Schifffahrten entlang der US-Küste: Absurde Reglungen und Kaffeemaschinen auf Stelzen

Schiffe, die sich der US-Küste nähern, müssen sich an die vor Ort geltenden Regeln halten. Für Passagiere heißt das, auf manch lieb gewonnene Gewohnheit zu verzichten. Dafür gibt es mehr Einwegverpackungen und Warnschilder.

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  • Absurde Regelungen: Unterwegs entlang der US-Küste sind Erdnüsse an Bord verboten, auch das gewohnte Schokoplättchen auf der Latte macchiato darf nicht mehr sein. Dafür muss der Kaffeevollautomat aufgebockt werden. 1/2
    Absurde Regelungen: Unterwegs entlang der US-Küste sind Erdnüsse an Bord verboten, auch das gewohnte Schokoplättchen auf der Latte macchiato darf nicht mehr sein. Dafür muss der Kaffeevollautomat aufgebockt werden. Foto: 
  • Axel Sorger, general Manager der „Mein Schiff 6“ 2/2
    Axel Sorger, general Manager der „Mein Schiff 6“ Foto: 
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Irgendwo auf dem Weg nach New York, mitten im Nordatlantik. Ein letzter Drink für diesen Abend an der Bar ganz hinten im Heck. Amerika rückt immer näher, irgendwo dahinten liegt Europa. Doch man sieht nur das Meer, wie es von den Schiffsschrauben aufgewühlt wird, weiße Gischtkronen und unendliche Weite. Vivien Tacdeo überbringt die Getränke und eine Nachricht: „Leider dürfen wir keine Nüsschen mehr servieren“, sagt die Kellnerin. Ein Gefäß mit Knabberzeug, aus dem sich mehrere Menschen mit bloßen Händen bedienen, sei eine potenzielle Gesundheitsgefahr, erklärt sie. Es könnten sich ja Viren oder Bakterien übertragen. Vorschrift der US-Behörden!

Diese Erklärung hören die Gäste der „Mein Schiff 6“ ziemlich oft. Florian Schneider vom Restaurant Schmankerl muss die traditionelle Brettljause behelfsweise auf einem Porzellanteller servieren, „weil Holz aus hygienischen Gründen nicht mehr erlaubt ist“. Auch das kleine Schokoladenplättchen auf dem Milchkaffee wird gestrichen. Das Besteck im Büfettrestaurant steht nicht mehr auf den Tischen bereit, man muss es sich an einer Station holen. Statt großer Ketchup- und Majospender gibt es im bordeigenen Burger-Lokal nur noch Kleinstverpackungen, jeder Strohhalm ist extra eingeschweißt.

Von Müllvermeidung halten die US-Behörden offensichtlich wenig, dafür mögen sie Warnschilder. In den Fluren und Gängen stolpert man nun ständig über grellgelbe Aufsteller: Achtung, nasser Boden! Vorsicht, Staubsaugerkabel!

Als erstes Mitglied der Tui-Cruises-Flotte, das nach Kanada und in die USA fährt, muss die „Mein Schiff 6“ auf die dort geltenden Richtlinien getrimmt werden. Die Gäste nehmen die teils absurden Änderungen mit Humor: „Wir haben jetzt schon sieben Kreuzfahrten mit ,Mein Schiff‘ unternommen und es immer überlebt“, sagt Sabine S. Wie die meisten Gäste wundert sich die Urlauberin aus der Region Stuttgart, warum ein Schiff, auf dem die hohen deutschen Standards gelten, überhaupt Verbesserungsbedarf hat.

Axel Sorger zeigt ein Ringbuch mit 268 Seiten: „Das ,Vessel Sanitation Program‘ schmökert man nicht mal so eben durch“, sagt der General Manager der „Mein Schiff 6“ und erzählt, dass ein Team des in Hamburg ansässigen deutschen Kreuzfahrtveranstalters schon seit fast zwei Jahren daran arbeitet, all die ganzen Richtlinien und Regularien der US-Behörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) einzuhalten. „Die Kanadier sind übrigens fast genauso streng“, sagt Sorger. Manche Anforderung musste schon beim Bau des diesen Mai in Dienst gestellten Schiffes bedacht werden. Nun gibt es zusätzliche Handwaschbecken neben den Eingängen zu den Restaurants. Alle Kaffeemaschinen wurden auf zehn Zentimeter hohe Stelzen gestellt, damit man drunter durch wischen kann. Der Glasschutz an den Büfetts wurde derweil verbreitert und tiefergelegt. Wer sich eine Scheibe Käse von ganz hinten angeln möchte, verrenkt sich nun fast den Arm. Auf diese Gefahr sollte man eigentlich auch per Warnschild hinweisen. Stattdessen klebt auf jedem Tablett am Büfett ein Zettel mit der Verfallsuhrzeit. „Speisen, die besonders viel Wasser enthalten, könnten eine Brutstätte für Bakterien sein. Melonen oder Tomaten gelten als besonders gefährdet und müssen nach vier Stunden weggeworfen werden“, sagt Axel Sorger. Die Kühlschränke mit den Getränken wurden auf unter fünf Grad heruntergefahren. Nahrungsmittellieferungen bekommt die „Mein Schiff 6“ nur noch auf Plastikpaletten, denn in jenen aus Holz könnte sich in den Fugen Ungeziefer einnisten.

Ob alle Anforderungen aus dem 268-Seiten-Buch auch wirklich eingehalten werden, wird streng überprüft. Ein Team der CDC kommt unangemeldet an Bord. Diese Besuche sind unter den Reedereien gefürchtet - was für Firmen an Land die Betriebsprüfer des Finanzamtes sind, sind für Schiffe die Inspektoren der US-Gesundheitsbehörde. Den peniblen Prüfern entgeht nichts: weder ein Haar im Pool noch eine falsch abgelegte Zange am Büfett.

Die Untersuchung ist kostenpflichtig, die Gebühr berechnet sich je nach Schiffsgröße. Die „Mein Schiff 6“ mit einer Bruttoraumzahl von 98 811 muss 11 960 US-Dollar bezahlen. Die Beamten vergeben Punkte, 100 sind die Bestnote. Wer weniger als 86 Punkte hat, fällt durch und muss sich einer Nachuntersuchung stellen. Die „Mein Schiff 6“ wird mit 99 Punkten bewertet. Puh!

Im November wird das Kreuzfahrtschiff New York als Basishafen verlassen und kehrt nach einem Abstecher nach Mittelamerika im April wieder nach Europa zurück. Dennoch möchte Axel Sorger die eingeübten Routinen beibehalten, schließlich geht es im Sommer 2018 wieder auf große Überfahrt nach New York. Aber die Nüsschen an der Bar werden in der Zwischenzeit sicher wieder serviert.

Wenn Schiffe in einem US-Hafen anlegen möchten, müssen sie sich einer umfangreichen, kostenpflichtigen Hygiene-Inspektion unterziehen. Die Ergebnisse des sogenannten Vessel Sanitation Program werden im Internet veröffentlicht. www.cdc.gov/nceh/vsp/

In Deutschland überwachen die Hafenärztlichen Dienste die Einhaltung der Hygiene an Bord - dies gilt für alle Schiffe, auch für Frachter. In jeder Hafenstadt gibt es eine entsprechende Einrichtung, so zum Beispiel in Hamburg (www.hamburg.de/hphc/).

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