Wie sagt’s der Aborigine?

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Roland Heinemann verfolgt die Veränderungen und Entwicklungen der Sprache mit großem Interesse.  Foto: 

Fremd klingende Namen hören wir derzeit häufig – leider oft im Zusammenhang mit terroristischen Anschlägen. Können die Nachrichtensprecher im Radio oder im Fernsehen bei Ihnen nachfragen, wie man diese Namen korrekt ausspricht?

Roland Heinemann: Selbstverständlich. An solchen Namen sind wir in der Regel sehr schnell dran. Gerade die, die im Zusammenhang mit aktuellen Ereignissen stehen, so schrecklich diese auch sind, lösen bei uns sofort Alarm aus: Bitte recherchieren, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. 

Heißt das, dass Neuzugänge in Ihrer Datenbank oft – wenn auch nicht immer – von aktuellen Ereignissen bestimmt werden?

Ganz genau. Wir sichten die über Computer einlaufenden Agenturmeldungen und Korrespondentenberichte genau wie die Nachrichtenredaktionen und filtern sie auf Namen und Begriffe. Bei Personennamen sind das häufig Staatsoberhäupter und wichtige Amtsträger, aber auch Polizeichefs, Feuerwehrhauptleute oder Provinzgouverneure, die im Interview auftauchen.

Wer verrät Ihnen, wie man diese Namen und Begriffe ausspricht und betont?

Vieles erfahren wir von unseren Ansprechpartnern bei Botschaften, Konsulaten sowie kulturellen und wissenschaftlichen Einrichtungen. Außerdem arbeiten wir seit Jahren sehr gut mit der britischen BBC zusammen. Und natürlich sind die ARD-Korrespondenten in aller Welt eine große Hilfe. Aber auch die Überprüfung direkt an der Quelle klappt gut. Die Namensträger selbst zu fragen, ist einfacher als man denkt. Jeder ist irgendwann irgendwie zu erreichen, oder jemand kennt diese Person.

Ist die Aussprachedatenbank rund um die Uhr besetzt?

Nein, das wäre finanziell zu aufwendig. Aber von 8 bis 22 Uhr an Werktagen und von 8 bis 18 Uhr am Wochenende und an Feiertagen ist jemand da. Deshalb konnten wir 2004 beim großen Tsunami gleich reagieren, weil das Büro an den Feiertagen besetzt war. Die ersten Meldungen kamen damals am zweiten Weihnachtsfeiertag zwischen 16 und 17 Uhr.

Welcher Umstand führte überhaupt zur Einrichtung dieser Datenbank, die gerade ihr 20-jähriges Bestehen feiern konnte?

Es lag einfach in der Luft und hat meiner Einschätzung nach mit der damals deutlich zunehmenden Verbreitung der Computertechnologie zu tun. Entstanden und angesiedelt ist die Datenbank beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main.

Die mittlerweile über 380 000 gesammelten Einträge stehen den öffentlich-rechtlichen Hörfunk- und Fernsehanstalten zur Verfügung. Wieso nicht auch den privaten oder jedem, der sich dafür interessiert?

Tatsächlich denken wir gerade intern über eine Öffnung der Aussprachedatenbank für die Öffentlichkeit oder zumindest für spezifische Medienangebote nach. Allerdings müssen dafür organisatorische und vertragliche Fragen geklärt werden, da die Datenbank von mehreren Rundfunkanstalten im In- und Ausland getragen wird. Wir nehmen aber – das sei noch einmal angemerkt – nicht die Sprache allgemein in den Blick, sondern vor allem Namen fremdsprachlicher Herkunft. Das umfasst Personen, aber auch Regionen, Länder, Flüsse, Berge, Sportarten, Speisen und vieles mehr.

Welche Sprache ist für deutsche Sprecher besonders schwierig?

