Wenn Senioren zocken: Der Aufstieg der „Silver Gamer“

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Computerspiele sind nur was für die Jugend? Das sieht Franz Wetzel anders. „Ich mag es, online in einer Gruppe zu spielen und gemeinsam ein Ziel zu erreichen“, sagt der 66-Jährige aus Kiel. Das gemütliche Spielchen für zwischendurch ist dabei nicht sein Ding: Regelmäßig spielt er vielmehr den Taktik-Shooter „Enemy Territory“. Das Spiel, ein Klassiker unter den früher oft als „Killerspiele“ verpönten Ego-Shootern, ist im Zweiten Weltkrieg angesiedelt. Wetzel und seine Mitstreiter müssen auf Seite der Alliierten oder der Achsenmächte Missionen erfüllen oder Gegner daran hindern.

Etwa zweimal die Woche trifft sich die Gruppe online, das Durchschnittsalter liegt über 50. Ein Freund hatte Wetzel vor zwei Jahren gefragt, ob er das Spiel mal ausprobieren wolle. Er wollte – und blieb dabei. „Davor habe ich nur gelegentlich Schach gegen den PC gespielt.“ Jetzt streift der Rentner als Pionier durchs virtuelle Kampfgebiet und nimmt gegnerische Spieler aufs Korn.

Wachsende Zielgruppe

Mit dem Hobby ist er längst nicht mehr allein. Mittlerweile spielt hierzulande jeder vierte im Alter zwischen 50 und 64 Computerspiele, unter den über 64-Jährigen ist es immerhin jeder achte. Das hat eine repräsentative Umfrage des Digitalverbands Bitkom ergeben. In der Branche hat die neue Zielgruppe 50 Plus schon einen eigenen Namen: Man nennt sie „Silver Gamer“ – und achtet auf ihre Vorlieben. Die meisten von ihnen bevorzugen sogenannte Serious Games, ernsthafte Spiele, die das Gedächtnis trainieren oder bei denen man etwas lernt.

Die Zahl der „Silver Gamer“ steigt, auch weil immer mehr ältere Menschen ein Smartphone oder Tablet besitzen. Da Konsolen und Gaming-PCs teuer und technisch komplizierter sind, spielen viele Ältere auf Geräten, die sie ohnehin zu Hause haben. Spielehersteller haben das erkannt und entwickeln fleißig Quiz- und Denkspiele wie den „Einstein Gehirntrainer“ oder „Monument Valley“ für mobile Plattformen. Die kommen auch bei Jüngeren gut an.

Auf YouTube sind die „Silver Gamer“ längst vertreten. Auf dem Kanal „Senioren Zocken“ kann man der 86-jährigen Evelyn Gundlach und anderen dabei zusehen, wie sie lachend durch das Rennspiel „Mario Kart“ brettern, krumme Bauklötzchen-Türme in „Minecraft“ bauen oder in „GTA“ die Straßen von Los Angeles unsicher machen. Gundlach hat erst im Alter begonnen, sich mit Computern zu beschäftigen. Weil sie den Anschluss an die moderne Technik nicht verlieren will, hat sie ein Tablet und einen PC, auf dem sie Romée und Mahjong spielt. „Das ist eine gute Übung für die Gehirnzellen“, sagt die Rentnerin.

Eine Portion Frust-Resistenz muss man gerade anfangs schon mitbringen. Vor allem die Steuerung ist für die zockenden Senioren im Alter zwischen 72 und 89 eine Herausforderung. „Ständig muss man Knöpfe drücken, oft mit beiden Händen gleichzeitig, das ist wie Klavierspielen“, sagt die Berlinerin. Und wie beim Klavierspielen langen Anfänger häufig mal daneben.

Auch Franz Wetzel hatte Startprobleme. Mittlerweile könne er sich aber durch die virtuelle 3D-Welt bewegen, ohne ständig auf die Tastatur gucken zu müssen. Evelyn Gundlach stellt wiederum fest, dass ihr für viele Spiele das Feingefühl fehle. Kein Problem: „Wir stellen uns vielleicht dusslig an, aber man ist nie zu alt, um Spaß zu haben.“.

