Treffpunkt Küche

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Weil in der Küche kein Platz mehr ist, muss der Kochgehilfe Matthias zum Gemüseschnippeln an den Esstisch ausweichen.  Foto: 

Schnell in den Hauseingang! 18.55 Uhr. Bin ich richtig? Ein stinknormales, funktional gebautes Mehrfamilienhaus in der Münchner Au. Noch weiß ich nicht, wer und was mich hier erwartet. Mit gerade mal 24 Stunden Vorlauf informiert einen Cookasa per E-Mail, wo man mit Fremden kochen wird und welchen Job man dabei bekommt. Meine Aufgabe: Geld fürs Essen einsammeln und dafür sorgen, dass es in der Küche ordentlich zugeht und am Ende abgespült wird. Als ich die vielen Klingelschilder nach dem Namen absuche, biegen auch Annette und Jan um die Ecke – sie Teamassistentin in einer Biotechfirma, er Ingenieur. Sie haben zusammen das Gericht ausgesucht und die Zutaten besorgt. Annette: „Es gibt Tagliatelle mit Aprikosen-Tomaten-Sauce und Schweinemedaillons, alternativ Veggie­steak.“

Drinnen empfängt uns Sandra. „Hier ist das Schlafzimmer, Jacken einfach aufs Bett werfen, den Tisch müssen wir umdrehen, damit es mit den Ausziehplatten klappt. Und Entschuldigung für die Wohnung, ich bin erst vor drei Wochen eingezogen.“ Sandra redet schnell und viel. Ihre Wohnung gleicht einer größeren Studentenbude (45 Quadratmeter) und kostet vermutlich so viel wie ein Haus in der Provinz. In der Küche haben maximal zwei Personen Platz.

Dann stehen Björn und Matthias  in der Tür. Ruhig wirkende Zeitgenossen. Im Lauf des Abends stellt sich heraus, dass Björn samstags aber viel spricht: Er macht Kinderradio. Der Informatiker Matthias entpuppt sich als meinungsfreudig, romantisch und ironisch. Matthias: „Haben wir schon zusammen gekocht, Sandra?“ Sandra mustert ihn. Sie war schon öfter dabei, wie die anderen auch. Matthias: „Da kürzlich in der Schelling­straße, Birnen-Ziegenkäse-Flammkuchen, als wir bis 2 Uhr im Garten saßen.“

Öfter mal neue Leute treffen

Sandra kann jetzt nicht nachdenken, wird bombardiert: „Wo gibt’s ein Brett? Messer, Pfanne, Schüssel?“ Erst als alle versorgt sind und sich schnippelnd, ratschend, Wein trinkend in der Wohnung verteilt haben, erzählt sie: „Ich finde es immer wieder spannend mit anderen Leuten. Und es macht Spaß, weil ich gerne koche und esse.“ Björn ergänzt: „Du triffst auch mal andere Menschen, nicht immer nur Kollegen oder den eingeschworenen Freundeskreis.“

Matthias findet alte Kochbücher interessant – „In den 70ern waren sie voll mit Balkanküche“ –, und Sandra erinnert sich an ihre Mutter, die erst mit 40 Kochen gelernt hat. „Generation Maggi, als Fertigprodukte noch eine Errungenschaft waren. Ananas und Champignons in der Dose hatten wir immer daheim.“

Die Männer schneiden Paprika, Aprikosen, Tomaten und reden, reden, reden. In die Mini-Küche haben sich die Frauen gequetscht, braten Schweinemedaillons und Veggie-Steak, würzen die Sauce und verteilen immer wieder Aufgaben.

Bei Cookasa wird Kochen zelebriert. 2013 hat der Bremer André Wollin die Plattform gegründet, die er in seiner Freizeit betreibt. Die rund 10 000 Teilnehmer haben bisher etwa 15 000 Essen gemeinsam gekocht. Mittlerweile gibt es die Küchenpartys in 27 deutschen Städten, sie haben es sogar darüber hinaus bis nach Wien, Zürich und Amsterdam geschafft.

Auf der Internetseite muss man ein Profil anlegen: Wohnort, verfügbare Küchengeräte und Gewürze, nächster Supermarkt… Nur wer wie ich nicht in der Stadt wohnt, in der er kochen will, darf auch küchenlos mitmachen. Der Gastgeber wird eingeladen und muss lediglich Küche und Essplatz bereitstellen.

Der Tisch ist gedeckt, los geht‘s. Das Nudelnest auf dem Teller – al dente –, dazu Karotten-Paprika-Gemüse; das Veggiesteak kann mit dem Fleisch mithalten. All das badet in einer fruchtig-aromatischen Sauce, die an Nordafrika erinnert. Zwischen den Bissen beraten wir Matthias zu seinem geplanten Roadtrip durch Italien und die Schweiz, unterhalten uns übers ästhetische Bewusstsein von Russen, Italienern und Deutschen, und ich bekomme jede Menge München-Tipps.

Die Rotweinflaschen leeren sich, dann passiert es: Jan holt beim Reden aus, trifft mit der Hand sein Weinglas, ein Rioja-See breitet sich auf der weißen Tischdecke aus. Sandra rennt in die Küche und bringt ein paar Lappen. Alle versuchen das Malheur zu beseitigen. Wir dürfen bleiben – trotz der Sauerei. Dann ist es plötzlich Mitternacht. Fast hätten wir den Abwasch vergessen. Es war zu schön. Am Ende fragen alle, wann es Cookasa bei mir in Ulm gibt? Meine Küche soll gekapert werden. „Aber nur, wenn es Donauwellen gibt.“

Cookasa Gemeinsam kochen verbindet die Menschen. Nach diesem Prinzip funktioniert die Online-Plattform. Interessenten melden sich online an und bekommen 24 Stunden vor dem Termin mitgeteilt, wo und mit wem der Kochtreff stattfindet und wer welche Aufgabe hat (Einkäufer, Küchenhelfer, Gastgeber). Jeder bringt ein Getränk mit, die Einkaufskosten werden geteilt, der Gastgeber bezahlt nichts.
www.cookasa.com isa

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