Das lässt sich nicht ganz einfach beantworten. Im Hinblick auf unsere Arbeit gibt es besonders da Schwierigkeiten, wo die Übersetzung eines originalen Schreibsystems nicht eindeutig geregelt ist. Ein Beispiel: Das Land in Südostasien, das heute Myanmar heißt, wurde einst von den Engländern kolonialisiert, die es gesprochen „Börma“ nannten. Für diesen englischen „ö“-Laut gibt es im Englischen zwei Schreibmöglichkeiten – Burma und Birma. In dem Moment, wo diese Schreibvarianten bei uns aufschlagen, entwickeln sie ein eigenständiges Leben und bekommen jeweils eine eigene Aussprache: in der Schweiz hat sich Birma durchgesetzt, in Deutschland Burma. Wir von der Aussprachedatenbank sagen in dem Fall auch nicht, das eine ist richtiger als das andere. Wir beschreiben nur, was möglich ist.

China und Chemie: Die einen sagen „k“, die anderen „ch“. Gibt es auch dafür Gründe?

Da spielen geografische Aspekte eine Rolle. Im Norden ist „ch“ üblich, im Süden eher „k“. Der Duden hat die Nordvariante zur Norm erklärt, grenzt damit aber im Grunde die Menschen südlich des Mains aus. Das halte ich nicht für sinnvoll.

Gibt es überhaupt Aussprache-Beispiele, die in Ihren Ohren wehtun?

Nein. Und wenn mir etwas begegnet, bei dem ich das Gefühl habe, es schon einmal anders gehört zu haben, dann mache ich mich ans Recherchieren. Häufig stellen meine Kollegen und ich dann fest, dass es tatsächlich Varianten gibt. Sprache ist ja ständigem Wandel unterworfen, vielfach werden Wörter aus anderen Sprachen übernommen, während es andere wie etwa „Handy“ nur bei uns gibt. All dies finde ich spannend und faszinierend.

Gibt es Begriffe oder Namen, deren Aussprache gar nicht rauszukriegen war?

Nein, aber es hat in manchen Fällen länger gedauert. Wir sind sehr gut aufgestellt mit einem dichten Netz von Informanten, aber es ist auch schon vorgekommen, dass wir mit einer Ranger-Station im australischen Outback Kontakt aufnehmen mussten, weil nur da die 250 letzten Aborigines leben, die diese ganz besondere Sprache sprechen, aus der der Name dieses Berges stammt.

Wenn Großereignisse anstehen wie wichtige Wahlen oder Olympische Spiele, werden Sie bestimmt schon im Vorfeld aktiv. Wie bereiten Sie sich vor?

Olympische Spiele sind tatsächlich eine Herausforderung. Da laufen ja 10 000 bis 12 000 Sportlerinnen und Sportler auf. Wir treffen natürlich eine Vorauswahl aufgrund der Kaderlisten aus den teilnehmenden Ländern. Über die Jahre hinweg entsteht dabei ein solider Grundbestand an Namen und Begriffen, die eben noch ergänzt werden müssen. Deutlich übersichtlicher war im Vergleich dazu die Liste von rund 160 internationalen Künstlern, die auf der aktuellen Documenta in Kassel ausstellen. Auch für die diesjährige Europameisterschaft im Frauenfußball in den Niederlanden werden vor Anpfiff des ersten Spiels die Namen aller Spielerinnen, Trainerinnen, Mannschaftsbetreuer, Schieds- und Linienrichter sowie Spielstätten in der Datenbank abrufbar sein. Zudem bekommen wir täglich Manuskripte von Features, Hörspielen oder Dokus auf den Tisch, um darin vorkommende Namen zu recherchieren.

Sie werden als „Hüter der gesprochenen Worte“ bezeichnet. Freut Sie das?

Ja, sehr sogar.

Roland Heinemann (59) stammt ursprünglich aus Münster in Westfalen, hat in Mainz ein Lehramtsstudium in Germanistik und Anglistik absolviert und kam 1988 zum Hessischen Rundfunk in Frankfurt, wo unter seiner Federführung 1997 die Aussprachedatenbank ins Leben gerufen wurde. Heinemann lebt mit seiner Familie in Kirchheimbolanden.

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