Anti-Stress-Einheit

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„Streichel mich“ steht auf dem Hundejäckchen. Der Aufforderung wird gerne nachgekommen.  Foto: 

Erst streichelt Rob Allen (42) die Flanke von Malachi, dann klopft er rhythmisch mit seiner riesigen Hand auf den Rücken des Hundes. Zwei-, sechs-, zehnmal, er will gar nicht mehr aufhören, das Fell staubt schon ein wenig, Malachi wedelt heftig, seine Zunge hängt aus dem Maul. Allen, der Zwei-Meter-Mann, umarmt den Schäferhundrüden und drückt ihn an sich. Passagiere mit Rollköfferchen und Smartphone am Ohr verlangsamen ihren Flughafen-Trab, drehen sich um und lächeln. Allen ist das ein wenig peinlich. Er steht auf, schüttelt Karen Stallmanns Hand und sagt: „Thanks! I love your dog!“

Stallmann (59) ist Schäferhund Malachis Frauchen. Sie strahlt: „Genau so soll das mit den Airport-Hunden funktionieren.“ Rob Allen, Vorarbeiter am Bau aus Buffalo (US-Bundesstaat New York), hat seit den 9/11-Terroranschlägen Angstzustände beim Fliegen. Wann immer er kann, fährt er seither mit dem Auto, erzählt er, manchmal 22 Stunden nonstop. Dies sei erst sein vierter Flug seit 2001. „Für die Wartezone am Gate brauche ich zwei bis drei T-Shirts, so stark schwitze ich. Ich habe schon einige Male das Warten abgebrochen und bin aus dem Flughafen geflüchtet.“

Flugangst, Verspätungsfrust, Furcht vor Terroranschlägen, Stress beim Sicherheits-Check: Airports sind für viele Reisende emotional belastende Horrorzonen. Mehr als 30 US-Flughäfen setzen deshalb mittlerweile Therapiehunde ein, um den Stresslevel der Passagiere zu verringern. In Denver, dem fünftgrößten US-Flughafen mit knapp 160 000 Passagieren am Tag, gehen 37 Hunde „auf Streife“ zwischen Check-in und Abflug-Gate. Malachi und Karen Stallmann sind eines der Teams des „Canine Airport Therapy Squad“ (etwa „Flughafentherapiehund-Einsatzkommando“). „Wir haben in unserer Zwei-Stunden-Schicht etwa 200 Interaktionen mit Menschen“, sagt Stallmann, „99,9 Prozent sind positiv. Die Menschen lieben es, Malachi zu berühren, mit ihm zu spielen, Fotos zu machen.“ Auf Malachis Hundejacke steht „Pet Me!“(„Streichel mich!“).

„Ist das ein Bär?“, fragt ein Papa am Gate B 31 scheinheilig den zweijährigen Dominic, der das entrüstet abstreitet. „Es ist ein Hund, Papa!“ Scheue Blicke zwischen Kind und Hund. Malachi hebt seine große Pfote. Dominic ergreift sie behutsam und schüttelt sie. Malachi legt seinen Kopf auf den Boden und sieht das Kind an. Etwas aufgeregt beginnt Dominic den Kopf zu streicheln. Ein Dutzend wartende Reisende beobachten die Szene wohlwollend, einige fangen an, von ihren Hunden zu erzählen, andere wollen Malachi auch streicheln. Die Wartezone wird zum Wohnzimmer, Menschen lachen, Tablets werden beiseitegelegt. „Hunde sind wie Magneten“, sagt Stallmann, „und sie produzieren gute Laune.“

„Was in Krankenhäusern oder Altenheimen klappt, klappt auch an Flughäfen“, erklärt Scott Elmore vom US-Flughafenverband ACI-NA. „Die Gegenwart eines Hundes beruhigt, lenkt ab und senkt den Blutdruck.“ Das erste dieser Programme startete 2001, kurz nach 9/11, in San José im Silicon Valley. 

In Deutschland haben es die Flughafenhunde schwer. Nur der Airport in Frankfurt startete vor vier Jahren einen „einmaligen Einsatz“ im Rahmen eines Flughafenfestes. Die Flughafensprecherin betont, dies sei „kein Testlauf“ für kommende Einsätze gewesen. Auch an anderen deutschen Flughäfen herrscht Hunde-Flaute. In den USA übernehmen bisher Besitzer ausgebildeter Therapie- und Assistenzhunde ehrenamtlich die Airport-Einsätze. Kosten für Uniformen und Hundejäckchen zahlen die Flughäfen.

Manchmal gibt es auch Tränen. Von Reisenden, deren geliebte Haustiere gestorben sind und in denen der Kontakt mit den Hunden schmerzhafte Erinnerungen weckt.

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