Genießen muss gelernt sein

Glasscherben, Flaschen, Gegröle – nicht nur in der Faschingszeit wird das als Indiz dafür gesehen, die Jugend saufe. Dabei geht der Konsum zurück. Wichtig ist aber, verantwortungsvolles Trinken zu lernen.

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An Schultagen ist den Mitgliedern der Wiblinger Clique nichts besonderes anzumerken. Aber an den Wochenenden legen sie los. Da wird Alkohol gekauft, immer harte Sachen, Wodka oder Whiskey zum Beispiel. „Und dann schießen sie sich ab“, sagt Manuel Kaus, Sozialpädagoge und Streetworker in Wiblingen. Wenn die 15- bis 17-Jährigen ihm und seiner Kollegin Marina Schiele erzählen, was sie bei diesen Gelegenheiten so trinken, werde ihnen schon etwas seltsam, sagt Kaus. „Da geht es um Dimensionen wie eine halbe Flasche Wodka auf Ex.“

Obwohl das in den gesundheitlich gefährlichen Bereich geht, kommen Kaus und Schiele nicht mit der Moralkeule, wenn die Jugendlichen von ihren Alkohol-Erlebnissen erzählen. „Denn dann reden sie gar nicht mehr mit uns“, sagt Kaus. Vielmehr versuchen die beiden, mit den Jugendlichen über ihren Konsum zu sprechen und sie zum Nachdenken zu bringen. „Statt zu mahnen, sagen wir zum Beispiel lieber, dass wir uns Sorgen machen.“ Die interessante Beobachtung: Die meisten Jugendlichen sprechen sehr gerne darüber. Gerade in der Pubertät befindet man sich in einer Phase, in der man sich selbst ausprobiert und Grenzen testet, erklärt Kaus. Jemand, der hilft, Vor- und Nachteile des Trinkens abzuwägen, sei durchaus willkommen.

Dass es Eltern aber oft schwerer haben, an die Kinder heranzukommen, bestreitet Kaus nicht, denn gerade von ihnen will sich der Nachwuchs abgrenzen. Verbote bewirken dann das Gegenteil. Oder die Eltern sind zu locker und bringen ihren Kindern das Saufen erst richtig bei. „Das ist immer

eine Gratwanderung, Eltern haben es da nicht leicht“, sagt Kaus.

Warum Jugendliche trinken? Es geht darum, locker zu werden, Hemmungen vor dem anderen Geschlecht zu verlieren, abzuschalten, sagen die Jugendarbeiter. Was eine eher geringe Rolle spiele, sei der Coolnessfaktor. „Man verhält sich ja durchaus peinlich, wenn man zuviel getrunken hat“, sagt Kaus. Am nächsten Tag von seinen Freunden verarscht zu werden, sei nicht unbedingt angenehm. „Was eher vorkommt ist, dass Jugendliche hinterher damit angeben, dass sie viel mehr vertragen haben als ihre Freunde, ohne einen Ausfall gehabt zu haben.“ Da gehe es um Dinge wie sich Erwachsen zu fühlen.

Dass mit Alkoholkonsum Männlichkeit bewiesen werde, spiele eine eher geringe Rolle. „Wir kennen genug Mädchen, die genauso viel trinken wie die Jungs“, sagt Schiele. Die These „Gruppenzwang“ greift ihnen zu kurz. „In allen Cliquen gibt es Leute, die nicht trinken oder rauchen und genauso angesehen sind.“ Zuweilen achten die Freunde sogar darauf, dass der Betreffende nicht auch damit anfängt.

Michaela Goecke, die Leiterin des Suchtreferats in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), hofft, dass Alkohol eine immer geringere Rolle in der Gesellschaft spielen wird: „Die unter 16-Jährigen geben da den Trend vor, bei ihnen geht der Alkohlkonsum deutlich zurück.“ Die Aktion der BZgA „Kenn Dein Limit“, mit der für verantwortungsbewussten Alkoholkonsum geworben wird, habe zudem eine hohe Akzeptanz unter Jugendlichen. Goecke weist aber auch auf die Vorbildrolle der Erwachsenen hin. Was die Eltern oder andere Erwachsene vormachen, habe eine große Wirkung auf Jugendliche. „Alkohol ist nicht zu verharmlosen“, sagt Goecke. Sie hält es daher nicht für angebracht, dass Eltern dem Nachwuchs zum Beispiel ein Bier anbieten, nur weil der jetzt 16 geworden ist. „Je später man zu trinken anfängt, desto besser“, sagt sie. Und wenn die Jugendlichen von selbst darauf kommen, mittrinken zu wollen, sollten die Eltern lieber selbst auf Softdrinks umsteigen.

Das sei zwar gut gemeint, aber nicht unbedingt zielführend, meinen dagegen Kaus und Schiele. Zum einen würden das die meisten Familien auf Dauer kaum durchziehen. Viel wichtiger sei aber: Den Jugendlichen fehlen so die Eltern als Orientierung, wieviel Alkohol okay ist. „Sie haben es viel schwerer, die Kontrolle zu behalten.“ Denn ein Grund, warum besagte Clique an normalen Wochentagen nicht trinkt, ist folgender: „Sie können gar nicht trinken, ohne sich abzuschießen“, sagt Kaus. Ein einzelnes Feierabendbier oder ein Glas Wein zu genießen, das haben sie nie gelernt.

Verharmlosen will Kaus den Alkohol keineswegs. Wenn der Konsum in den riskanten Bereich abgleitet, sehen die Jugendarbeiter erhöhten Handlungsbedarf. Beispielsweise dann, wenn es die Jugendlichen wiederholt nicht schaffen, pünktlich zur Schule zu kommen, weil sie am Vorabend zu viel getrunken haben. Oder wenn sie allein im Zimmer trinken und den Alkohol zur Problembewältigung benutzen und nicht, um Spaß zu haben.

A propos Spaß haben: Dass an Festen wie Fasching erhöhter Alkoholkonsum allein den Jugendlichen in die Schuhe geschoben wird, halten Kaus und Schiele für Heuchelei. „Da trinken alle zu viel, nicht nur die Jugendlichen.“

Info Einen Selbsttest und mehr zum Thema Alkohol unter www.kenn-dein-limit.info

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