Ungezähmt

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Einmal will ein Junge unbedingt, dass einer auf seinem Esel reite. Er steigt ab, er versteht nicht, warum die Europäer so schleichen. Möglicherweise hat er noch nie welche gesehen, Trekkinggruppen sind in Tadschikistan eine Seltenheit.

Die Landstraße führte zunächst am braun wirbelnden Vakhsh-Fluss entlang. Das Gharm-Tal beginnt eine halbe Tagesreise östlich der Hauptstadt Duschanbe, nicht abgelegen genug, dass nicht allenthalben Präsident Emomali Rahmon von einem Plakat grüßen würde. Mal als Bauer, mal als Lehrer, mal als Wissenschaftler. Eine Hängebrücke führt über den Fluss. Hier soll es zum Wandern ins Peter-der-Große-Gebirge gehen, einem Ausläufer des Pamir. Die Landschaft ist brutal. Staubig, harsch, fast ohne Menschen. Felsabhänge streben wie ein auberginefarbener Faltenrock zu Tal. Plötzlich eine bewässerte Fläche, auf 2200 Metern wachsen Aprikosen, Kartoffeln, Maulbeerbäume. Im Dorf am Ende der Hochstraße stehen 15 Männer bereit. Sie werden mit ihren Packpferden 14 Wanderer begleiten. Kinder rennen herbei, Erwachsene blicken neugierig und bedanken sich, wenn sie fotografiert werden.

Eine Frau beobachtet die Wandergruppe, sie trägt ein rotes Kleid mit Strickweste und ein Rosenmuster-Kopftuch. Dann verschwindet sie neben ihrem Haus - da steht der Backofen. Sie reicht ein Brot, so groß müssen Wagenräder früher gewesen sein, dazu eine Schale Joghurt. Wunderbar passen das warme Brot und das leicht säuerliche Milchprodukt zusammen. Als sie sieht, wie es den Wanderern schmeckt, holt sie zwei weitere Brote, noch warm, vom gemauerten Backofen. Maina Schwarz kocht für die Gruppe. Schon ihre Eltern stiegen auf die 6000er Tadschikistans. Den Nachnamen hat die 24-Jährige von ihrem Großvater, einem Offizier der österreichischen Armee, der nach dem Krieg hierblieb. Ihre anderen Vorfahren sind russischer Herkunft, sie selbst ist Tadschikin.

Tadschikistan war immer ein Vielvölkerstaat. Die Sprache ist dem Persischen verwandt, geschrieben wird in kyrillischer Schrift. In den Bergen leben fast ausschließlich Kirgisen, gleichwohl tadschikische Staatsbürger. Afghanistan ist ein direkter Nachbar, kulturell nahe, doch seit 100 Jahren, seit dem „Großen Spiel“, getrennt. So wurde der Konflikt zwischen Russland und Großbritannien um die Herrschaft in Zentralasien genannt. Die Russen suchten am Indischen Ozean einen eisfreien Hafen, die Briten wollten das verhindern. Wer fragt, was aus Tadschikistan geworden wäre, wenn es nicht hinter dem Eisernen Vorhang verschwunden wäre, bekommt oft die Antwort, man sei froh, dass die Russen das anders entschieden hatten. Moskau butterte Geld in die autonome Sowjetrepublik, kurbelte die Alphabetisierung und die medizinische Versorgung an. Wohl nicht uneigennützig: Der Pamir war reich an Bodenschätzen - und die Grenzen nach Afghanistan und Pakistan mussten gesichert werden.

Die Wanderung führt auf eine Hochebene. Vier Monate im Jahr leben zehn Familien in der Jurtensiedlung, im Winter sind sie unten im Haupttal. Der halb nomadische Lebensstil und die Bauart der Jurten sind kirgisisch. Außerhalb der Hauptstadt sieht man keine Frau ohne Kopftuch. Meistens ist es bunt und im Nacken gebunden, auf traditionelle, nicht auf islamische Art. Männer sind wenige zu sehen, viele von ihnen arbeiten als „Gastarbaitery“ in Russland. Etwa zwei Millionen Tadschiken schuften auf Baustellen und schicken Geld nach Hause. Laut Weltbank machten 2013 die Auslandsüberweisungen fast die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts Tadschikistans aus.

Wie aus den Schweizer Alpen

Achtam Abdulaev hingegen wurde Bergführer. Sein Dorf Depshar liegt in der Nähe des 7000ers Pik Somoni, früher als Pik Kommunismus bekannt. „Andauernd kamen Russen ins Dorf. Sie wollten bergsteigen, suchten Träger, Männer mit Ortskenntnis.“ Eine Geschichte wie aus den Schweizer Alpen von vor 200 Jahren. Abdulaev (42), schlank, mit großer Frontzahnlücke, immer mit dem weißen Hut der Kirgisen bekleidet, spricht leise. Er hat ein paar Tiere und Weideland, und er geht Gold waschen. Einmal habe er einen Nugget von 214 Gramm gefunden. Am liebsten würde er mit der Bergführerei aufhören, sagt er. Aber das Leben im Dorf sei nicht einfach. Ein Pferd kostet 2000 Dollar, man brauche es zum Pflügen, Reiten, um Kanäle zu bauen.

