Sein Alter definiert man selbst

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Sind Trendsportarten wie Surfen nur etwas für junge Menschen? Heutzutage sind in vielen Bereichen die Grenzen fließend.  Foto: 

Alte imitieren die Jungen – anstatt umgekehrt. So wie es seit Menschengedenken war: Das Alter wurde verehrt, und junge Leute wollten so schnell wie möglich erwachsen werden, da Macht, Würde und Prestige erst mit dem Alter kamen. Die dramatische Wende trat für Robert Pogue Harrison, Autor und Literaturdozent an der Universität Stanford, bereits Mitte der 60er Jahre ein. Damals hätten seine Mutter und ihre Freundinnen begonnen, sich wie ihre Kinder zu kleiden, erinnert er sich. „Alle richteten ihren Stil an der neuen Jugendlichkeit der Beat-Generation aus“, sagt der 63-Jährige, der in seinem Buch „Ewige Jugend“ die Kulturgeschichte des Alterns aufarbeitet.

Laut Harrison ist Jugend zum Standardmodell der heutigen Gesellschaft geworden, das Älterwerden dagegen unpopulär. Was sich zunächst nur negativ anhört, hat jedoch durchaus positive Effekte. Zum Beispiel in Sachen Toleranz: Gerade in modischer Hinsicht geht viel. Jeder kann anziehen, wozu er Lust hat zum Beispiel. Oder 65-Jährige können problemlos Rock- und Punkkonzerte besuchen. Eltern gefällt die gleiche Musik wie ihren Kindern, niemand schert sich, wenn 60-Jährige surfen gehen oder auf Inlineskates vorbeifahren. Es ist kein Thema mehr, wenn Generationen in angesagten Bars aufeinander treffen und wenn man in der gleichen Gruppe Zumba tanzt und Yoga übt.  Es scheint, als seien die Grenzen zwischen den Generationen fließend.

„Im Grunde stimmt das“, bestätigt die 37-jährige Mutter eines 14-Jährigen den Eindruck. Aber eben nicht ganz. „Natürlich gibt es trotzdem einen Stil, für den ich mich zu alt fühle.“ Bauchfreie T-Shirts etwa. Haarspängchen, Zöpfe und geringelte Strumpfhosen, Miniröcke, die eine Handbreit unter dem Hinterteil enden, grüne Haare und Rucksäcke. „Das wirkt ab einem bestimmten Alter lächerlich, finde ich.“ Gleiches gelte selbstverständlich für Männer. Schrecklich, wenn sie grauhaarig und mit Schmerbauch auf der Straße in Baseballkäppis, Baggyjeans und zeltartigen T-Shirts umherliefen. Ausschlaggebend für die IT-Spezialistin ist jedoch: „Wenn die Eltern all das machen und tragen, was Söhne und Töchter – gerade in der Zeit der Pubertät – lieben, bleibt nichts mehr für die Kinder übrig.“ Man nehme ihnen die Möglichkeit, sich von den Erwachsenen abzugrenzen, zu rebellieren. „Das ist nicht nur unfair, es ist sicher auch nicht gut für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit.“

Harrison spricht in dem Zusammenhang von der Infantilisierung der Gesellschaft: „Wenn man Studenten nach ihren besten Freunden fragt, antworten viele: meine Eltern.“ Es sei auch die Unreife der Eltern, die diese antreibt, die besten Freunde ihrer Kinder sein zu wollen – der Wunsch, um jeden Preis geliebt zu werden.

Bislang wissen die meisten spätestens Ende 30 ziemlich genau, was für sie noch interessant ist und was nicht. Die Entscheidung, ob jemand noch in einen Club geht, hängt also nicht davon ab, ob es der Norm entspricht oder ob sie zu alt dafür wären: „Ich habe einfach keine Lust, tanzen zu gehen oder einen Drink zu nehmen, wenn meine Gesellschaft 20 Jahre jünger ist“, sagt ein 50-jähriger Rechtsanwalt.

Ähnlich argumentiert eine 56-jährige Physiotherapeutin: „Ich entscheide danach, wie ich mich fühle. Zum Beispiel in einem bestimmten Kleidungsstück, oder bei einer Veranstaltung.“ Und die 37-Jährige meint dazu: „Wenn jemand authentisch bleibt, wird heute das meiste akzeptiert. Ich finde, man merkt ganz schnell, ob jemand gewollt jugendlich wirken will oder einfach so ist.“

Interessant ist, dass die meisten jedoch keinen Druck mehr spüren „mitzumischen“. „Das Schöne am Alter ist ja, dass einem so viele Dinge ganz wunderbar egal werden“, schreibt die allerdings noch relativ junge Ilona Hartmann auf der Internetseite „Mit Vergnügen Berlin“. Ab einem bestimmten Alter – bei zahlreichen Umfragen wird übrigens 37 genannt – genieße man nur noch das, was man wirklich möge. Die Angst, etwas zu verpassen, sei weg.

Das eine sind Freiheiten, die Ältere früher wohl nicht genießen konnten. Das andere: Geht es etwa um einen Job, um Leasing, um Kredite, zählt gnadenlos bis heute oft nur der Geburtstag. Ältere Menschen werden noch immer diskriminiert. Auch wenn sich die Einstellung der Gesellschaft aufgrund der guten wirtschaftlichen Lage und dem Mangel an Arbeitskräften verändert haben soll, wie es auf der Seite der Antidiskriminierungsstelle des Bundes heißt.

Es gibt aber auch Leute wie den Autor Max Scharnigg, der über diesen zumindest laut Umfragen verflixten 37. Geburtstag sinniert und nach vielem Bedauern schließlich zu der Erkenntnis kommt: „Jung war erst gestern.“ Vieles davon trage man jedoch sein Leben lang mit sich.

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