Von wegen Rentnermonopol: Kleingärten sind im Trend

Keine Spur von Spießertum: Beim Kleingärtnern kehrt der Mensch zur Natur zurück. Immer mehr junge Menschen entdecken den deutschen Klassiker für sich.

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Als erstes fällt die Stille auf. Wer an einer belebten Durchfahrtsstraße wohnt, ist so wenig Lärm und so viel Vogelgezwitscher nicht gewohnt. Und dann dieser Ausblick auf die Stadt. „Nachts fühle ich mich wie am Hafen“, schwärmt Anna Tluczikont, „mit den vielen orangenen Lichtern.“

Anna und ihr Mann Markus sind seit acht Jahren Pächter eines Kleingartens in der Anlage Am Roten Berg. Ihre Parzelle ist eine von 93 dort im Ulmer Westen, 15 Autominuten von ihrem Zuhause in Neu-Ulm entfernt. Dort hätten sie keinen Garten, sagt der 43-jährige Markus: „Als wir unseren Sohn bekommen haben, hat meine Frau auf einen Garten gedrängt. Damit er auch Natur kennenlernt und sich ungestört austoben kann.“ Jetzt, Anfang April, ist der Garten noch nicht ganz aus dem Winterschlaf erwacht: Narzissen, Primeln und Hyazinthen schmücken die Blumenbeete, doch das „Tomatenkarussell“  – ein rundes Beet, in dem Anna ihre Tomaten zieht – und das Hochbeet sind noch leer. Nach all den Jahren kennen sich die Erzieherin und der Vertriebler gut aus und wissen, welche Pflanzen wo und wie am besten wachsen. „Am Anfang wussten wir gar nichts übers Gärtnern“, erzählt die 44-jährige Anna lachend und ihr Mann ergänzt: „Man wächst mit dem Garten. Die ersten Jahre analysiert man viel, findet heraus, welches Werkzeug man braucht und wo am meisten Sonne scheint.“ Falls sie doch mal nicht weiterwissen, hilft der Verein der Kleingärtner. Vorstand Gerhard Schilling liebt das Gärtnern schon seit der Schulzeit, als er dem Vater eines Freundes im Garten half. „Wer Rat braucht, kann einfach fragen oder einen unserer Kurse besuchen“, sagt der 63-jährige Vorstand des größten Kleingartenvereins in Deutschland: Ulm hat rund 1300 Parzellen, Berlin kommt auf 900. Schilling ist ein Vereins-Urgestein, seit über 14 Jahren dessen Vorsitzender und kennt die meisten der rund 1400 Gärtner mit Namen.

Die Vereinssatzung schreibt ökologischen Anbau nicht vor, viele machen es trotzdem – freiwillig. Insektizide sind verpönt, Bienenhotels hingegen angesagt. Familie Tluczikont freut sich über Hummeln und Schmetterlinge genauso wie über Hornissen und Regenwürmer. Etwas für die Umwelt tun, Erholung, sportlicher Ausgleich, frische Luft – das sind Gründe, weshalb die Familie ihren Kleingarten liebt. Die Begeisterung ist ansteckend: Annas Schwester Giacomina hat sich jetzt auch eine Parzelle Am Roten Berg gesichert. Viel Arbeit haben sie in das Stück Land gesteckt, berichtet Anna: „Das war ein ziemlich verwilderter Garten, deswegen mussten wir auch keine Ablöse bezahlen. Dafür haben wir vier Monate lang fast jedes Wochenende hier gearbeitet.“

Abgesehen von der Ablösesumme, die bei der Übernahme einer Parzelle fällig wird und zwischen 500 und 4000 Euro betragen kann, ist Kleingärtnern ein recht günstiges Hobby: Mit Pacht-, Wasser- und Vereinsgebühren kommt man auf rund 180 Euro im Jahr. Die von einem Gutachter festgelegte Ablöse steigt mit Qualität und Ausstattung des Gartens: Steht ein neues Gartenhaus darin, ist der Rasen gepflegt und das Gemüsebeet ordentlich bestellt, wird es teurer. Gerhard Schilling betont jedoch, dass man in der Regel günstiger wegkomme, als wenn man alles neu kaufen würde. Anna teilt diese Ansicht: „Wenn man am Anfang noch nicht so viel Erfahrung und Werkzeug hat, kann man sich immer vom Nachbarn mal den Rasenmäher ausleihen, das ist hier selbstverständlich.“

Überhaupt: Das Soziale ist ein wichtiger Aspekt des Kleingärtnerwesens. Man kennt sich untereinander, isst gemeinsam, tauscht Samen und Gärtnertipps. „Wir haben hier eine sehr schöne Kultur des Miteinanders“, erzählt Markus, „meine Frau und ich sind ja quasi Flüchtlinge der zweiten Generation: Meine Eltern sind aus dem Osten hierher geflohen und die Schwiegereltern kamen als italienische Gastarbeiter. Wir haben hier Russen, Türken, Deutsche. Die Sprache der Natur ist für alle gleich, die versteht jeder.“ Gerhard Schilling ergänzt: „Es gibt Vereine, da findet man kein einziges ausländisches Mitglied. Bei uns nicht. Bei uns herrscht Multikulti.“ Auch wem das Vereinsleben nicht so liegt, findet seinen Platz: „Wir haben am Anfang auch eher die Ruhe gesucht und wollten nicht so viele Kontakte knüpfen. In späteren Jahren hat sich das dann aber einfach ergeben“, erklärt Anna. Der Verein fördert den Zusammenhalt regelmäßig mit Grillfesten und  Saatgutbörsen.

Neben all der Erholung bedeuten die im Schnitt 300 Quadratmeter großen Parzellen vor allem viel Arbeit, betont Schilling: „Wir haben viele, die nach einem halben Jahr wieder kündigen, weil sie merken, dass sie das Pensum nicht schaffen.“ Neben der Arbeit im eigenen Garten müssen Pächter die Wege in Ordnung halten und Hecken schneiden. Außerdem schreibt die Satzung vor, dass ein Drittel des Gartens zum Anbau von Obst und Gemüse benutzt wird. „Wir sind da aber nicht so streng. Das Vorurteil, dass der Vorstand dann mit dem Meterstab kommt und Beete ausmisst, stimmt schon lange nicht mehr“, sagt Schilling schmunzelnd.

Trotz der vielen Arbeit wollen immer mehr Menschen einen Garten, momentan stehen rund 1000 auf der Warteliste. Mit dem Klischee vom Rentnermonopol räumt Markus aber gleich auf: „Hier gibt es natürlich Ältere, klar. Aber auch sehr viele Familien mit Kindern.“ Auch der Vereinsvorsitzende beobachtet schon länger den Trend, dass Jüngere nachrücken: „Das freut uns natürlich. So bleibt die Tradition des Gärtnerns erhalten und die Jungen können vom Wissen der Alten profitieren.“ Schilling und die Tluczikonts hoffen, dass die nächste Generation genausoviel Spaß am Gärtnern haben wird – damit das Kleingärtnerwesen noch lange erhalten bleibt.
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