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Adrienne Friedlaender (Mitte) mit ihren Söhnen, drei ihrer vier eigenen und Moaaz (zweiter von links), der sieben Monate zur Familie gehörte.  Foto: 

Sie hatten sieben Monate einen syrischen Flüchtling in Ihrer Familie. Wie kam es dazu?

Adrienne Friedlaender: Damals, im Jahr 2015, kamen mehrere Faktoren zusammen. Einmal die allgemeine Situation mit den Bildern von sinkenden Schiffen, Flüchtlingen an den Grenzen, überlaufenen Turnhallen und Bahnhöfen. Als ich daheim wieder mal „die armen Flüchtlinge“ bedauerte, meinte einer meiner Söhne, dass er das ständig höre, aber niemand etwas tue. Wir hielten dann eine Familienkonferenz ab und beschlossen, wenigstens über den Winter einen Flüchtling aufzunehmen. Selbst mein jüngster Sohn, der nach dem Auszug seines ältesten Bruders endlich ein Zimmer für sich allein hatte, war sofort bereit, das wieder zu räumen.

Stand von Anfang an fest, dass ein junger Erwachsener zu Ihnen kommt?

Ich hatte auch einen 14- oder 15-Jährigen in Erwägung gezogen, aber Flüchtlinge in dem Alter sind noch Kinder und brauchen eine viel intensivere Betreuung, die ich nicht leisten könnte. Also kamen wir überein, jemanden im Alter meiner großen Söhne aufzunehmen. Ein 40-Jähriger hätte auch nicht gepasst, die Mutter-Sohn-Beziehung war schon wichtig.

Wie lief dann die erste Begegnung mit dem jungen Mann namens Moaaz ab?

Meine beiden jüngeren Söhne und ich sind in die Erstaufnahmeeinrichtung gefahren, um ihn zunächst kennenzulernen. Aber es geht da ja nicht zu wie im Tierheim, wo man sagt, ach nee, der erste gefällt mir nicht so gut, ich komme lieber nächste Woche nochmal vorbei. Auch eine Situation wie in dem Film „Willkommen bei den Hartmanns“, wo alle auf dem Sofa sitzen und mehrere Kandidaten zur Vorstellung einladen, ist absurd. Trotzdem ist eine gewisse Grundsympathie wichtig, und die war sofort gegeben. Mein jüngster Sohn Juri hatte mir sowieso schon ins Ohr geflüstert, ob wir ihn nicht gleich mitnehmen sollten.

Wie klappte es mit der Verständigung?

Zunächst auf Englisch und mit Hilfe des Google Translators. Das hat oft, aber nicht immer geklappt. Zum Beispiel wollte ich ihm gleich am Anfang erklären, dass sich die Männer bei uns zum Pinkeln hinsetzen. Als Google nicht weiterhalf, nahm ich ihn mit ins Bad, stellte mich in entsprechender Körperhaltung vors Klo und signalisierte ein unmissverständliches Nein. Anschließend setzte ich mich hin und nickte eifrig. Moaaz hat mich ernst und freundlich angeschaut und meinte nach meiner Darbietung ganz lapidar: „That’s normal“, was wiederum mich wie eine Vollidiotin aussehen ließ.

Hat er überhaupt viel von seiner Heimat in Syrien erzählt? Oder von seiner Flucht?

Das Thema Flucht war und ist tabu. Wann immer ich ihn danach fragte, hat er abgeblockt. Ich glaube, er hat Sachen erlebt, die er niemandem erzählen kann und will. Über seine Heimat haben wir dagegen einiges erfahren: Wie er aufgewachsen ist, wie es in der Schule und in der Familie zuging.

In arabischen Familien helfen Männer eher nicht im Haushalt mit. War Moaaz anders?

Ja, er hat mir durchaus geholfen: beim Wäsche sortieren, beim Kochen, und er ist mit mir Einkaufen gegangen. Er konnte ja nicht nur untätig rumsitzen. Ich fände es ohnehin extrem wichtig, die Flüchtlinge zu beschäftigen, sie sinnvoll einzusetzen. Inzwischen sprechen ja viele Deutsch. Einer wie Moaaz könnte jetzt anderen Flüchtlingen wunderbar bei Behördengängen helfen oder ihnen erklären, worauf es bei uns ankommt.

