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Eine „Adventsstadt“ nennt Quedlinburg sich neuerdings, und dazu gibt es im Internet auch eine eigene Homepage. In der Tat gibt es wohl keine andere deutsche Stadt mit einem derart stimmungsvollen Weihnachtsmarkt - auch Nürnberg kann da kaum mithalten. Die Unesco-Welterbestadt zählt sage und schreibe 1200 denkmalgeschützte Fachwerkhäuser. Der Weihnachtsmarkt verteilt sich auf 25 Höfe dieser Häuser, jeder mit einem anderen Thema. Im „spanischen Hof“ gibt es heiße Sangria und andalusische Weihnachtsleckereien, im nächsten einen Jahrmarkt der Jahrhundertwende. Dort wird ein Wildschwein gegrillt und im Hof „Pfeiffer mit drei f“ Feuerzangenbowle serviert - als Film und zum Trinken.

Wenn man durch die Altstadt Quedlinburgs mit den restaurierten Fachwerkhäusern schlendert, kann man sich kaum noch vorstellen, wie es hier zu DDR-Zeiten aussah. Eine Fotoausstellung in der Tourismusinformation zeigt Schwarz-Weiß-Fotos einer halb verfallenen Stadt. „Der Mauerfall war unser Glück, nur so konnten die alten Häuser gerettet werden“, erzählt Stadtführerin Gisela Rumkowski. Um 500 Millionen Euro beziffert man den Sanierungsbedarf. Zu DDR-Zeiten waren bereits einige Fachwerkhäuser restauriert worden. Da die polnischen Spezialisten sich diese Arbeit aber in harter Währung bezahlen ließen, konnte pro Jahr nur ein Haus bearbeitet werden. Bei 1200 Häusern ein Tropfen auf den heißen Stein.

Manche Fachwerkhäuser sind bis heute unter Putz versteckt. Rumkowski deutet auf ein Haus, an dem der Putz gerade vorsichtig abgetragen wird: „Es gab früher mal eine steuerliche Regelung, nach der sich der Steuersatz nach der Anzahl der Balken im Haus errechnete.“ Deshalb „versteckten“ die Bewohner diese gerne unter einer Schicht Putz.

Im Schuhhof hatten früher die Schuster ihr Revier. Oben wohnte man, unten waren die Werkstatt und der Laden. Bis heute erhalten sind die „Laden“, eine Art Klappfenster, um die Waren zu präsentieren. Die schmalen Gassen, die mit Kopfstein gepflastert sind und hohe Bordsteine haben, waren zu DDR-Zeiten gerade so mit dem Trabant passierbar. Breitere Autos wie etwa ein Wolga passten nicht hindurch.

Ein besonders reich geschmücktes Fachwerkhaus findet sich am Kunsthoken, direkt in die alte Marktmauer gebaut. Das Haus aus dem Jahr 1535 weist Fächerrosetten, doppelte Arkaden sowie Fenster aus Butzenglas auf. Das Wort Hoken weist auf Kleinhändler hin, daraus leitet sich übrigens der Begriff „verhökern“ ab.Reichtum erlangte die Stadt Quedlinburg einst mit der Herstellung von Bier. Heute ist nur noch das Brauhaus Lüdde übrig, 1876 gegründet. Spezialität ist das „Pubarschknall“, ein Spezialbier mit einem Alkoholgehalt von nur einem Prozent, dessen Name auf die Wirkung zurückgeht, die es in früheren Zeiten einmal hatte, wenn man es zu lange stehen ließ. Auch den Knuttenforz, ein Schwarzbier, kann man ohne Bedenken trinken.

Die ehemalige Bäckerei Neuer Weg, saniert von Bauwerk Architekten Quedlinburg, verrät auf den ersten Blick nicht die Erbauungszeit um 1740. Der Verkauf dieser Immobilie gestaltete sich schwierig, weil sie aufgrund eines langen Leerstandes schon sehr verfallen war. „Interessenten mussten erst auf das Potenzial der Immobilie aufmerksam gemacht werden“, erzählt Mandy Schmidt von Bauwerk Architekten. Das Haus hat einen unverbauten Schlossblick, 500 Quadratmeter Grundstück und Innenstadtlage mit Toreinfahrt.

2013 konnte es schließlich verkauft werden. Schmidt: „Bei der Sanierung wurden die alten Dielen, Türen und Treppengeländer wiederverwendet. Außerdem arbeitete man die Fenster auf und machte den alten Brunnen wieder nutzbar. Dabei wurden Lehmbaustoffe eingesetzt und eine Wandheizung installiert.“ Das Hauptgebäude ist in seiner ursprünglichen, barocken Struktur sehr klar und schlicht. Die Fassade der ehemaligen Honigkuchenbäckerei schmücken ein Eichhörnchen mit Honigkuchen, ein Lebkuchenherz mit Träger und ein Weihnachtsmann mit Sack und Baum. Nach der Sanierung soll das Haus nun nur noch als Wohngebäude dienen. Der ehemalige Ladenraum soll dabei als Wohnzimmer fungieren, in der oberen Etage sind Schlafzimmer und Badezimmer. Für die Türen verwendete das Architekturbüro historische Türen aus dem städtischen Baustoffdepot.

Auch so eines der vielen historischen Kleinode, die es in Quedlinburg zu bewundern gibt.

Unterkunft
Das Hotel Wyndham Garden Quedlinburg
befindet sich im verwinkelten Stadtschloss aus dem 16. Jahrhundert. Doppelzimmer
100 Euro pro Nacht inklusive Frühstück,
www.wyndhamgardenquedlinburg.com.
Im historischen Stadtkern befindet sich das Hotel Vorhof zur Hölle, bestehend aus fünf winzigen Fachwerkhäusern, die als Apartments vermietet werden. Doppelzimmer
50 Euro, www.quedlinburger-hotel.de.

Ansehen
Der Advent in den Höfen findet am 2., 3., 9., 10., 16. und 17. Dezember statt,
www.adventsstadt.de.
Das Fachwerkmuseum im Ständerbau kostet
3 Euro Eintritt und ist zu den Zeiten des
Adventsmarktes geöffnet (ansonsten von
November bis März geschlossen).

Allgemeine Informationen
www.quedlinburg.de

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