Auf der Hochebene scheint alles weit und grenzenlos. Einer der Pferdemänner ist auf eine Hügelkuppe vorausgeritten. Nun steht er da, als Silhouette. Als würde er Weidegründe suchen für den Treck, der ihm folgt. Er hält sein Mobiltelefon in die Höhe. Er sucht nach Empfang.

Die Landschaft betört. Almwandern mit 7000er-Blick, sagt einer. Es geht vorbei an wilden, rosa Wicken und gelber Schafgarbe. Ein Steinadler zieht seine Kreise. Riesen-Murmeltiere pfeifen. Man fühlt sich abenteuerlich, weil niemand hier unterwegs ist. Der Guide sagt, die schönsten Plätze fänden sich an den schlimmsten Orten, ohne Infrastruktur. Die Einsamkeit mag schön sein für die Trekkinggruppe, „aber die Menschen brauchen Straßen“.

Der Bergführer hat keine Karte dabei. Er verläuft sich nie. Abdulaev hat auch keinen Kompass, er kennt die Höhenmeter der Wanderkarte nicht, er geht mit einer inneren Landkarte durch das Peter-der-Große-Gebirge. Den Wanderern bleibt nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Im Grunde ist es auch egal, in welchem Tal man unterwegs ist. Das ist nun mal das Konzept einer Trekkingreise: Man fliegt in ein fernes Land, fährt mit einem Auto in die Wildnis, und dann schläft man zehn Tage irgendwo im Zelt. Ging die Tour um einen der namenlosen 5000er herum, oder war es doch der Agasis Peak? Aber auch den kennt zu Hause kaum jemand. Tadschikistan ist eine „Destination“ für Vieltrekker. Abendliche Gespräche gehen so: „2008 war ich am Kibo, 2009 in Kamtschatka. Und 2010 in Georgien.“

In der nächsten Jurtensiedlung fläzt eine Kuhherde mittendrin. Drei Frauen winken, eine schlägt eine Handtrommel. Ein Mann Mitte fünfzig läuft freudestrahlend auf die Wanderer zu. Man habe sich vor drei Tagen gesehen, da sei er mit diesem alten russischen Laster im Tal entlanggefahren, er habe doch gewunken! Er lädt zum Tee ein, alle schlüpfen in die Jurte, reihen sich rundum auf bunten Teppichen auf. Als Gemeindehirten hüteten sie im Sommer das Vieh ihres Dorfes, erzählt er. Pro Tier, egal ob Ziege oder Kuh, gibt es 3 Somoni am Tag, etwa 30 Eurocent. Hausherr Mahmudor Hamro (40) zerteilt die Brote, reicht Tee, Sauermilch, Joghurt. Hamro ist zudem Lehrer für Biologie und Chemie und der Lkw-Fahrer Batir (55) zugleich Agraringenieur. Sie haben noch einen Ingenieur hier oben, der hat ein kleines Hydro-Kraftwerk gebaut. Und so schleppen sie jetzt Lautsprecherboxen an. Junge, Alte, Männer, Frauen, alle freuen sich, alles drängt raus vor die Jurten. Ungestümes Tanzen beginnt, eine unverhoffte Party am Nachmittag.

Anreise
Flüge ab Frankfurt nach Duschanbe gibt es zum Beispiel mit Turkish Airlines über Istanbul (www.turkishairlines.com).

Pauschal
Weltweitwandern bietet eine Trekkingreise nach Tadschikistan. Die 18-tägige Reise mit zehn Trekkingtagen kostet rund 2500 Euro inkl. Flug (www.weltweitwandern.at). Weitere Veranstalter: Hauser Exkursionen, www.hauser-exkursionen.de oder Diamir Erlebnisreisen, www.diamir.de.

Sicherheitslage
Für bestimmte Gebiete in Tadschikistan, etwa die Grenzregion zu Afghanistan, gibt es eine Reisewarnung des Auswär-
tigen Amtes: www.auswaertiges-amt.de.
Deutsche brauchen ein Visum, das unkompliziert online erledigt werden kann: www.evisa.tj/index.evisa.html

Übernachten
Duschanbe: Atlas B&B Hotel ist ein modernes Business-Hotel, Doppelzimmer mit Frühstück ab 100 Euro, www.atlashoteldushanbe.com.
In der Nähe gibt es auch das etwas günstigere, im lokalen Stil gebaute Atlas Guesthouse, DZ/F ab 70 Euro,
www.atlasguesthouse.com.

Lesen
Sonja Bill, Dagmar Schreiber: „Tadschikistan“, Trescher Verlag, 19,95 Euro

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