Deutsch in Danzig

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  • Trommel in Bronze: Oskar Matzerath, die Hauptfigur des Romas „Die Blechtrommel“, und der Autor Günter Grass gemeinsam auf einer Bank im sogenannten Grass-Viertel in Langfuhr. 1/4
    Trommel in Bronze: Oskar Matzerath, die Hauptfigur des Romas „Die Blechtrommel“, und der Autor Günter Grass gemeinsam auf einer Bank im sogenannten Grass-Viertel in Langfuhr. Foto: 
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  • Hauswände legen deutsche Inschriften frei. 3/4
    Hauswände legen deutsche Inschriften frei. Foto: 
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Viele Jahre lang ist der kleine Oskar Matzerath allein auf der Bank gesessen. Nur seine Blechtrommel leistete ihm Gesellschaft. 2015 kam Günter Grass dazu. Die bronzene Figur war bis zum Tod des Schriftstellers im April 2015 in einem Magazin gelagert gewesen. Grass hatte verfügt, dass es zu seinen Lebzeiten kein Denkmal in seiner Geburtsstadt geben solle. Jetzt sitzen der Dichter und seine wohl bekannteste Schöpfung nebeneinander auf der Parkbank und schauen einträchtig auf die kleine Grünanlage mitten im Stadtteil Langfuhr, heute: Wrzeszcz. Hinter ihnen befindet sich das Backsteingebäude der Pestalozzi-Volksschule, die Grass einst besuchte. Seit Kurzem hängt die Europaflagge vor dem Eingang. Andreas Kasperski, Stadtführer in Danzig, sagt: „Das ist der Protest der liberalen Danziger gegen die europafeindliche Politik der Regierung in Warschau.“

Kasperski, der vermutlich bekannteste Stadtführer Danzigs, ist als Sohn einer deutschen Mutter zweisprachig aufgewachsen. Offiziell war Deutsch seit Kriegsende zwar verboten, was seine Mutter aber nicht davon abhielt, sich zu Hause auf Deutsch zu unterhalten. Der 46-Jährige führt durch Danzig, als sei es eine deutsche Stadt. Der quirlige Mann ist auf eine Art pragmatisch, die Deutsche zunächst irritiert: Er spricht alle Ortsnamen konsequent deutsch aus und hat auch sonst seine eigenen Ansichten. Für ihn und seine Familie war die kommunistische Herrschaft nicht weniger schrecklich als die Kriegszeit davor. Den Einwand der deutschen Besucher, dass die linke Diktatur doch die Folge war von Hitlers Krieg, ändert für ihn aber nichts am Ergebnis und an seiner Lebenswirklichkeit. Für ihn ist Danzig auch heute mehr deutsch als polnisch. Mit den deutschen Touristen, die sich bei dieser Aussage irgendwie unbehaglich fühlen, einigt er sich auf „europäisch“ im Sinne des EU-Ratspräsidenten Donald Tusk, seinem verehrten Lieblingsdanziger.

Dass Kasperski keine Einzelmeinung vertritt, kann der flinke, schlanke Mann auf der Stadtrundfahrt in seinem Transporter mehrfach belegen. Der deutschen Vergangenheit und Gegenwart begegnet man auf Schritt und Tritt. „Hier wurde eine Hauswand restauriert, dabei sind zahlreiche deutsche Inschriften der Zwischenkriegsjahre zum Vorschein gekommen. Die wurden nicht übermalt, sondern stehen gelassen“, erklärt Kasperski. Auf Fassaden mitten in Danzig kann man nun also in fein gedrechselter Schrift „Pils“ lesen oder „Konfekt“. Wenn junge Leute in Danzig eine Kneipe aufmachten, dann sei es besonders hip, wenn diese einen deutschen Namen trage. „Viele Bars heißen so wie Berliner Lokale. Berlin ist für viele Danziger das große Vorbild, was Lebensart und Urbanität angeht“, erläutert Kasperski. Selbst einige Straßenbahnlinien tragen deutsche Namen: Seit 2010 werden die Fahrzeuge auf die Namen berühmter Personen, die mit der Stadt in Verbindung stehen, getauft: So kann man in eine Bahn namens Arthur Schopenhauer, Daniel Fahrenheit oder Georg Forster einsteigen.

Auch in der Umgebung ist das Deutsche präsent. In Puck (deutsch: Putzig), einer beschaulichen kleinen Hafenstadt in der Kaschubei nördlich von Danzig, steht seit Kurzem mitten auf dem historischen, rechteckigen Marktplatz ein Hotel mit riesigem blauem Namenszug „Brandenburg“. Schräg gegenüber befindet sich die Werkstatt „Puck Glas“. Auf das mühsam gelernte „Dzien Dobry“ antwortet der Inhaber Thilo Mast nachsichtig lächelnd mit „Guten Tag“. Der gebürtige Braunschweiger hat vor rund 20 Jahren das ehemalige Haus der Töpfergilde in einer Zwangsversteigerung gekauft, restauriert und betreibt nun dort eine Glasbläserei samt Shop, Museum und Bio-Café. „Die Kaschuben waren immer schon multi-ethnisch, das Deutsche ist ihnen eine von vielen Möglichkeiten“, erzählt der umtriebige Geschäftsmann.

