500 Werkrealschulen starten

Stuttgart.  500 Hauptschulen haben die Genehmigung bereits, im September beginnen sie als Werkrealschule. Die neue Schulart müsse gleichwertig zur Realschule werden, fordert Arbeitgeberpräsident Hundt.

Die Wirtschaft des Landes steht hinter der neuen Werkrealschule. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt kritisierte aber die umstrittene Notenhürde, die zwischen der neunten und der zehnten Klasse liegt. "Wir wollen, dass sich die Werkrealschule durchsetzt und ein Erfolg wird", erklärte Hundt gestern bei der Auftaktveranstaltung, mit der das Land jetzt für den neuen Schultyp wirbt.

Hundt lobte, dass die Werkrealschule nicht nur Berufsorientierung, sondern echte Berufsqualifikation vermittle - sofern auch in kleinen Werkrealschulen die gesamte Palette der Wahlfächer angeboten werde. "Wir dürfen keine Branche ausschließen", auch nicht die Bauindustrie, für die es derzeit keine Profilangebote gibt und die sich deshalb benachteiligt fühlt. Es sei lobenswert, dass bewährte Konzepte wie die pädagogischen Assistenten zur individuellen Förderung beibehalten wurden. Die Werkrealschule vollziehe den Schritt, nicht mehr nur ausschließlich Defizite auszugleichen, sondern individuelle Stärken so zu fördern, wie das bei Realschülern und Gymnasiasten längst üblich ist.

Kritik übte Hund allerdings an den auch in der Politik umstrittenen Notenvorgaben, die in der neunten Klasse auf jene Schüler angewendet werden, die in der zehnten die Prüfungen für die mittlere Reife ablegen wollen. Das unterlaufe das im Kern richtige Förderkonzept, so Hundt, und niemand käme auf die Idee, ähnliche Hürden im Gymnasium ein Jahr vor dem Abitur zu errichten, "obwohl es auch dort Kandidaten gibt, die das Abschlussziel verfehlen."

Kultusministerin Marion Schick verteidigte diesen Numerus clausus als Schutzmaßnahme für schwächere Schüler, die vom Realschulabschluss überfordert sein könnten. Sie lässt allerdings Hintertürchen offen und empfiehlt den Lehrkräften, die Ausnahmeregelungen breit anzuwenden, wenn die Pädagogen Chancen für die Schüler sehen. Überdies sei das gesamte Konzept ja nicht in Stein gemeißelt, man werde es gegebenenfalls zeitnah korrigieren. Rund 500 ehemalige Hauptschulen haben bereits die Genehmigung, vom kommenden Schuljahr an als Werkrealschule die Arbeit fortzuführen. Weitere Schulen folgen, deren Anträge seien noch in Bearbeitung.

Einig sind sich Schick und Hund, dass der neue Schultyp mehr Akzeptanz braucht. Für die Arbeitgeber heißt dies: "Die Werkrealschule muss zwingend als gleichwertige Alternative zur Realschule aufgebaut werden, der Abschluss darf keine Mogelpackung sein". Gradmesser, so Hundt, seien die nahtlosen Übergangsquoten in die Berufsausbildung. "Unsere größte Sorge ist das Vertrauen der Eltern in die neue Schule, die haben noch Angst", ergänzt Hauptschulrektorin Dagmar Hahn aus Calw. Dies ahnt auch Schick: Die hohe Zahl der Anträge lasse auf eine gewisse Akzeptanz schließen, sagt die Ministerin. Mit großen Veranstaltungen allein erreiche man aber längst nicht alle Eltern, "oft ist schon die Information in der Schule zu hochschwellig angesetzt". Die Kultusministerin will deshalb mit der Elternstiftung nach neuen Informationswegen suchen, vor allem für Eltern mit ausländischem Hintergrund, die durch Infobroschüren nicht erreicht werden (siehe Infobox).

Der Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart befürchtet, dass schwache Schüler durch die neue Werkrealschule noch mehr ins Hintertreffen geraten. Künftig werde der einfache Hauptschulabschluss noch weniger wert sein als heute schon, sagte Caritasdirektor Johannes Böcker. Dadurch würden sich viele Jugendliche weiter vom Ausbildungs- und Arbeitsmarkt entfernen. Böcker erkennt an, dass die Werkrealschule für die stärkeren Hauptschüler durchaus Vorteile bringe. Sein Verband vermisse allerdings in der Konzeption stringente Lösungswege, wie möglichst alle Schülerinnen und Schüler diesen Abschluss erreichen. Wie Hundt kritisierte auch Böcker den Numerus clausus nach Klasse neun. Wer den geforderten Notenschnitt nicht erreiche, bleibe "auf halber Strecke" hängen. Schon jetzt verlassen rund 7000 Schüler im Südwesten die Schule ohne Abschluss. "Es ergibt keinen Sinn, die Hauptschule zu spalten, alle jungen Menschen sollten die gleichen Chancen auf einen Abschluss haben."


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