Haben ihm manche Unterschiede besonders zu schaffen gemacht?

Ich denke, die hier weit verbreitete Respektlosigkeit hat ihn schon sehr erstaunt – mehr jedenfalls als freizügige Kleidung. Wie Lehrer oder Eltern behandelt werden, dass Schüler im Unterricht einfach aufstehen, dazwischenquatschen oder essen und trinken, das kannte er nicht.

Wie sieht es mit Alkohol aus?

Rührt Moaaz nicht an. Wobei es ihn nie gestört hat, wenn meine Söhne auf Partys oder auch zu Hause Alkohol tranken. Bei mir als Frau hat er zwar ab und an gemeint, ich sollte besser keinen Wein trinken – was mich trotzdem nicht abhielt. Aber insgesamt wollte er niemanden bekehren, sondern hat sich wie wir eher am Prinzip „leben und leben lassen“ orientiert. Meiner Meinung nach das Erfolgsrezept für harmonisches Zusammenleben überhaupt.

Wie hat Ihr Umfeld reagiert, also Nachbarn, Freunde, Familie?

Im Grunde sehr positiv. Was ich mehrfach zu hören bekam, war die Frage: Hast du denn keine Angst? Das hat mich etwas überrascht, weil ich gar nicht wusste, wovor ich bei so einem schüchternen jungen Mann Angst haben sollte. Oder auch: Wie willst du das schaffen? Du hast doch schon vier Kinder. Ein extrem gutes Verhältnis hatte er von Anfang an zu meiner Mutter. Er besucht sie bis heute regelmäßig. Sie hat immer viel mit ihm gesprochen und fand seinen respektvollen Umgang mit dem Alter besonders angenehm. Zur Begrüßung hat er ihr gleich die Hände geküsst.

Gab es auch Dinge, die Sie genervt haben?

Seine Unpünktlichkeit fand ich am Anfang anstrengend. Dazu muss man wissen, dass Verabredungen im arabischen Raum viel unverbindlicher gehandhabt werden als bei uns. Aber nachdem wir mehrfach darüber gesprochen hatten und ich ihn einmal sogar richtig ausgeschimpft hatte, wurde es besser. Ich habe ihm dann erklärt, dass er mir eine Nachricht schicken soll, wenn er sich verspätet, weil ich mir sonst Sorgen mache. Und dass Arzt- oder Behördentermine bei uns pünktlich eingehalten werden. Heute ist er auf die Minute pünktlich.

Was haben Ihnen diese Monate gebracht?

Sie haben auch meinen Blick auf das Familienleben verändert. Moaaz hat uns erzählt und vorgelebt, welch hohen Stellenwert die Familie hat und dass bei einem Treffen alle willkommen sind. Bei uns heißt es häufig „Oh Gott, jetzt rückt wieder die ganze Sippschaft an“. Zudem hat er uns vermittelt, dass es auch unter Moslems große Unterschiede gibt. Eine seiner Cousinen war fünfmal verheiratet. Manche Frauen sind verhüllt bis auf die Sehschlitze, andere lassen sich Botox spritzen. Solche Einblicke in seine Kultur zu bekommen, empfinde ich als enorme Bereicherung. Auf der anderen Seite war ich unglaublich stolz auf meine Kinder, weil sie bereit waren, sich darauf einzulassen. Ich bin sicher, dass sie diese Erfahrung niemals vergessen werden.

Ist der Kontakt zu Moaaz noch eng?

Ja, im Moment sogar sehr eng, weil er häufig zu meinen Lesungen mitkommt. Moaaz wohnt jetzt mit einem Kumpel in einer WG, besucht uns aber oft. Er bereitet sich gerade auf seine letzte Deutschprüfung vor. Wenn er die besteht, darf er sogar studieren, falls er das möchte.

Adrienne Friedlaender (55) ist freie Journalistin und schreibt für verschiedene Tageszeitungen und Magazine. Sie lebt mit drei ihrer vier Söhne in Hamburg. Vor zwei Jahren nahm die Familie den damals 22-jährigen Syrer Moaaz bei sich auf. Was sich in den sieben Monaten des Zusammenlebens alles ereignete, schildert sie in dem Buch „Willkommen bei den Friedlaenders!“ (Blanvalet Verlag, 224 Seiten, 16,00 Euro).

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