Mordsschön

|

Salz, Sonne, Wind, Meer. Die Mischung hat dunkle Furchen in das Gesicht von Laurent gezogen. Bretagne-Urlauber können den Salzbauer in den Salzgärten der Halbinsel Guérande treffen, wo er tagein, tagaus sein Handwerk praktiziert. Salz - die reine Essenz des Meeres und „eine Diva“, deren größter Feind der Regen sei, wie Laurent weiß. Der Atlantik speist die Salinenbecken - und nur die „Paludiers“, wie man die Salzfachleute nennt, wissen, wie sie dem Wasser die schmackhaften Kristalle mithilfe der Gezeiten, der Sonne und eines ausgeklügelten Systems aus sich verflachenden Kanälen, Gräben und Verdunstungspools entziehen können.

„Das Wasser verwalten - das ist meine Aufgabe“, sagt Laurent, der in einer Spitzensaison 150 Tonnen Salz erntet und Mitglied der Genossenschaft Les Salines de Guérande ist. Dann zeigt er eine jahrhundertealte Geste: Er schwingt den „Las“, einen Rechen mit einem mehreren Meter langen Stiel, weit hinaus ins Wasser und erzeugt am Boden mit einem Armruck eine kleine Welle. Die bringt nur die Salzkristalle sanft ins Rollen, nicht die Tonerde, und nach wenigen Minuten hat er einen weißgrauen Haufen Salz zusammengeschoben. Das wertvolle Fleur de Sel entsteht nur an heißen, windstillen Tagen als hauchdünne Schicht an der Wasseroberfläche und wird mit einer Holzschaufel abgeschöpft.

Kennt er Jean-Luc Bannalec, dessen Krimis in der Bretagne spielen? „Bretonisches Gold“, der dritte Band der in viele Sprachen übersetzten und von der ARD verfilmten Bestseller-Reihe, spielt nämlich genau in diesen Salzgärten, die seit 15 Jahren Laurents Leben sind. Nein, von den Büchern und diesem Autor hat er noch nie gehört. Doch von dem Konkurrenzkampf unter den „Paludiers“, dem Druck der industriellen Großproduzenten auf sie, um die es in dem Krimi geht, kann auch er so einiges erzählen.

Eine Führung mit dem Salzbauern Laurent kann man beim Tourismusverband der Bretagne buchen. Es ist eines von vielen Angeboten, die die Fremdenverkehrsexperten rund um Kommissar Georges Dupin entwickelt haben. Die Geschichten über den kaffeesüchtigen Ermittler, der von Paris in die Bretagne strafversetzt wurde, haben einen Bretagne-Boom ausgelöst. Mehr deutsche Urlauber denn je wollen sehen, was Bannalec, ein Pseudonym, seit 2012 in glühenden Farben beschreibt: die landschaftlichen, kulinarischen, kulturellen Schönheiten der Bretagne. Der Autor ist von den Medien längst als Jörg Bong, Programmchef der S. Fischer Verlage in Frankfurt, identifiziert worden, ohne dass es je dementiert wurde. Bong also pickt sich in jedem Band einen anderen Schauplatz heraus: Mal geht es um die weltabgewandte Inselwelt vor der Westküste und das Fischereimilieu in der Sardinen-Stadt Douarnenez, mal um den für seine Austernzucht berühmten Fluss Belon. Soeben ist der sechste Fall erschienen. Diesmal schwärmt Bong/Bannalec so ansteckend von den Reizen der Rosa-Granit-Küste im Norden, dass der Leser stante pede dorthin aufbrechen will.

Doch zuerst einmal ist die Nummer eins auf der persönlichen Dupin-Hitliste dran: die Glénan-Inseln, die in „Bretonische Brandung“ nach dem Fund von drei Leichen den zu Seekrankheit neigenden Commissaire immer wieder zwingen, in ein Boot zu steigen. Ist das Wasser rund um diese rund 20 Kilometer vor Concarneau in den Atlantik gestreuten Landsplitter wirklich so klar, der Sand so weiß, dass man sich in der Karibik wähnt? Das wollen auch eine Menge anderer Urlauber wissen, die sich am Bootsableger in Bénodet einfinden. Nach der einstündigen Überfahrt empfängt die Passagiere auf der Hauptinsel Saint-Nicolas ein Delfin am Landesteg: Keck streckt er seine Schnauze heraus, um die Ankömmlinge zu beäugen. Bis auf das Restaurant und die Segelschule, die beide im Krimi eine Rolle spielen, ist die Insel kaum bebaut. Die Besucher steuern über Holzbohlenpfade die Strände an. Dem Sog des smaragd- und türkisleuchtenden Meers kann keiner widerstehen - ein eiskalter Traum. Ein Holzschiff mit roten Segeln liegt vor Anker, der Karibik-Look ist perfekt. Richtig traumhaft muss es hier im Frühsommer sein, wenn die einzigartigen Glénan-Narzissen blühen.

