„Wir sind geprüfte Eltern“ Ein Ehepaar über seine Erfahrungen mit zwei adoptierten Kindern

Vater, Mutter, Tochter, Sohn. Das ist Familie Fuchs. Tochter und Sohn sind adoptiert. Doch für alle ist klar, dass sie eine Familie sind.

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Vater, Mutter, Tochter, Sohn. Das ist Familie Fuchs. Tochter und Sohn sind adoptiert. Doch für alle ist klar, dass sie eine Familie sind. Dabei drängte die Tochter darauf, ihre leibliche Mutter kennenzulernen.

Die Fuchsens aus Ulm wissen noch genau, wie sie ihre Tochter bekommen haben. Obwohl das über 20 Jahre her ist: „Die Schwester hat uns ein ganz kleines Päckchen in die Hand gedrückt“, erzählt die Mutter Sabine Fuchs. „Ich konnte dich in einer Hand halten“, sagt der Vater Helmut Fuchs zu seiner Tochter. Die Mutter weiter: „Für mich war von Anfang an klar, das ist mein Kind.“

Ganz selbstverständlich ist das nicht, die Fuchsens haben ihre Tochter drei Tage nach der Geburt kennengelernt. Tochter Helene, heute Mitte 20, ist ein Adoptivkind. „Wir wollten Kinder“, erzählt Sabine Fuchs (alle Namen geändert). „Es hat damals nicht geklappt, also entschieden wir uns zur Adoption.“ Damals, Mitte der 80er Jahre, suchte das Ehepaar die Adoptionsvermittlung in Ulm auf. „Ich war mit 37 Jahren zu alt, in Ulm gab es damals eine inoffizielle Grenze“, erzählt Sabine Fuchs.

Die Eheleute, die beide im sozialen Bereich arbeiten, wandten sich an die Diakonie in Stuttgart. „Es ist ein Aufwand, es sind viele Schritte“, sagt Helmut Fuchs über die Zeit der Antragstellung. Nach der Überprüfung als Paar, das als Adoptiveltern in Frage kommt, blieb den Fuchsens nur zu warten – und zwar einige Monate lang. Bis der Anruf von der Diakonie in Stuttgart kam: „Wir sollten einen Termin machen.“ Die Fuchsens fuhren hin und wurden dort begrüßt mit den Worten: „Ihre Tochter ist seit drei Tagen auf der Welt.“

Freude, die man kaum fassen kann – so beschreibt der Vater seine Gefühle. Die Tochter war ein Frühchen, vier Wochen musste sie in der Klinik bleiben. Bis sie nach Hause kam, „war alles da, was ein Baby braucht“, erzählt Mutter Sabine. Sie hatte alles mit ihrem Arbeitgeber geregelt und konnte zu Hause bleiben – acht Jahre lang.

Tochter Helene kam in einem Juni vor über 20 Jahren nach Hause, nach Ulm – „und der Sommer war wunderschön“, erzählt die Mutter. „Wir waren glücklich.“ Der Vater schiebt nach: „Sie hat’s uns leichtgemacht.“

Dass Helene ein adoptiertes Kind ist, haben ihr ihre Eltern von Anfang an gesagt. „Die Frage ist, wann man eine Lüge auflöst“, beschreibt der Vater seine Einstellung. Die Mutter erzählt, dass es von der Adoptionsvermittlung Bilderbücher gegeben habe, die dem Kind erklären, dass es zwar das Kind seiner Eltern sei, aber nie in Mamas Bauch war.

Als Eltern, die sie per Anruf geworden sind, haben sie sich von der Diakonie gut begleitet gefühlt. Monatlich gab es Elternbriefe zum Entwicklungsstand des Kindes, Hausbesuche, Treffen mit anderen Adoptiveltern. „Wir sind geprüfte Eltern“, sagt der Vater und lächelt.

