Ewiger Kampf

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Kurz nach 7 Uhr. Noch hat der Dunst die Oberhand, doch die Morgensonne kämpft sich bereits durch die Wolken. Es verspricht ein schöner und warmer Tag zu werden. Die ersten Touristen haben sich am Hafen von Chianalea eingefunden. Sie möchten mit den Fischern auf die Passerella. Auf das Fischerboot, das es so nur hier gibt. Eine perfekt austarierte Konstruktion mit einem rund 25 Meter hohen Mast in der Mitte und mit einem Steg am Bug, der an die 30 Meter nach vorn über die Wasseroberfläche ragt.

In Chianalea, dem Hafenviertel des im Südwesten Kalabriens gelegenen Postkartenidylls Scilla, hat der Schwertfischfang Tradition. Über Generationen hinweg haben die ortsansässigen Fischerfamilien ihren Lebensunterhalt mit der Caccia di Pesce Spada, der Jagd auf den Schwertfisch, verdient. Im oberhalb von Chianalea gelegenen Ortsteil San Giorgio ist dem Schwertfisch und seinem Jäger sogar ein Denkmal gewidmet. In ewiger Umarmung mit dem Meerestier zeugt ein muskulöser Männerkörper vom Kampf zwischen Mensch und Fisch.

„Den Schwertfisch fängt man nicht, den Schwertfisch muss man jagen“, erklärt Fortunato Polistena den Touristen am Hafen und setzt nach, es sei ein Kampf auf Augenhöhe, weil der Schwertfisch ein außergewöhnlich intelligenter Fisch sei, der wisse, wie er seinen Jägern entkommen könne.

In wackeliger Höhe, ganz oben auf der Mastspitze, steht der Späher, der von dort oben aus auch die Passerella steuert. Sichtet er einen Schwertfisch, gibt er dem Bootseigner Signal. Dem gebührt dann die Ehre, den Fisch vom über dem Wasser gelegenen Steg aus zu harpunieren. Fortunato Polistena ist Spross einer Fischerfamilie und Besitzer einer der beiden letzten Passerellen, die in Chianalea von einst 14 noch übrig geblieben sind. Aller Tradition zum Trotz ist die Schwertfischjagd in Scilla ein aussterbender Beruf. Der Verdienst ist gering. Zahlende Touristen mit auf die Schwertfischjagd zu nehmen, ist der Versuch, Traditionen bewahren zu können und gleichzeitig das Überleben zu sichern.

In Scilla gelingt die Verbindung zwischen authentischen Traditionen und Tourismus. Während der Ortsteil Marina Grande mit einem langen, breiten Sandstrand die sonnenverliebten Badegäste lockt, bezaubert das autofreie Chianalea mit properen Häusern. Die reihen sich mehr oder weniger alle entlang einer Hauptgasse. Von dieser führen kleine, steile Gässchen direkt ins Meer. Klettert man die steilen Gässchen hinunter und blickt die Uferlinie entlang, wirkt es, als wüchsen die Häuser direkt aus dem Wasser. Wer hier wohnt, hat das Boot im Keller vertäut und das Meer schwappt an stürmischen Tagen bis an die Wohnzimmerfester im ersten Stock. Da muss die Hausfrau nicht einmal zum Fischhändler, wenn zum Mittagessen Meerestier auf dem Speiseplan stehen soll. „Wenn der Oktopus bis an den Sockel kommt, gehe ich mit der langen Gabel raus und hole mir einen direkt aus dem Wasser“, erzählt Teresa Vita und fachsimpelt mit ihrem Bruder darüber, wie dem Oktopus am besten der Garaus zu machen sei. Teresas Bruder Antonio Vita war zehn Jahre lang Vizebürgermeister in Scilla und für die Entwicklung des Tourismus zuständig. Das Vorhandene instand setzen und dann gezielt damit punkten, lautete seine Devise. In deren Folge hat sich das Fischerviertel Chianalea als Dorf erneuert. Häuser und Sträßchen sind top in Schuss, zum Castello dei Ruffo führt eine mit original Pflastersteinen restaurierte Zufahrtsstraße und auch das Castello selbst erstrahlt in neuem Glanz. Im Inneren ist ein kleines, informativ gestaltetes Museum untergebracht. Es zeigt die Fischertradition des Ortes.

Wer in Chianalea große Hotels sucht, ist fehl am Platz. Hier logieren die Touristen in kleinen Pensionen. Bis 2001, erzählt Antonio Vita, gab es nicht einmal die und mit Il Glauco nur ein einziges Restaurant. Zwischenzeitlich sind weitere Restaurants dazugekommen und nirgendwo fehlt der Schwertfisch auf der Speisekarte. Noch hat sich Scilla, trotz wachsender Touristenzahlen, seinen ursprünglichen Charme erhalten. Dass das so bleibt, dafür setzt sich Francesco Praticò ein. Er betreibt in Chianalea eine Pension, in der es neben lokalen Weinen auch für die Gegend typische Gerichte gibt. Zudem ist er Gründer der Vereinigung Calabria Etnica. Die hat es sich auf die Fahnen geschrieben, das kulturelle Erbe Kalabriens zu bewahren und dafür zu sorgen, dass Traditionen wie die Schwertfischjagd nicht aussterben.

Anreise
Direktflüge während der Saison nach Lamezia Terme z. B. ab Stuttgart mit Eurowings
(www.eurowings.com) oder ab Karlsruhe mit Ryanair (www.ryanair.com/de/de/).

Unterkunft und Aktivitäten
B&B Casa Vela in Chianalea: Apartments mit Kochnische. Familiäre Unterkunft mit angegliederter Wein-Bar. Der Shuttleservice von und zum Bahnhof ist ebenso im Preis inbegriffen wie das Glas Wein. ÜF für 2 Personen/Nacht
ab 50 Euro. Teilnahme an der Schwertfischjagd über die Unterkunft anfragen oder bei
Fortunato Polistena. B&B Marina Grande.
Familiäres B&B unweit des breiten Sandstrands im Ortsteil Marina Grande mit farbenfrohen Zimmern. Preis für DZ/Frühstück
ab 50 Euro in der Nebensaison.
www.bbmarinagrande.it/

Was Sie tun und lassen sollten
Auf jeden Fall durch die Gässchen Chianaleas bummeln und eines der Schwertfischgerichte probieren. Auf keinen Fall bei der Fahrt auf der Passerella die Sonnencreme vergessen.

Allgemeine Informationen
www.lachianalea.it/

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