Senioren tanzen, spielen Theater: Endlich Zeit, um auf den Putz zu hauen

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  • Das Bedürfnis nach Körperkontakt bleibt ein Leben lang. Fehlt der Partner, kann auch ein Hund, wie Therapiehündchen Idora (Foto rechts oben) bei der AWO,  das Wohlgefühl steigern. Wer noch rüstig ist, spielt Theater.  1/4
    Das Bedürfnis nach Körperkontakt bleibt ein Leben lang. Fehlt der Partner, kann auch ein Hund, wie Therapiehündchen Idora (Foto rechts oben) bei der AWO,  das Wohlgefühl steigern. Wer noch rüstig ist, spielt Theater.  Foto: 
  • Die Tanzschüler haben Spaß mit Florence Gersie (vorne). 2/4
    Die Tanzschüler haben Spaß mit Florence Gersie (vorne). Foto: 
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Zuerst das Becken nach rechts und links kippen, dann nach vorne und hinten. Erst mal langsam, dann Tempo aufnehmen, die Bewegungen verbinden, und das Becken kreisen lassen. Manchen fällt das Hüftgewackel sichtlich schwer, andere kriegen es gut hin und sind gerüstet für den brasilianischen Samba. Der wird an diesem Morgen in der Tanzstunde im Seniorenzentrum Konstanz ausgiebig geübt. Es ist nicht der erste lateinamerikanische Tanz, den die Tanzpädagogin Florence Gersie ihrer Gruppe beibringt. Die zwölf Frauen und der eine Mann, alle in fortgeschrittenem Alter, sind mit Begeisterung und Leidenschaft dabei. Der Tanzkurs ist nur ein Beispiel dafür, was im Seniorenzentrum Konstanz für ältere Menschen angeboten wird.

Das Programm entwickle sich ständig weiter, sagt Sibylle Lepschi vom Pädagogischen Team des Zentrums. „Wir versuchen immer wieder, neue Impulse zu bringen.“ Dabei sind auch die Gäste gefragt. „Wir listen alle Ideen, Vorschläge und Anregungen auf. Zweimal im Jahr wird in Versammlungen mit den älteren Menschen darüber abgestimmt, was ins Programm kommt“, sagt Sybille Gehring, ebenfalls vom Pädagogischen Team. Im Winterhalbjahr seien technische Themen dazu gekommen. Damit sollen die Männer angesprochen werden, „weil es sich gern durchmischen darf“, sagt Sybille Gehring. In dem Seniorenzentrum sind, wie in vielen derartigen Einrichtungen, 80 Prozent der Besucher weiblich.

Tanzkurs mit einem Mann

Auch im Tanzkurs ist nur ein Mann. Aber das macht nichts. „Brasilianischer Samba wird in der Gruppe getanzt, wie beim Karneval in Rio“, sagt Florence Gersie. Sie ist auch schon 65 Jahre alt und deshalb für die Tanzschüler zwischen 65 und 70 plus ein gutes Vorbild. „Es geht nicht darum, alles perfekt zu machen. Es geht um die Freude am Tanzen und darum, Spaß am Körper zu haben“, sagt Florence. „Seit ich tanze, nehme ich mich als Frau ganz anders wahr“, sagt Birgit aus Dingelsdorf. Nach dem Kurs gehe sie beschwingt in den Tag.

Drei Tage später spielt sich im gleichen Raum ein Eifersuchts-Drama ab. Der Mann, Franky Schnekenburger, bekommt von der Ex eine Ohrfeige verpasst, und seine neue Flamme zeigt, wie gut sie kochen und backen kann. Das Theaterprojekt „Sex, Drugs and Rock’n Roll“ ist ein Zeitsprung in die 1950er und 60er Jahre. Dafür hat jeder aus der Gruppe der 65- bis 80-Jährigen etwas beigetragen. Eigene Erfahrungen, Erlebnisse und Erkenntnisse fließen in das Stück ein. „Es wird eine Szenen-Kollage mit einem roten Faden“, sagt Anna Hertz. Sie ist Schauspielerin und führt die Gruppe als Theaterpädagogin. Auf die Frage, was die Teilnehmer antreibt, sagt sie: Viele wollten endlich das machen, was sie sich schon lange gewünscht hatten, aber nicht umsetzen konnten: „Sie haben einfach Lust, auf die Kacke zu hauen!“

Die 74-jährige Doris Binder hat noch einen anderen Grund. „Es ist ein wunderbares Fitness-Training für die grauen Zellen.“ Und es sei ein schöner Beitrag für die Senioren, sagt sie. Denn das Stück wird Anfang März 2018 im Seniorenzentrum aufgeführt.

