Augenfutter

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Die meisten fanden die Idee völlig absurd: Ein Kunstmuseum in Emden - wer bitte schön sollte wohl in diesen abgelegenen Zipfel Deutschlands fahren, um sich Bilder anzusehen, fragten die Hamburger Freunde von Henri Nannen. Oder zielte er gar auf die 50 000 Emder selbst: VW-Arbeiter im Blaumann, Ostfriesen, mein Gott. Über die machte man Witze. Die quälte man nicht mit Kunst.

Ein Kunstmuseum in Emden, schüttelten wiederum die Emder selbst den Kopf. Haben wir keine anderen Sorgen, jetzt, wo die Werften sterben und die Leute mit Bussen bis nach Stuttgart gekarrt werden, um noch Arbeit zu finden?

Aber Henri Nannen, der ehemalige Chef des „Stern“, und seine Frau Eske, auch sie in Emden geboren, ließen sich nicht beirren. Sie setzten ihr Vermögen und ihre Kunstsammlung ein, warben, erbettelten Geld, fanden immer mehr Mitstreiter und am 3. Oktober 1986 war es schließlich so weit: Die Kunsthalle, eingebettet zwischen Grachten und alten Bäumen, wurde eröffnet, ein Bau aus rotem Klinker mit Glasfassade, der sich nicht in den Vordergrund drängt, aber ruhig seinen Platz am grünen Eingang zur Stadt behauptet. Dank der Hartnäckigkeit der Nannens können Besucher heute zwischen den Nachtstücken des umstrittenen Franz Radziwil und den farbsatten Körpern Josef Schartls herumschlendern, über die dunklen Leinwände des Emil Schumacher grübeln und in den Farborgien von Asger Jorn schwelgen.

Expressionismus und Moderne bilden die Schwerpunkte der Ausstellungen, saftiges, ausdrucksstarkes, sinnliches Augenfutter.

Zur Kunst kam Emden also recht spät. Bedeutend dagegen war es schon viel früher - als Deutschlands westlichste Seehafenstadt. Am Ratsdelft, einem Hafenarm, der sich bis zum Rathaus erstreckt, dümpeln Museumsstücke wie das Feuerschiff „Deutsche Bucht“ und der Seenotrettungskreuzer „Georg Breusing“ im Wasser und erinnern an die große Vergangenheit. Jantje Vis, ein hübsches Ostfriesenmädchen in Bronze, präsentiert einen Korb mit Heringen. Was waren es doch für große Zeiten, als von Emden aus 70 bis 80 Heringslogger sechs-, siebenmal im Jahr auf Reisen gingen, zu den Shetlandinseln, zur Doggerbank und in den Ärmelkanal. Einer der Logger, die „AE 7“, ein 1908 gebautes schwarz-braunes Holzboot, liegt noch am Kai. Wer Glück hat, trifft an Bord oder im nahen Maritimen Museum Penning Berendt und seine Freunde. Der 87-Jährige fuhr in seiner Jugend selbst auf einem der Boote. Bis zu 15, 16 Mann waren an Bord, unter Deck sind die engen Kojen nach alten Plänen nachgebaut. Auf See wurde der Hering sofort geschlachtet und mit Salz in Fässern eingelegt. Heute produziert am Ort nur noch die Firma Fokken & Müller in größerem Stil Matjes: Matjes in Senf oder Preißelbeere, Bärlauch oder Curry und einem Dutzend anderer Geschmacksrichtungen. Der Fisch kommt aus vielen Himmelsrichtungen, aber nicht mehr von einem Boot aus Emden.

