestrichen werde.
Die Zahlen des Statistischen Landesamtes belegen, dass Chancengleichheit in Sachen Bildung zwischen deutschen und ausländischen Kindern nicht besteht. Von rund 13 500 Schülern mit Migrationshintergrund wechselte jeder zweite auf eine Hauptschule. Nur gut jeder fünfte ging jedoch aufs Gymnasium. Für die Behörde anscheinend der Normalzustand: "Das Übergangsverhalten zwischen deutschen und ausländischen Schülern fiel zum Schuljahr 2009/10 erwartungsgemäß wieder sehr unterschiedlich aus."
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Autor: ULRIKE SCHLEICHER | 02.03.2010
Die Empfehlungen für die Schüler der vierten Grundschulklasse werden dieser Tage wieder an die Eltern verschickt. Wer nicht damit einverstanden ist, muss dies schriftlich melden. Archivfoto
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