Hauptdarsteller Franky Schnekenburger ist Sänger in einer Rentnerband und zur Theaterprobe mit der Harley Davidson und im Lederkombi gekommen. Ihn hat die Neugier zum Theater getrieben. „Ich finde es spannend, von einer ausgebildeten Schauspielerin etwas zu lernen.“

Singen und Hunde gehen immer

Im Seniorenzentrum Konstanz, das eine städtische Einrichtung ist, treffen sich vor allem rüstige ältere Menschen. Das ist in Pflegeheimen anders. Da sind die Menschen oft schon betreuungs- und pflegebedürftig. Doch singen und mit Hunden spielen geht meist noch. Deshalb sind in vielen Pflegeheimen regelmäßig Hunde anzutreffen. Meist sind es ausgebildete Therapie-Hunde. Wenn Menschen mit Demenz auf sie treffen, „dann strahlen die Augen“, sagt Christina Klaus, Marketing-Referentin für die AWO Württemberg in Stuttgart.

„Der Einsatz von Therapie-Hunden ist für uns schon seit Jahren ein Thema.“ Dadurch finde man zu den Demenzkranken einen ganz anderen Zugang. Vor allem zu denjenigen, die früher selbst einen Hund hatten. „Sie fangen plötzlich wieder an zu sprechen.“ Sie erzählten von ihrem eigenen Hund und wie schön das damals mit ihm war und was sie alles mit ihm erlebt haben.

Egal, wie verschüttet die demente Seele sei, bei bestimmten Düften, beim Essen, bei Musik und mit Tieren gehe bei dementen Menschen eine innere Tür auf. Das könne auch beim Singen geschehen. Deshalb bereitet Christina Klaus eine Broschüre vor, in der 16 der schönsten und beliebtesten Weihnachtslieder gesammelt sind. Die wird in allen AWO-Seniorenzentren, in der Schulsozialarbeit und in Kindergärten kostenlos verteilt. „Mit der Aktion ,Die AWO singt’ wollen wir das Singen vor allem in den Pflegeeinrichtungen fördern“, sagt Christina Klaus. Die Broschüre soll ab 20. November zu haben sein.

Nicht selten finden sich gerade über das Singen oder die Hunde im Pflegeheim auch zwei Menschen. Sie lernen sich kennen und lieben. Selbst Sex im Alter sei in Pflegeheimen ein Thema, sagt eine Pflegekraft, die nicht genannt werden möchte.  Leider sei es ein Tabu-Thema, über das kaum geredet werde. Doch es sei Realität, bei Frauen und bei Männern, auch wenn sie alt und gebrechlich seien. Vielleicht spüren sie intuitiv, wie gesund Sex im Alter ist (Interview rechts).

Tiere können auf Menschen positiv wirken. Dazu gibt es inzwischen eine Fülle von Erfahrungen. Es ist unbestritten, dass zum Beispiel Hunde auf demenzkranke Menschen eine beruhigende und entspannende Wirkung haben. Allein durch ihr Dasein können sie bewirken, dass sich Demenzkranke an ihre Vergangenheit erinnern, in der sie vielleicht selbst Hunde hatten. Doch auch Hasen und Pferde sorgen für emotionale Ausgeglichenheit und Wohlgefühl.

Monika Lanaridis-Weiss führt in Leinfelden-Echterdingen die Hundeschule Baden-Württemberg. Sie ist Hundetrainerin und arbeitet mit den Pflegeeinrichtungen der AWO Württemberg zusammen. Sie sucht ihre Hunde nach deren Charaktereigenschaften aus. Sie sollten haben: ein ruhiges und freundliches Wesen, Interesse an Menschen, Sensibilität für Stimmungen, müssen unempfindlich sein gegenüber Geräuschen und Gerüchen und mit Menschen gut kommunizieren können.

In der Therapie erfährt sie immer wieder, dass der Hund wie eine Brücke der Kommunikation zwischen Menschen wirken kann. Er vermittle Ruhe, Sicherheit, Freundschaft und Nähe. Der Hund bewerte nicht, sondern nehme den Menschen an so wie er ist. Außerdem bringe er Abwechslung in die Einrichtungen. wal

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