Banalisierung der Berge

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Mutprobe für Touristen, von einfallsreichen Marketingstrategen ausgedacht.  Foto: 

Im Film „Der dritte Mann“ erklärte Orson Welles in seiner Rolle als Harry Lime, dass den Schweizern nur eine kreative Leistung gelungen sei: die Erfindung der Kuckucks­uhr. Damit lag er doppelt falsch. Die Kuckucksuhr ist ein Produkt der Schwarzwälder, und in Sachen Kreativität läuft die Marketingorganisation Schweiz-Tourismus öfter mal zur Höchstform auf. Dabei greifen die Werbeleute in die gleiche Trickkiste wie Welles und behaupten Dinge, die nur deshalb wahr werden, weil viele daran glauben wollen.

Zum Beispiel daran, dass das Berner Oberland erst dann eine Reise wert sei, wenn mit teuren Kampagnen die überdimensionierte touristische Infrastruktur beworben wurde. Dabei ist das Berner Oberland eine alpine Destination, deren Strahlkraft auch ohne PR bis nach Fernost reicht. Das mittels Zahnradbahn für jeden erreichbare Jungfraujoch geriet unter seinem touristischen Zweitnamen „Top of Europe“ aber nicht nur zu einem der populärsten Reiseziele der Region, sondern auch zu einer Ware. „Switzerland. get natural“ verspricht die Tourismusorganisation. Vor Berge und Natur sind allerdings erst einmal monströse Skilift-Anlagen und fußballfeldgroße Reisebusparkplätze gesetzt, Hotelklötze und Wellnesspaläste, Minigolfplätze und Souvenirbüdchen, die sich zwischen rustikale Alphütten-Nachbauten drängeln.

Spektakuläre Aussichtsplattformen und schwindelerregende Hängebrücken dienen keinem anderen Zweck, als Touristen auf die Mutprobe zu stellen, und so wird der zivilisationsgeschädigte Reisende selbst im Hochgebirge von Reizen überflutet. Würde all dieses Spaßequipment fehlen, wären Eiger, Mönch und Jungfrau doch auch bloß kolossale Steinhaufen, denkt sich der Marketingexperte wohl. Schön, aber langweilig und nur für Naturfreunde von Bedeutung. Was aber sollen all die anderen zahlungswilligen Touristen mit Natur anfangen? Die Köpfe von Schweiz-Tourismus stellen ihre Strategie zur Gewinnung der Zielgruppe so vor: „Mit einer konsequent auf Gästesegmente ausgerichteten Content-Konzeption erreichen Inhalte in Form von Erlebnissen den Gast auf glaubwürdige, emotional ansprechende Weise.“ Das PR-Idiom bedarf keiner Übersetzung. Es reicht, sich den Erfolg anzusehen, und der sieht so aus: Menschen, die wohl von allein nie auf die Idee gekommen wären, ins Hochgebirge zu reisen, drängeln sich schon am frühen Morgen auf dem höchstgelegenen Bahnhof Europas am Jungfraujoch. In der Hochsaison kann man sich dort wie zur Rushhour in Tokio fühlen, und 2015 wurde die Rekordmarke geknackt: Eine Million Menschen sind mit der Jungfraubahn transportiert worden, im Schnitt 3000 Besucher täglich, die ohne auch nur einen Meter selbst gekraxelt zu sein, durch sensible ökologische Hochgebirgszonen trampeln.

Verschlimmerung der Situation

Immer öfter kommt es zu aberwitzigen Begegnungen zwischen Bergsteigern, behängt mit Klettergurt, Seil, Eisschrauben und Pickel, und Flaneuren in Strickjäckchen und Leinenschuhen, die Absperrbänder und Warnschilder ignorieren, um auch ein bisschen Kletter-Feeling zu erleben. Mittlerweile droht eine Gondelbahn der Extraklasse die Situation noch zu verschlimmern. Grindelwald, der Ferienort, der mit seiner einzigartigen Bergkulisse zum Pionier des Wintertourismus im Berner Oberland wurde, steht das größte bahntechnische Bauvorhaben in der Gegend seit Errichtung der Jungfraubahn bevor - der Eigerexpress. Der soll seine Passagiere in rund 15 Minuten zum Gletscher bringen. So könnten mehr als 2400 Besucher pro Stunde befördert werden. Damit hätte dann auch die Hektik der Städte die Berge erreicht. Das permanente Surren der Massenseilbahn würde die Stille endgültig verbannen und die 60 Meter hohen Stahlmasten die weltberühmte Aussicht auf die Eigernordwand zerstören. Der Widerstand gegen das 420 Millionen Franken teure Projekt wächst. Eine wachsende Zahl von Gegnern dringt auf die Prüfung einer alternativen Linienführung.

Was also ist an „get natural“ natürlich? Authentische Erfahrungen von Landschaft und Lebensart zu versprechen, gleichzeitig aber eine Parallelwelt aus künstlichen Attraktionen zu schaffen, die exakt definiert, was man sich anzusehen hat. Promenaden, Aussichtsterrassen, Sitzbänke und Dirndlabende gängeln die Besucher, die dadurch langsam verlernen, selbst etwas zu erleben. Nach dem kurzen Wow-Effekt stellt sich schnell wieder Langeweile ein und es muss etwas noch Spektakuläreres her. So verwandelt sich das Idyll in ein Alpen-Disneyland. Dabei gibt es sie noch, die Landschaften von unwirklicher Schönheit; Einödhöfe, die auf windgebürsteten Höhenzügen die Geschichten vergangener Zeiten erzählen; Hoteliers, die Gastfreundschaft großschreiben und Natur nicht bloß als Kapital oder Kulisse begreifen. Wer einmal im Lauterbrunnental staunend vor fast senkrecht aufragenden Felsen, Wasserfällen und schneebedeckten Gipfeln gestanden hat, wird den Rummel garantiert meiden.

Wer des Massenkonsums müde ist, darf dennoch auf entspanntes Reisen hoffen, wenn er der Gleichung vertraut: Weniger ist mehr. Statt französische Designerröcke in Gstaad gibt es Gämssalami und Alpkäse im Gasthaus auf dem Obersteinberg. Auch der raue Charme des Kientals erfreut Liebhaber von Stille und Natur, und während sich andernorts Hundertschaften auf die Füße treten, bewundern kleine Gruppen rund 400 Meter unter der Erdoberfläche des Grimselpasses ungestört ein 16 Millionen Jahre altes Meer aus Kristallen. Unentdeckte Orte bietet das Berner Oberland nicht mehr, spektakelfreie Zonen finden sich dagegen noch, vorausgesetzt, man verzichtet auf die touristischen Zugpferde.

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