Mehr Tempo

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Das Allgäu bietet mit seinen ruhigen Nebenstraßen ein ideales Trainingsgelände.  Foto: 

Heute machen wir einen Hunderter kündigt Wolfgang Sommer, unser Hotelier und Guide, die Tagesetappe an. Die kleine Runde nickt erwartungsvoll. 100 Kilometer in weniger als vier Stunden sind für geübte Rennradler ein lässiges Warm-up. Nicht jedoch für den Einsteiger. Zumal 100 Kilometer im Allgäu auch mit rund 1000 Höhenmetern verbunden sind.

Wer zum ersten Mal aufs Rennrad steigt, lernt: Man sattelt nicht nur auf ein filigraneres Gefährt mit merkwürdig gekrümmtem Lenker um, sondern auf eine anspruchsvolle Sportmaschine. Den Gewinn an Geschwindigkeit bezahlt der Pedaleur mit dem Verlust an Gemütlichkeit. Die Füße werden in Klickpedalen fixiert, der Sattel ist schmal und knochenhart, die Haltung gekrümmt, und die Schaltung ebenfalls sehr gewöhnungsbedürftig. Selbst der Körper des trainierten Trekkingradlers verwandelt sich rasch in ein Sammelsurium von Problemzonen: Auf die Fußballen drücken die fixierten Klicks, Hintern und Schambein fehlt dämpfendes Sitzfleisch, Wirbelsäule und Nacken rebellieren gegen die nach vorn gebeugte Haltung, die auch die Handgelenke stark beansprucht. Natürlich haben die Carbon-Rennpferde keine Federung.

Das alles verbucht der Rennradler als Tribut an Fitness und Ästhetik. Darum vor allem geht es den Kilometerfressern und Höhenmeterpumpern: möglichst weite Strecken und hohe Pässe in kurzer Zeit zurücklegen - und dabei gut aussehen. Das spornt an. Jedes Gramm zählt - am Rad und am eigenen Körper. Denn Gewicht kostet Kraft. Also wird in teueres Equipment investiert: der Rahmen aus Carbon statt Aluminium oder gar Stahl. Je leichter, desto teurer. Die Preisspanne guter Rennräder reicht von 2000 bis 15 000 Euro. Ohne Licht und Klingel. Kenner scannen den Neuankömmling nach Wertigkeit. Leistet er sich die neueste Schaltgruppe und die superleichten Laufräder? Fährt er mit Scheibenbremsen oder noch klassisch-rustikal mit Felgenbremse? Wer mit einem „Billigrad”, Rucksack und schlabbrigem Outfit anrollt, ist schon untendurch. Rad und Figur werden zum Prestigeobjekt. Insbesondere für Männer und zunehmend für Frauen, die sich und anderen ihre Leistungsfähigkeit beweisen wollen.

Wettbewerb ist für diese Sportler kein Schimpfwort, sondern Ansporn. Gerne strampelt man daher mit Gleichgesinnten auf möglichst asphaltierten, verkehrsfreien Wegen schweigend und keuchend viele Kilometer hintereinander her. Möglichst dicht an dicht, also nur zehn Zentimeter Abstand zum Hinterrad des Vordermanns. Das erfordert Konzentration, doch das Fahren im Windschatten spart bis zu 30 Prozent Energie. Die braucht man auch im hügeligen Voralpenland, wo bestens ausgeschilderte Nebenstrecken durch abgelegene Dörfer führen. Gerade im Sommer eignet sich das Westallgäu ideal als Trainingsrevier. Hier sind die Temperaturen auch in den heißen Monaten erträglich. Und der Blick auf saftige Feuchtwiesen, bewaldete Berge, bleiche Kalkgipfel und kristallklare Seen verbreitet eine angenehme Frische. Noch ist die harmonische Landschaft weder von Maisplantagen noch von Windparks verschandelt. Selbst schuld, wer dann nur auf den digitalen Geschwindigkeits- und Höhenmeter stiert und nur Tempo generiert.

Zum Schwitzen, das sich heute Workout nennt, gibt es rund um das Schloss Neuschwanstein, diesen überlaufenen Sehnsuchtsort der Romantiker aus aller Welt, reichlich Gelegenheiten. Die von den sportaffinen Hoteliers Wolfgang Sommer und Hans-Georg Kaufmann initiierte Karte „Alpen-Radarena Füssen und Roßhaupten“ hilft dem Einsteiger, nach dem Prolog um den Forggensee (44 leichte Kilometer) auch längere Strecken in Angriff zu nehmen. Die erfahrenen Rennradler präsentieren darin die schönsten Touren von Kaufbeuren bis zum Tiroler Hahntennjoch, von der Jochpassstraße bis zur Wieskirche - und führen gebuchte Gästegruppen auch selbst. Doch Vorsicht! Gerade Rennrad-Frischlinge sollten mit ihren Kräften haushalten und ihre Gesäßmuskulatur nicht überstrapazieren.

Wer es allerdings schafft, die zwölf Runden mit Längen zwischen 84 und 240 Kilometern abzustrampeln, kann zusammen stattliche 15 180 Höhenmeter auf seinem Leistungskonto verbuchen. Und ganz sicher ein paar Kilo weniger und Muskeln mehr. Denn das soll ja schließlich der Lohn für all die Schinderei sein: eine sexy Figur, die vor Fitness und Leistungskraft geradezu strotzt. Rennradler zwängen sich ja nicht nur wegen der Windschlüpfrigkeit in die hautenge Sportmontur. Man will schon zeigen, was man sich an- beziehungsweise abtrainiert hat.

Rennrad für Einsteiger
Wer aufs Rennrad umsteigen will, sollte sich das Sportgerät an die eigenen Proportionen anpassen lassen. Eine gute Fachberatung erspart später viel Leid. Es gibt große Unterschiede beim Material, die sich im Gewicht und im Preis niederschlagen. Buchtipp: Besser Rennrad fahren von Matthias Laar, 159 gut illustrierte Seiten, blv, 20 Euro.

Training im Allgäu
Als nahe gelegenes Trainingsgelände profiliert sich das östliche Allgäu. Neu im Angebot sind „Rennradtouren mit Neuschwansteinblick“. Die wellige Voralpenregion ist ideal, um zwischen Wiesen, Seen und nicht zu steilen Pässen Kilometer und Höhenmeter zu machen. Die Rennradkarte „Alpen-Radarena Füssen und Rosshaupten“ präsentiert die schönsten Touren von Kaufbeuren bis zum Tiroler Hahntennjoch, von der Jochpassstraße bis zur Wieskirche. Die zwölf Strecken reichen von 84 bis 240 Kilometern mit insgesamt 15 180 Höhenmetern. Sie sind auch als App herunterzuladen. Info: tourismus@fuessen.de

Unterkunft
Initiiert wurde die Karte von Wolfgang Sommer und Hans-Georg Kaufmann, die in Füssen und Roßhaupten Wellnesshotels betreiben und auch selbst geführte Rennradtouren anbieten.
Das Hotel Sommer, direkt am Forggensee gelegen, bietet alles: vom Leihrennrad (ab 17 Euro pro Tag oder 100 Euro die Woche) über das Rennrad-Paket (68 Euro) bis zum speziellen Rennradcamp mit geführten fünf Gruppentouren ab 790 Euro. DZ ab 91 Euro. www.hotel-sommer.de
Beim Hotel Kaufmann in Roßhaupten gibt es die Pauschale „Rennradtage mit dem Chef“ (4 Nächte im DZ mit Halbpension, zwei geführte Touren und diverse Extras) für 560 Euro pro Person. DZ ab 125 Euro.
www.hotel-kaufmann.de

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