Am Hafen von Puck kann man auf die Halbinsel Hel hinübersehen. Die lang gestreckte Nehrung ist im Sommer bei Wassersportlern und Campern beliebt. Die polnische Ostsee mit ihren langen weißen Stränden ist ein begehrtes Urlaubsgebiet: für die Polen selbst, für Skandinavier und Engländer. In den letzten beiden Sommern konnte man auch zunehmend Deutsch an der polnischen Ostseeküste hören, und zwar nicht nur von den sogenannten Heimwehtouristen, sondern auch von jungen Leuten. Polen gilt als sicher, was terroristische Anschläge angeht, und die Sommer sind gar nicht so schlecht: kurz, aber heiß. Im mondänen Seebad Sopot (dt: Zoppot), das zusammen mit Danzig und Gdynia (dt: Gdingen) die Dreistadt bildet, herrscht dann ausgelassene Heiterkeit, welche südländischem Treiben in nichts nachsteht. Auch Hotels und Gastronomie haben enorm aufgeholt, sind jedoch vergleichsweise günstig.

Und immer noch lockt der Bernstein. Das gelb-braune, fossile Harz, das mittlerweile auch unter dem flotter klingenden Name „Amber“ vermarktet wird, gilt als der größte Schatz Pommerns. „Wer am Strand Bernstein findet, darf ihn auch behalten“ erzählt Zbigniew Strzelczyk, Inhaber einer der ältesten Bernstein-Werkstätten, direkt beim Danziger Krantor am Ufer der Mottlau. Wenn Besuch kommt, dann zieht der freundliche Herr mit der dicken Hornbrille seinen feinen Janker mit den kunstvollen Verschlüssen aus Bernstein über. Oft kommen ältere Damen aus Deutschland zu ihm, die ihren Schmuck reparieren lassen wollen. „Das ist heikel, Bernstein bricht leicht, wenn er älter ist“, erklärt Strzelczyk. Bei ihm sind die geliebten Erinnerungsstücke aber in guten Händen, das hat sich bis nach Deutschland herumgesprochen.

Wenn Andreas Kasperski fertig ist mit der Führung durch seine Heimatstadt und er sich wohlgefühlt hat mit der Truppe, dann fängt er gerne mal an zu singen. Auf der Fahrt zum Flughafen gibt er „Gute Nacht, Freunde“ von Reinhard Mey zum Besten. Am Ziel angelangt, erklärt er: „Dort drüben, wo heute die Startbahn ist, war früher der Kartoffelacker, auf dem Oskars Oma einem flüchtenden Mann Schutz unter ihren Röcken gewährte“. Dabei wurde ja angeblich Oskars Mutter gezeugt. Eine schöne Fügung irgendwie, dass man von diesem Ort, an dem ein neues Kapitel in der Geschichte der Literatur begann, heute in die große, weite Welt aufbrechen kann.

Anreise
Von Frankfurt fliegt Lufthansa nach Danzig (www.lufthansa.com). Von Berlin aus braucht man mit dem Zug sechs Stunden
(www.bahn.de).

Essen und Schlafen
Grand Hostel: Mitten in Danzigs historischer Altstadt, schöne, saubere Zimmer, polnisches Frühstück, unschlagbar günstig. DZ/F ab 33 Euro. www.grandhostel.pl/.
Hotel Quadrille: Etwas außerhalb in Gdynia, in einem herrlichen Park gelegen. Jedes Zimmer ist individuell eingerichtet. Mit Spa und ausgezeichnetem Restaurant. DZ/F ab 115 Euro, https://quadrille.pl/en.
Hotel Marriott Sopot: Wunderschön eingebettet in die Dünenlandschaft, direkt an der Ostsee. Riesiger Spa-Bereich und mehrere Pools. DZ/F ab 120 Euro. www.sopotmarriott.pl/.
Das Café E. Wedel in Sopot ist eine Filiale des traditionellen polnischen Schokoladenherstellers E. Wedel aus Warschau. Das Unternehmen wurde 1851 von einem Deutschen gegründet. Die Schokoladenkreationen sind köstlich.
www.wedelpijalnie.pl.
Mitten in den kaschubischen Wäldern liegt das Hotel Palac Ciekocinko. Das À-la-carte-Restaurant bietet neue polnische Küche vom Feinsten. DZ/F ab 110 Euro. www.pallacciekocinko.pl.

Einkaufen
Bernstein: Styl Gallery beim Danziger Krantor. Der Inhaber Zbigniew Strzelczyk ist seit Jahrzehnten ein Garant für beste Qualität. www.amberstyl.pl

Führung
Der Deutsch sprechende Andreas Kasperski bietet Führungen durch Danzig, Sopot und Gdynia an, die vorgeschlagene Route kann nach Wunsch verändert werden. Sein Minibus hat sieben Plätze, Preis pro Person für fünf Stunden 150 Zloty (35 Euro).
http://3citytour.com/ Buchung: booking@3citytour.com.

Allgemeine Informationen
www.polen.travel

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