Helene habe akzeptiert, dass sie ein Adoptivkind ist. Nur ihre Kindergartenfreundin nicht. „Die glaubt nicht, dass ich nicht in deinem Bauch war“, habe die Tochter eines Tages aufgebracht erzählt, als sie aus dem Kindergarten kam. Situationen wie jene habe es auch gegeben, als die Tochter im Streit gesagt hatte: „Du bist nicht meine richtige Mutter.“ Sabine habe da geantwortet: „Du hast zwei Mamas.“ Und fügt an: „Für mich war es selbstverständlich, dass zu beiden Kindern nochmal eine Familie gehört.“

Denn drei Jahre nachdem Helene da war, adoptierten die Fuchsens einen Jungen, Max. Bei beiden Kindern wussten die Fuchsens über die Lebensumstände der leiblichen Mütter Bescheid und diese über jene der Adoptiveltern. Nur: Kennengelernt haben sich die Familien nie. Max habe das auch nie interessiert, sagt er. Spurensuche nach der Herkunftsfamilie werde er auch nicht in nächster Zeit betreiben.

Anders bei seiner Schwester Helene. Sie suchte Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter, die Adoptionsstelle vermittelte. Das erste Treffen, da war Helene 16, hat sie aufgewühlt. „Wir sahen uns so ähnlich. Sie hatte rote Fingernägel, ich auch. Wir beide trugen Lederjacken, Haarreifen.“ Helene wollte wissen, warum die leibliche Mutter sie abgegeben habe. Die Verhältnisse waren kompliziert, die Mutter hatte zwei andere Kinder, war erwerbslos.

Vater Helmut sagt über die „krisenhafte“ Zeit von Helenes Pubertät, als sie sich unbedingt öfter mit ihrer Mutter treffen wollte: „Wir haben damals überlegt, was wäre, wenn Helene zu ihrer Mutter ziehen wollte. Es hätte uns das Herz gebrochen, aber wenn sie es so gewollt hätte, hätten wir uns arrangiert.“

So weit kam es nicht. Zwischen Helene und ihrer leiblichen Mutter kam es zum Streit, Helen wandte sich wieder mehr ihrem Leben in Ulm zu. Die leibliche Mutter ist inzwischen verstorben. Helene findet es nach wie vor wichtig, sie kennengelernt zu haben.

Die Fuchsens leben derzeit wieder alle gemeinsam in ihrem Reihenhaus in Ulm. Die Tochter ist nach einer Trennung gerade zurück nach Hause gezogen. Der Sohn wird allerdings demnächst ausziehen, weil er in Österreich eine Stelle antreten will. Doch klar ist für alle, dass die Fuchsens eine Familie sind. Mutter Sabine: „Ich könnte meine eigenen Kinder nicht mehr lieben als die beiden. Es sind meine Kinder. Sie waren nur nicht in meinem Bauch.“

Adoptionsvermittlung

Jugendamt Wer ein Kind adoptieren möchte, sollte sich ans Jugendamt wenden, sagt Marie-Luise Roth-Bradatsch von der Adoptionsvermittlung der Stadt Ulm. Dort werden alle Infos zur Adoption herausgegeben. Adoption heißt, die leiblichen Eltern geben alle Rechte und Pflichten ab. Überprüfung Wer sich zu einer Adoption entscheiddet, steigt in einen Prozess ein, formuliert es Roth-Bradatsch. Das Gesundheitszeugnis, polizeiliches Führungszeugnis, Verdienstbescheinigung werden zusammengestellt. Zudem gibt es drei bis fünf Gespräche mit einer Mitarbeiterin der Adoptionsvermittlung, sagt Roth-Bradatsch. Dabei wird ein „Kinderprofil“ erstellt. Das Paar wird befragt, ob sich vorstellen kann, etwa ein behindertes Kind anzunehmen. Trotz aller Befragung haben zur Adoption bereite Paare keinen Anspruch auf ein Kind. brandtsche: „Wir suchen für Kinder Eltern, nicht für Eltern Kinder.“ Alter Zur Adoption bereite Paare dürfen nicht jünger als 21 Jahre sein. Nach oben gibt es keine offizielle Altersgrenze.

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