Griechische Entdeckung

|
Vorherige Inhalte
  • Hier der Blick auf Etoliko, eine Kleinstadt auf einer Insel in der Lagune von Messolonghi, unten die Cervantes-Statue am Hafen von Nafpaktos. 1/3
    Hier der Blick auf Etoliko, eine Kleinstadt auf einer Insel in der Lagune von Messolonghi, unten die Cervantes-Statue am Hafen von Nafpaktos. Foto: 
  • Bild 2 2/3
    Bild 2 Foto: 
  • Karte 3/3
    Karte Foto: 
Nächste Inhalte

Wie kommt der Ritter von der traurigen Gestalt in ein Städtchen am Nordufer des Golfs von Patras? Im venezianischen Hafen von Nafpaktos hat man dem großen spanischen Dichter Miguel de Cervantes ein Denkmal errichtet. Die Bronzefigur, so spindeldürr wie sein Romanheld Don Quijote, hebt mahnend den Zeigefinger gen Osten, wohl in Richtung der Osmanen. Der linke Arm hängt schlapp herab und hält einen abgebrochenen Degen.

Am 7. Oktober 1571 kam es bei Nafpaktos, das damals Lepanto hieß, zu einer der blutigsten Seeschlachten der Geschichte. Die christliche Flotte der Heiligen Liga, angeführt von Spanien und Venedig, traf auf die osmanische Seestreitkraft. Am Ende waren fast 40 000 Männer tot und die Türken besiegt. Nafpaktos aber blieb mit seiner mächtigen Burg bis 1829 unter türkischer Herrschaft.

Miguel de Cervantes wurde als einfacher Soldat vor Lepanto schwer verletzt. Viele Jahre später, als er bereits ein gefeierter Dichter war, schrieb Cervantes, er habe vor Lepanto „die Fähigkeit, seine linke Hand zu bewegen, zum Ruhme seiner rechten verloren“. Im Botsaris-Museum erinnert eine Ausstellung an die Schlacht, die das Schicksal Europas für lange Zeit entschied. Die Einwohner von Nafpaktos feiern den Sieg jedes Jahr ausführlich. Als Höhepunkt wird dabei an jedem ersten Sonntag nach dem 7. Oktober die Schlacht mit Schiffen, historischen Kostümen und Feuerwerk nachgestellt.

Heute präsentiert sich Nafpaktos mit etwa 20 000 Einwohnern als ruhige Kleinstadt, etwas abseits der Geschichte und der Touristenströme. Es gibt ein paar kleine Hotels, einige Restaurants und nette Strände. Wanderer kommen rund um den steilen Felsrücken Varassova auf ihre Kosten, Naturfreunde können im hügeligen Hinterland bei Ano Chora dichte Wälder aus Kiefern, Platanen, Esskastanien und Akazien entdecken, die dank des Wasserreichtums auch im Sommer sattes Grün zeigen. Besonders gemütlich ist es am Hafen im Schatten einer alten Platane. Von dort geht wohl so mancher neidvolle Blick der Einheimischen über die Meeresbucht hinüber zur Halbinsel Peloponnes. Dorthin zieht es die meisten ausländischen Touristen, die von Italien kommend mit der Fähre in Patras anlegen oder am Flughafen Araxos landen. Dabei wäre es dank der zwei Kilometer langen Schrägseilhängebrücke bei Rio-Antirrion nur ein Katzensprung nach Nafpaktos. Für viele aber bleibt die Kleinstadt Durchgangsstation nach Delphi.

Ob das antike Orakel der etwas ins Abseits geratenen Nordküste des Golfs von Patras je einen florierenden internationalen Tourismus prophezeien wird? 35 Kilometer westlich von Nafpaktos, in Messolonghi, wo bisher nach einer einheimischen Redensart nur „Fische, Salz und Moskitos“ produziert wurden, will man sich nicht auf ein doppeldeutiges Orakel verlassen. Kann man doch in dem Städtchen mit knapp 15 000 Einwohnern mit einer reichen Geschichte, kulinarischen Besonderheiten und einmaligen Naturschönheiten punkten.

Vor Messolonghi erstreckt sich zwischen den Deltas der Flüsse Acheloos und Evinos eine riesige Lagunenlandschaft. Mit einer Breite von gut 25 Kilometern und einer Länge von bis zu 20 Kilometern wird sie in Europa nur von der Camargue übertroffen. Angeblich besitzt die Halbinsel Prokopanistos am Rand der Lagune den längsten Sandstrand von ganz Griechenland. Besonders malerisch ist das kleine Städtchen Etoliko, das nur über zwei Brücken mit den Festland verbunden ist. „Klein Venedig“ nennen die 3000 Einwohner ihr Inselreich.

Das flache und nährstoffreiche Wasser der unter Naturschutz stehenden Lagune lockt jedes Jahr Tausende von Zugvögeln an. Die weit über 250 Arten machen das Gebiet zu einem Paradies für Vogelbeobachter. Genial ist es, mit dem Kajak gemütlich zu den friedlich im Wasser fressenden Flamingos zu paddeln. Konstantinos Passiopoulos, ein umtriebiger Unternehmer, Ouzo-Produzent, Handelskammerchef und Präsident des Kanu-Clubs, hat noch eine andere Idee. Er sieht in der geschützten Lagune ein ideales Trainingsgelände für Wettkampfkanuten und Kajakfahrer. Kontakte zu verschiedenen Nationalteams werden gerade geknüpft. Doch die Lagune ist so groß, dass sich die Leistungssportler und die Genusspaddler nicht in die Quere kommen. Wer es langsam angeht, wird schon mal von Meeresschildkröten begleitet.

