Zu schade für die Tonne

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Was der eine nicht weiß, hat vielleicht der andere drauf: Uli Weist (links) und Bruno Oppitz wechseln den Akku eines Staubsaugers aus.  Foto: 

Was tun mit einem alten Wecker, der nicht mehr leuchtet und nicht mehr aufhört zu klingeln? Wegwerfen und einen neuen kaufen, wäre wohl die Antwort jedes Ladenbesitzers oder Verkäufers. Eine Lösung, die für Blanka Oswald erst dann in Frage kommt, wenn gar nichts mehr zu machen ist. Vorher bringt die 80-Jährige ihren Wecker ins Überlinger Repair Café, wo erfahrene Handwerker und Tüftler versuchen sollen, den Fehler zu beheben. Nicht weil sie sich keinen neuen leisten kann, sondern „weil mir der Wecker immer gute Dienste geleistet hat und ich grundsätzlich nicht gleich alles wegwerfen will“, sagt Blanka Oswald. „Mein Radio haben sie ja auch wieder hingekriegt.“

Mit dieser Einstellung ist die Seniorin nicht allein. „Einfach wegwerfen und neu kaufen, das stellen in Deutschland inzwischen mehr Menschen in Frage“, sagt Tom Hansing von der Stiftungsgemeinschaft Anstiftung, die hinter dem Netzwerk Reparatur-Initiativen steht. Nur werde ihnen das Reparieren oft schwer gemacht: „Manchmal kann man neue Software auf älteren Geräten nicht benutzen, man bekommt keine Ersatzteile, oder Akkus sind verschweißt.“ Mit Repair Cafés wehrten sich Bürger gegen diese Entwicklung.

So auch in Überlingen am Bodensee, wo Günter Neubert und seine Mitstreiter seit gut drei Jahren entsprechende Dienste anbieten. An drei Nachmittagen pro Woche finden sich wechselnde Teams der insgesamt zwölf ehrenamtlichen Helfer in dem großen, sehr zweckmäßig bestückten und trotzdem gemütlichen Raum ein, der dank der verhältnismäßig günstigen Miete als Dauereinrichtung besteht. „Das hat den Vorteil, dass wir nicht jedesmal alles ein- und auspacken müssen“, erklärt Neubert. Für viele andere Repair Café-Initiativen, die oft nur einmal pro Monat zum gemeinsamen Werkeln einladen, stünden die Räume lediglich zu den einzelnen Treffen zur Verfügung, was einen erheblichen Transport­aufwand bedeute.

Spende statt Bezahlung

Während Blanka Oswald am großen Holztisch in der Mitte Platz genommen hat, um den Auftragszettel auszufüllen, zerlegen Wolfgang Meinecke und Bevis Stevens am Schreibtisch daneben ein Handy, und weiter hinten versuchen Uli Weist und Bruno Oppitz, einen funktionstüchtigen Akku in einen Staubsauger einzubauen. Das Grundprinzip der Repair Cafés ist zwar Hilfe zur Selbsthilfe, das heißt, wer einen Gegenstand repariert haben will, macht sich unter kundiger Anleitung selbst ans Werk. „Auch bei uns reparieren viele mit“, sagt Neubert. Aber weil vor allem ältere Leute mit winzigen Teilchen und komplizierten Schaltkreisen schlecht zurechtkommen, wird manches auch als Auftragsarbeit angenommen. Berechnet wird dafür nichts, aber Spenden sind willkommen, um wenigstens die Kosten für Ersatzteile und die Raummiete zu decken. „Von uns Helfern verdient hier keiner was“, betont Neubert, der als gelernter Elektro-Ingenieur auch stets die Sicherheit im Auge hat. „Ein geöffnetes Gerät mit Netzkabel darf beispielsweise nie einfach so an die Steckdose angeschlossen werden“, erklärt er. Für alle Fälle gibt es natürlich eine Haftpflichtversicherung, aber die musste zum Glück noch nie in Anspruch genommen werden.

Inzwischen sind zwei weitere Männer dazugekommen. Einer braucht lediglich einen Internet-Zugang, um das Textprogramm auf seinem Laptop nachzurüsten. Der andere, ein Uhrmacher im Ruhestand, holt eine schwere Wanduhr vom Haken und inspiziert ihr Innenleben. Geschäftige Konzentration erfüllt den Raum, in dem die Arbeit kein Ende zu nehmen scheint. Bügeleisen, Kaffeemaschinen und viele andere Geräte stehen in Regalen, auf Sideboards und Schränken stapeln sich Lautsprecherboxen und Musikanlagen, eine Frau kommt mit einem Flachbild-Fernseher zur Tür herein. „Was die Leute nicht unterm Arm hertragen können, nehmen wir schon aus Platzgründen nicht an“, sagt Neubert und berichtet, dass sich immerhin rund 70 Prozent der Geräte ganz oder teilweise wiederherstellen lassen. „Und die glänzenden Augen all der Hobbybastler, die selbst daran mitgewirkt haben, machen uns besonders stolz“, ergänzt Uli Weist. Dass sich das Repair Café ganz nebenbei auch zu einem beliebten Treffpunkt entwickelt hat, wo neben der Arbeit auch stets Zeit für ein Schwätzchen oder Kaffee und Kuchen bleibt, macht das Ganze noch wertvoller. Günter Neubert: „Etwas Sinnvolles tun und dabei noch Spaß haben – was will man mehr?“

Konzept Das Veranstaltungsformat „Repair Café“ wurde erstmals 2009 von der Niederländerin Martine Postma aufgelegt. In Deutschland koordiniert heute die „anstiftung“ das rund 600 Initiativen umfassende Netzwerk. Es geht darum, Erfahrungen auszutauschen und eine gute Zeit miteinander zu verbringen. Daher sind Kaffee und Kuchen ebenso wichtiger Bestandteil wie Schraubenzieher und Lötkolben. Eine Gesamtübersicht gibt es im Internet: www.reparatur-initiativen.de

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