Wird Rügen das neue Sylt?

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Ruhe vor dem Besucheransturm.  Foto: 

In Lohme ist die Welt noch in Ordnung, jedenfalls auf den ersten Blick. Das 450-Einwohner-Örtchen auf der Insel Rügen ist von grasbewachsenen Hügeln umgeben. Die Dächer sind mit roten Ziegeln oder Reet gedeckt, im Hafenbecken schaukeln Segelboote im Wasser. Die Anfahrt führt über Pflastersteine, die das Auto durchruckeln, als säße man in einer Pferdekutsche. Alles ist so, wie es Naturtouristen lieben: einige Kilometer wandern an der Kreidefelsküste, danach ein Matjesbrötchen mit Meerblick. In Lohme scheinen die Uhren stillzustehen.

Das könnte sich bald ändern, weshalb in Lohme der Dorfsegen schief hängt. Verantwortlich ist ein Bauprojekt, das auf dem 23 Hektar großen Gelände der ehemaligen Küstenfunkstelle hochgezogen werden soll. Seit Ende der 1990er Jahre liegt die Fläche brach, nun möchte die Gemeinde ein Projekt „Medical Wellness“ mit Eigentumswohnungen, Ferienhäusern, Hotel und privater Kurklinik errichten. Im Dorf ist man uneins darüber: Die einen sehen die Chance, den aussterbenden Ort zu retten; die anderen befürchten die Zerstörung von allem, was Lohme ausmacht.

Der Mann, der das Bauprojekt am energischsten vorantreibt, heißt Matthias Ogilvie, Hotelbetreiber und Bürgermeister. „Wir haben hier nur den Tourismus“, sagt er. „Viele Einheimische wollen ihre Heimat nicht verlassen, aber ohne Arbeit ziehen sie weg.“ Als Rettung hat der umtriebige Bürgermeister den Medizin-Tourismus auserkoren. Die Kurklinik - bezahlt von einem privaten Investor, unterstützt von der Landesregierung - soll gut bezahlte Jobs nach Lohme bringen, und zwar ganzjährig. Für Ogilvie führt an solchen Großprojekten kein Weg vorbei. „Wir befinden uns in einem rasanten Wandel, konkurrieren mit Urlaubsorten in ganz Europa. Es kann nicht alles bleiben, wie es ist.“

Das sehen die Mitglieder der Bürgerinitiative „Lohme bewahren“ anders. „Als ich die Pläne gesehen habe, war ich schockiert“, sagt der frühere Bürgermeister Jörg Burwitz, der selbst vom Tourismus lebt. Er betreibt ein Restaurant mit Ferienwohnungen und hält das „Medical Spa“ für überzogen. „Schon heute sind viele Hotels nicht ausgelastet“, sagt Burwitz. Andere Betriebe müssten schließen, weil sie keine Fachkräfte fänden. „Außerdem haben wir hier nicht die Infrastruktur für noch mehr Touristen.“ Die Fronten sind verhärtet. Überall im Dorf hängen Banner, die sich gegen „Massentourismus“ und „ZuBETTonierung“ richten. Die Gegner des Bauprojekts haben Unterschriften gesammelt und sich bei der Landesregierung in Schwerin beschwert. Ogilvie wiederum hält an den Plänen fest: „Ich habe auch die Verantwortung für diejenigen, die nicht weit genug blicken“, sagt er selbstbewusst. „Dafür wurde ich gewählt.“

Die Debatte in Lohme ist kein Einzelfall. Es gibt kaum einen Ort auf Rügen, an dem keine neuen Apartments, Hotels und Eigentumswohnungen entstehen. Vor allem im oberen Segment wird kräftig gebaut, die Immobilienpreise steigen. Die Parole „Rügen wird das neue Sylt“ - ausgerufen vom mecklenburg-vorpommerschen Wirtschaftsminister Harry Glawe - könnte wahr werden. Die Nachfrage ist da, zumindest im Moment. Aufgeschreckt von Terroranschlägen in der Türkei und in Nordafrika bleiben Urlauber vermehrt in Deutschland. 2016 stieg die Zahl der Übernachtungen auf 447,3 Millionen, der siebte Rekord in Folge.

Auch auf Rügen schlägt der Trend durch. Die Zahl der Übernachtungen stieg von 5,9 Millionen (2012) auf jetzt 6,5 Millionen. Und da sind nur Betriebe eingerechnet, die mindestens zehn Betten bereithalten. Die tatsächliche Zahl dürfte also noch deutlich höher liegen. Wohlgemerkt: auf einer Insel, auf der weniger als 65 000 Menschen leben. Trotz des Besucheransturms ist die Ostsee-Insel aber immer noch deutlich günstiger als das mondäne Sylt. Nordfriesland liegt mit einem Standard-Quadratmeterpreis von 3400 Euro immer noch an der Spitze, der Landkreis Vorpommern-Rügen holt aber auf - auf zuletzt 2600 Euro.

Auch in Prora ist der Bauboom zu spüren. Der Ort hat den Ruf, Rügens schönsten Sandstrand zu beherbergen. Schon die Nationalsozialisten erkannten das Potenzial. Sie ließen in den 1930er Jahren mithilfe von Zwangsarbeitern ein gigantisches „Kraft durch Freude“-Seebad errichten. Bis zu 20 000 Menschen sollten in einem 4,5 Kilometer langen Betonkomplex Urlaub machen. Am Ende blieb die Anlage unvollendet und gammelte Jahrzehnte vor sich hin. Urlaub machen wie die Nazis - die Vorstellung schreckte selbst hartgesottene Investoren.

Doch die Kritiker sollten sich irren. Heute wird ein Block nach dem anderen saniert. Eine Jugendherberge, ein Seniorenwohnheim, ein Aparthotel und 400 Eigentums- und Ferienwohnungen gibt es bereits in der Anlage, ausgestattet mit Küche, WLAN und Regendusche. Der Investor Ulrich Busche ersteigerte gar zwei komplette Blöcke für 455 000 Euro.

Aber nicht überall stößt die schöne neue Immobilienwelt auf Gegenliebe. Im Dokumentationszentrum Prora, das an die NS-Vergangenheit des Ortes erinnert, ist die Sorge groß, aus der Anlage verdrängt zu werden. „Auch unser Block wird bald saniert“, sagt Katja Lucke, die wissenschaftliche Leiterin des Museums. „Werden wir uns danach die Miete überhaupt noch leisten können?“

So sehr sich die Historikerin darüber freut, dass aus dem ehemaligen Schandfleck ein lebendiges Viertel geworden ist, so groß ist ihr Unbehagen über die allgemeine Entwicklung auf Rügen. Was, wenn der Bauboom endet? Oder die Urlauber wieder woanders hinfahren? Was, wenn neue Ruinen entstehen? „Rügen wird touristisch bis zum Äußersten ausgereizt“, meint Lucke. „Keiner weiß, ob diese Blase irgendwann platzt. Aber darüber müsste man nachdenken.“

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