Wie es um den Hafen heute bestellt ist, erfährt man bei einer Hafenrundfahrt. Natürlich geht es im drittgrößten Autoverladehafen Europas vor allem um Pkws. Ab 1965 produzierte Volkswagen in Emden den Käfer und seit 1977 den Passat. 45 000 Stellplätze gibt es im Hafen. Ein Transporter fährt zwischen den Wagenreihen hin und her, setzt Fahrer ab und geleitet sie am Ende samt ihrer Fahrzeuge zum Schlund der „City of Rotterdam“, einem bauchigen Autofrachter, in dem 800 Fahrzeuge Platz haben. Auch Windkraft spielt eine große Rolle: Gondelteile, Rotorblätter, Turmsegmente warten auf den Abtransport. Aus der „Wind Lift“ ragen vier mächtige Eisensäulen in den Himmel. Es sind Hubbeine, die sich zum Meeresboden absenken lassen und das Schiff anheben können. Und der Kran, der 500 Tonnen tragen kann, verankert dann Offshore-Anlagen im Meer.

Vom Turm des Alten Rathauses fallen die zahlreichen Bunker im Stadtbild auf. 31 von einst 35 sind noch erhalten und in einem ist das Bunkermuseum untergebracht. Es ist kalt zwischen den 1,10 Meter dicken Mauern, aber die 350 Menschen, die auf den sechs Etagen Schutz fanden, ließen die Temperatur schnell steigen. Fotos und Listen erinnern an die Nazizeit und an die Zwangsarbeiter, die beim Bunkerbau eingesetzt wurden, bei Angriffen aber nicht ins Innere durften. Bei Alarm kamen Emder mit dem Koffer und suchten ihren Platz. Dann begann das Warten. Ein Klassenzimmer, die Teeküche und Halma- und Dame-Spiele suggerierten „Normalbetrieb“. Alte Zeitungen berichten von Bunkerwarten und angeblich fröhlichen Sangesrunden.

Die Wirklichkeit war anders. Wenn die Bomben den Betonklotz auf dem weichen Marschboden schwanken ließen und das Licht ausging, herrschten nur noch blanke Angst und die Sorge, welches Bild man wohl vorfinden würde, draußen am nächsten Morgen. Am 6. September 1944 fanden sie nichts mehr vor: Ein Bombenangriff hatte die Innenstadt zu 80 Prozent ausgelöscht. Heute erinnern nur noch die Bunker daran.

Übernachten
Nur einen Steinwurf vom Kunstmuseum entfernt liegt das Hotel Am Boltentor mit ruhigen Zimmern, freiem Pkw-Parkplatz und einem Frühstück, das ein knappes Dutzend Arten Matjes enthält. Hinter dem Rahmen 10,
Emden, Tel.: 0 49 21 / 9 72 70,
www.hotel-am-boltentor.de (DZ/F 105 Euro).

Essen und Trinken
Das Hotel-Restaurant Goldener Adler, direkt neben dem Rathaus, ist eine Emder Institution. Man sitzt gutbürgerlich und speist zu akzeptablen Preisen: Empfehlenswert sind die Friesischen Bruschetta mit Matjes und Krabben. Und „Skantjes“, gebratene Kliesche, ein Plattfisch zwischen Scholle und Seezunge. www.goldener-adler-emden.de

Anschauen
„Dat Otto Huus“: Ein Elefant aus Kunststoff bricht aus der Fassade. Drinnen gibt es die
Ottifanten des in Emden geborenen „lustigsten Ostfriesen“ Otto Waalkes auf T-Shirts,
Tassen und in Plüsch. In einem Mini-kino laufen Ausschnitte aus seinen Fernsehshows. www.ottifant.de.
„Maritimes Museum“: Ehemalige Seeleute
haben die Sammlung zusammengetragen.
Und zwischen Schiffsmodellen, Sextanten, Funkstationen und Äquator-Taufscheinen holt liebend gern einer der alten Männer sein Seefahrtsbuch hervor oder blättert in einem der Fotoalben und spinnt sein Seemannsgarn. www.seefahrtsfreunde-emden.de. Kunsthalle: Hinter dem Rahmen 13, 26721 Emden.
www.kunsthalle-emden.de

Allgemeine Informationen
Tourist-Info Emden, Tel.: 0 49 21 / 9 74 00, www.emden-touristik.de

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