Wieder zurück auf dem Festland geht es für die Dupin-Pilger weiter nach Concarneau, dem Sitz des fiktiven Kommissariats. Am Marktplatz entdeckt man sofort Dupins zweites Wohnzimmer: Das Restaurant L’Amiral, wo immer ein Entrecôte auf ihn wartet. Die Terrasse ist voll besetzt, also geht es hinüber zur mittelalterlichen Altstadt, die von Festungsmauern umgeben auf einer Insel thront und deren von Souvenirshops und Restaurants gesäumte zentrale Gasse nonstop von Touristen geflutet wird.

Freilich will auch Pont-Aven, der Schauplatz des ersten Bandes, besichtigt werden. Jenes hübsche Städtchen, in das sich im ausgehenden 19. Jahrhundert Paul Gauguin und andere Maler verliebten. Kaum zu glauben, wie adrett sich Steinhäuser und Mühlen am Aven entlang aufreihen, einem Flüsschen, das sich mit einem Meerwasserfjord vermählt. In der Librairie des Bilderbuch-Orts liegen ein paar Bannalec-Bände direkt neben der Kasse. Die Krimis seien bekannt hier, erzählt die Inhaberin, allerdings habe es eine Weile gebraucht, bis die Franzosen sich damit angefreundet hätten. „Die ersten Bände waren sehr schlecht übersetzt.“

Von hier ist es nicht weit zum Hotel Ar Men Du, Dupins Lieblingsrestaurant am abgelegenen Strand von Raguenez. Ein Fixstern in seinem bretonischen Universum - man versteht sofort, warum: Nichts als das windzerzauste Land, der weite Atlantik und Kulinarik auf höchstem Niveau treffen an diesem Fleckchen Frankreichs des Süd-Finistère aufeinander. Im schlicht-geschmackvoll eingerichteten Restaurant, das einen Michelin-Stern trägt, genießt man Köstlichkeiten wie Auster in Gelee auf Schaum mit Foie gras oder Pollack mit Gemüse der Saison. Danach nimmt sich der Hotelier Pierre-Yves Roué bereitwillig die Zeit, von Jörg Bong zu erzählen. Der habe hier mit seiner Familie regelmäßig Urlaub gemacht und ihm erst verraten, dass das Ar Men Du in den Krimis vorkomme, als sie schon ein Verkaufshit waren. Jörg sei längst ein guter Freund, nicht weit vom Hotel entfernt habe sich der Wahl-Bretone ein Haus gebaut. Der Autor sei, auch das ist noch vom Hotelier zu erfahren, für seine Verdienste um den Ruf der Region als „Mäzen der Bretagne“ geadelt worden. Ein Preis, den er ohne Frage verdient hat.

Anreise
Mit dem Auto über Baden-Baden nach Frankreich, dort auf mautpflichtigen Autobahnen über Metz, Paris nach Rennes, von dort Route nationale zu den Küstenorten der Südbretagne.

Auf Dupins Spuren
Auf dem informativen deutschsprachigen
Portal www.bretagne-reisen.de findet sich der Routenvorschlag „Auf den Spuren Kommissar Dupins“. Eine Karte verzeichnet die in den
Krimis vorkommenden Schauplätze und hält unter weiterführenden Links Infos dazu bereit. Auf der französischen Ausgabe des Portals (www.tourismebretagne.com) finden sich buchbare „echt bretonische Erlebnisse“, auch der Rundgang mit Laurent.

Unterkunft
Das Hotel Ar Men Du bei Névez (DZ ab 155 Euro) gehört zur Kette Relais du Silence, ebenso das Hotel Le Tumulus (DZ ab 105 Euro) in Carnac – Ausgangsort zu den Dupin-Schauplätzen Ile aux Moines und Ile d‘Arz,
www.relaisdusilence.com.
In Pont-Aven bietet sich das „Hôtel Les Ajoncs d‘Or“ (DZ ab 68 Euro pro Person) an, das im ersten Bannalec-Band zum „Hôtel Central“ der Familie Pennec wird:
www.ajoncsdor-pontaven.com

Kulinarik
Bannalec hat mit den „Amiral“-Wirten das sehr appetitlich aufgemachte „Bretonische Kochbuch“ herausgebracht. (Kiepenheuer & Witsch, 29,99 Euro).

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Gestütshof St. Johann: Großbrand verwüstet Zweigstelle von Landesgestüt Marbach

Bei einem Großbrand in der Nacht zum Mittwoch ist auf dem Gestütshof St. Johann ein denkmalgeschütztes Wirtschaftsgebäude abgebrannt. Die Feuerwehren waren stundenlang Großeinsatz. weiter lesen