Überwältigend ist der Fischreichtum der Lagune von Messolonghi. Die warme Lagune ist für Jungfische höchst attraktiv, schreckt doch das brackige Wasser viele Raubfische ab. Diesen Umstand machen sich die Fischer seit Jahrhunderten zunutze. An ihren Pilades, den traditionellen Pfahlbauhütten, öffnen sie zu gegebener Zeit die Schleusen für die Jungfische. Wenn sie ausgewachsen sind, ist ihnen an der Schleuse der Weg zurück ins Meer versperrt und Messolonghi hat mehr und preiswerteren Fisch als ganz Griechenland. Ein Nutznießer des Fischreichtums ist Petros Paragyios. Der ehemalige Journalist leitet die kleine, feine Fischfabrik seiner Schwiegereltern. Dort produziert er Bottargo, den mediterranen Kaviar. Wenn im Herbst die Weibchen der Großkopfmeeräsche erwachsen und wohlgenährt zurück ins Meer schwimmen wollen, schlägt ihre letzte Stunde. Die Eierstöcke der Fische, die den schmackhaften Rogen enthalten, werden in einem komplizierten Verfahren gesalzen, getrocknet und in mehreren Lagen von heißem Bienenwachs konserviert. Sogar deutsche Spitzenköche schwören inzwischen auf Bottargo aus Messolonghi. „Die weitaus größte Menge geht in den Export, vor allem nach Frankreich und Japan“, sagt Petros.

Liebhaber des Kaviars waren über Jahrhunderte die Sultane. Vielleicht war das der Grund, warum die Osmanen besonders lang und erbittert um die Vorherrschaft in der Lagune kämpften. Womit wir bei der eigentlichen Geschichte von Messolonghi wären.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde Messolonghi zum Brennpunkt des griechischen Befreiungskriegs gegen die Türken und zur „Heiligen Stadt“, die jedes griechische Schulkind kennt. 1822 und 1823 konnte die Stadt zweimal die Belagerung durch den überlegenen Feind zurückschlagen. Der Freiheitskampf der Hellenen begeisterte ganz Europa und rief überall die „Philhellenen“ auf den Plan. Der wohl berühmteste Griechenfreund war der englische Dichter Lord George Byron, der auf eigene Kosten eine griechische Flotteneinheit aufstellte und versuchte ohne jegliche militärische Kenntnisse Nafpaktos einzunehmen. Er scheiterte, trotzdem wurde der Dichter in Messolonghi jubelnd empfangen. 1825 begann eine dritte Belagerung, die in einem Massaker endete. Jedes Jahr wird im „Garten der Helden“ der Opfer von damals gedacht. Eines der Denkmäler ist Lord Byron gewidmet. „Sein Herz ruht hier in Messolonghi“, sagt Petros Paragyios. „Es war sein eigener Wunsch.“

Anreise
Die griechische Fluggesellschaft Aegean Air (https://de.aegeanair.com) fliegt regelmäßig von Stuttgart nach Athen. Vom Flughafen
verkehren Linienbusse nach Patras
(www.patrasinfo.com) und Nafpaktos.
Im Sommer bietet Tuifly direkte Charterflüge von Stuttgart nach Araxos/Patras. Wer mit dem Auto anreist, kann zahlreiche Fährverbindungen von Italien nach Patras nutzen.

Unterkunft
Das Hotel Ilion in ruhiger und doch zentraler Lage in Nafpaktos bietet DZ/F ab 60 Euro (www.nafpaktoshotel.gr).
Das Patras Smart Hotel (www.airotel.gr) hat DZ/F mit Meerblick ab 70 Euro.

Essen und Trinken
Ev-oinos in der Fußgängerzone und Kouzina Mari Loi am Hafen von Nafpaktos. Hervorragende Fischgerichte gibt es im Restaurant Kontogiorgos am Südrand von Messolonghi auf der Insel Tourlidas.

Museen
Das Museum im Botsaris Tower in Nafpaktos erinnert an die Seeschlacht von Lepanto.
Gezeigt werden unter anderem die Reproduktionen von 80 historischen Schlachtengemälden. Die Städtische Galerie am Hauptplatz in Messolonghi erinnert an die Belagerungen durch die Türken. Ein Raum ist Lord Byron
gewidmet, ein anderer erinnert an gleich fünf griechische Ministerpräsidenten des 19. Jahrhunderts aus Messolonghi.

Allgemeine Informationen
www.discovergreece.com/de/mainland/
western-greece/nafpaktos
www.discovergreece.com/de/mainland/
western-greece/messolongi
www.visitmes.gr
Unter www.discovermessolonghi.com finden sich lokale Anbieter von Themenexkursionen in der Lagune.
Etwa 100 Kilometer entfernt liegen Delphi und Olympia. Wer die Ausgrabungsstätten ohne extremen Trubel besuchen will, sollte Termine meiden, an denen mehrere Kreuzfahrtschiffe in Piräus ankern (www.cruisetimetables.com).

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Wahlkampf-Endspurt: Angela Merkel auf dem Ulmer Münsterplatz

Zwischen 3000 und 4000 Menschen sind am Freitagnachmittag zur Kanzlerin auf den Münsterplatz gekommen. Darunter auch gut 200 Protestierer mit AfD-Plakaten. weiter lesen