Hund auf Urlaub

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Hunde können sehr albern sein, Retriever ganz besonders: Für Hoover, drei Jahre alt, ist das Schönste am Herbst, dass er sich als Hirsch verkleiden kann. Die passenden Accessoires hat der Sturm der letzten Nacht gebracht, der über die Reetdächer der Häuser pustete - über Gutshof und Vicelin-Kirche der Ortschaft Pronstorf irgendwo in Holstein - und die Wälder der Umgebung neu sortierte: Nicht nur Stöckchen liegen jetzt in Massen auf dem Boden herum, auch ganze Äste mit ihren Zweigen hat der Wind abgerissen und in die Gegend geschleudert. Mit aufgerissenem Maul springt Hoover zielsicher auf einen solchen Baum-Rest zu, packt ihn ungefähr in der Mitte, läuft los - und sieht plötzlich aus wie ein alberner kleiner Hirsch in Schwarz. Links und rechts knapp hinter den Ohren scheint das Geweih aus dem Kopf zu kommen.

Hoover jedenfalls freut sich über die Aufmerksamkeit und das Gelächter, reagiert mit Bocksprüngen auf Zuspruch: „Hast du dich als Hirsch verkleidet?“, fragt der Mann mit dem Dalmatiner, der gerade aus dem Waldweg bog. Hoovers Gehüpfe soll wohl „Jawoll!“ bedeuten.

Windig ist es in Holstein fast immer - zwischen Bad Segeberg im Westen, Pronstorf im Süden, Eutin ungefähr in der Mitte und Plön im Norden. Nirgends ist die Ostsee weit weg, und besonders oft stürmt es im November, im Dezember, auch noch im Januar. Heftiger Schneefall ist eher die Ausnahme - und wenn es dann doch mal schneit, dann in dieser Gegend meist erst im Februar.

Nur knackig kalt werden - das kann es auch schon früher. Die Hunde stört es nicht - nicht Hoover auf Tour über die Felder und durch die Wälder, nicht Dalmatiner-Urlaubsbekanntschaft Bodo, schon gar nicht Tibet-Terrier-Hündin Fine. Und die passenden Menschen dazu auch nicht: Schließlich gibt es dicke Jacken - und natürlich kommt auch im Winterhalbjahr die Sonne raus. Dieselben Felder, die jetzt braun und trist sind, leuchten im Mai knallgelb, wenn der Raps blüht. Es sind dieselben, über denen der Wind jetzt einzelne Wölkchen am blauen Himmel entlangschiebt. Wo nur der Ackerboden zu sehen ist, kann sich keiner daran stören, wenn Frisbee-Scheiben fliegen, so weit der Wind sie trägt - und Hunde auf Herbst-Urlaub hinterherrennen und das Spielzeug gegen Belohnung zu Herrchen oder Frauchen zurückbringen. Und hoffen, dass es gleich noch mal geworfen wird.

Der Name „Holsteinische Schweiz“ ist ursprünglich die Idee eines Hoteliers aus dem 19. Jahrhundert gewesen, der eine griffige Formel für die hügelige Landschaft suchte. Seine werbewirksame Kunstschöpfung ist heute zum festen Begriff für diese Region geworden. Gleichwohl, die höchste Erhebung dieser „Schweiz“ bringt es auf nicht mehr als 168 Meter. Der Bungsberg ist der höchste Gipfel Schleswig-Holsteins, sein Plateau ist bereits nach einem kurzen Spaziergang erreicht.

Hoover macht unterdessen auch seinem Staubsaugernamen alle Ehre. Er saugt hier auf, schnauft dort hinein. Er schnüffelt sich eifrig an Spuren entlang - und seien es zur Abwechslung bloß die eigenen im Ferienhaus-Garten von der Rasen-Runde vor zwei Stunden.

Dabei macht er dieses Jagdhundgeräusch, das ungefähr wie pfff-pifff-pfff in stetem, kurzem Wechsel klingt: einatmen, ausatmen, in der Nase bearbeiten, auswerten. Ob er dabei die Bilder von Hasen vor sich sieht? Oder von Nachbars Katze oder dem letzten Hundebesucher? Er wird es nicht verraten. Ein kühler Nachmittagsausflug an den Plöner See: Die letzten Sonnenstrahlen gleiten die weiße Fassade des Schlosses hinunter, und wenig später ist die sanft hügelige Landschaft in glutrotes Licht getaucht. Enten navigieren auf der leicht gekräuselten Oberfläche des Sees Richtung Ufer, werden dabei auf jedem Zentimeter ihres Kurses aufmerksam von Hoovers Blicken verfolgt. Zu gerne würde er mit ihnen schwimmen gehen - und herausfinden, ob sie sich lebend genauso gut apportieren lassen wie seine heiß geliebte Plüschente von zu Hause.

„Diese Nacht wird es knackigen Frost geben“, mutmaßt einer der brummigen Angler, die auf dem Holzsteg ausharren. „Und morgen wird das letzte Laub an den Bäumen knallrot verfärbt sein - wie beim Indian Summer in Nordamerika.“

Und tatsächlich: Das Szenario hat sich 15 Stunden später verändert - als ob die Landschaft über Nacht in einen himmlischen Tuschkasten voller noch intensiverer Herbsttöne getunkt worden wäre. Als hätte die Natur noch mal ein gewaltiges Feuerwerk entzündet, das man so hierzulande gar nicht erwartet hätte. Der Wechsel aus wärmeren Tagen und Frostnächten verursacht chemische Reaktionen in den Blättern, die zur fortschreitenden Verfärbung führen: ein letztes Aufbäumen der Lebensgeister quasi, bevor das letzte Blattwerk endgültig abgefallen sein wird.

Nur mit dem Gärtner des Eutiner Schlosses, weniger als eine Viertelstunde mit dem Auto von Plön entfernt, laufen all die Hunde auf Herbstspaziergang Gefahr, Ärger zu bekommen. Sauber hat er alles, was die Stürme bereits heruntergeschüttelt hatten, zu Laubhaufen zusammengeharkt - und ahnt nicht, was für eine Freude es offenbar für einander eben noch wildfremde Hunde vom Dackel bis zur Dogge ist, mit Karacho durch diese Laubberge zu rennen. Egal, ob hinterher alles so aussieht wie vorher. Nur einen Nachteil gibt es: Äste und Zweige sind schon weg - keine Munition fürs Stöckchenwerfen mehr da. Und keine Hirschverkleidung.

Informationen
Als Holsteinische Schweiz wird die Region mit einem Radius von etwa 25 km um Plön und Eutin bezeichnet. Hamburg ist eine Autostunde entfernt. Viele Hotels in der Region schließen im Winter für einige Zeit. Eine Übersicht hat der Tourismusverband Holsteinische Schweiz, der auch Ferienhäuser und -wohnungen vermittelt. Die günstigsten Ferienwohnungen gibt es im Herbst bereits ab unter 50, Ferienhäuser ab 70 Euro/Nacht. Tourismusverband Holsteinische Schweiz, www.holsteinischeschweiz.de.

Herr und Hund
Über seinen Retriever Hoover hat der Autor dieser Geschichte das Buch „Vier Pfoten und ein Tintenfisch - ein Hunderoman“ veröffentlicht (LangenMüller Verlag, 12 Euro).

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