Bei den meist jungen Zuschauern jedenfalls kommt „Senioren Zocken“ sehr gut an. In Kommentaren unter den Videos überhäufen sie die Spieler mit Lob, bereits über 270 000 Nutzer haben den YouTube-Kanal abonniert. Als Gundlach und zwei weitere Seniorinnen im August auf der Computerspiele-Messe Gamescom in Köln waren, wurden sie mit Begeisterung empfangen. „Das hat mich wirklich überrascht, dass die Jugend so gut auf uns alte Leute reagiert“, staunt Gundlach. In ihrem Videobericht kann man sehen, wie die Damen mit Rollator über das Messegelände spazieren, Autogramme geben und Selfies mit ihren Fans machen. Vielleicht haben sie dabei einige junge Spieler auf eine Idee gebracht – und bei Omas nächstem Besuch wird eine Runde „Mario Kart“ gezockt.

Kann man mit Computerspielen wirklich Geist und Körper trainieren? Der Medienforscher Maic Masuch erklärt, wo Spiele helfen können – und wo nicht.

Gehen ältere Menschen anders mit Videospielen um?
Maic Masuch: Viele Senioren sind froh darüber, sich mit Computerspielen beschäftigen zu können. Sie sind aber erstmal vorsichtig und haben oft Angst, etwas kaputt zu machen. Wichtig ist deshalb, dass die Bedienung von Computerspielen weiter vereinfacht wird, ohne dass die Spiele völlig trivial werden.

Frühere Debatten drehten sich oft um negative Folgen von Spielen. Mittlerweile werden die gesundheitlichen Chancen diskutiert. Gibt es die?
Der große Erfolg von „Pokémon Go“ hat gezeigt, dass Spiele Menschen zur Bewegung anregen können: Da haben sich plötzlich viele intensiv bewegt, die das sonst nicht tun. Bei Bewegungsspielen zu Hause an der Konsole sind gesundheitliche Auswirkungen meines Wissens aber kaum messbar.

Und beim Gehirntraining?
Der Spieleforscher Jürgen Fritz hat einmal gesagt: „Spiele fördern, was sie fordern.“ Das würde ich genauso unterschreiben: Der kognitive Effekt von Gehirntrainer-Spielen ist oft, dass man das Spiel gut beherrscht. Wer viel Sudoku spielt, wird besser im Sudoku. Bei E-Sportlern, die intensiv 3D-Games spielen, lässt sich wiederum sehr gut nachweisen, dass dadurch ihr räumliches Vorstellungsvermögen besser wird. Es lassen sich also durchaus positive Effekte von Computerspielen beobachten, wenn man die Spiele gezielt einsetzt.

Spiele kommen auch bei der Behandlung von Patienten zum Einsatz. Wie kann das aussehen?
Unser Projekt „Therapy Assist“ soll beispielsweise mit Motivationselementen aus Computerspielen eine Physiotherapie begleiten. Den meisten Menschen gelingt es nach einer Therapie nicht, die dort gelernten Übungen in ihren Alltag zu integrieren. Unser Programm ersetzt natürlich nicht den Physiotherapeuten, aber es kann unterstützend wirken, indem es geschickt motiviert. Im psychischen Bereich bieten Virtual-Reality-Brillen neue Möglichkeiten, etwa bei der Behandlung von Angststörungen. Wer Höhenangst hat, kann in einer Konfrontationstherapie mit der VR-Brille schrittweise die Höhe steigern, in der er sich virtuell aufhält, ohne tatsächlich auf einen Turm steigen zu müssen. Auf diesem Weg kann sich der Patient an die Höhe gewöhnen.

Welche Geräte würden Sie älteren Einsteigern für zu Hause empfehlen?
Wer Bewegungsspiele mag, sollte zu einer Konsole greifen. Die drei großen Konsolenhersteller bieten alle Geräte mit Bewegungssteuerung an. Wer sein Gehirn trainieren will, dem empfehle ich Sprachprogramme wie Babbel. Eine neue Fremdsprache zu lernen fordert und ist nachweislich ein gutes Kognitionstraining. Moritz Clauß

Maic Masuch ist Professor für Medieninformatik mit dem Schwerpunkt Entertainment Computing an der Universität Duisburg-Essen.

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