Peinliche Plaudertasche

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Otto Lapp geht Beziehungsfragen auf den Grund  Foto: 

Manchen Leuten ist die Bedeutung des Begriffes Privatsphäre fremder als altirakische Inschriften. Sie plaudern und plaudern, als ob es kein danach gäbe. Nach dem Motto „alles muss raus“ wird jeder zum Opfer, der nicht schnell genug einen Termin erfinden kann, den er gerade jetzt unbedingt einhalten muss. Zugegeben, manches von dem, was Plaudertaschen so von sich geben, ist uninteressant. Aber das meiste, da sind wir uns einig, könnten sie ruhig bei sich behalten.

Eine dieser gut Informierten ist Sophie (46). Sie weiß alles und was sie nicht weiß, ergänzt sie sinngemäß. Und so erzählt sie ihrem Physiotherapeuten und ihrer Friseurin und ihrer Freundin und allen möglichen Leuten alles Mögliche: Was die Kinder machen (natürlich nicht ihre), welche Kollegen sie nerven, wie das Hotel im Urlaub war, was Gabis Mann macht, was er nicht macht, was Lore treibt, und warum es ihr gerade nicht so gut geht. Ihre Freundin Hannah schüttelt nur den Kopf: Sie fragt sich, ob es Tabu-Themen gibt, die außerhalb des Familien- und Freundeskreises nicht ausgebreitet werden sollten.

Was jetzt nicht ganz hierher gehört, aber vielleicht hilft: Auch presserechtlich ist nicht alles erlaubt. Stellen Sie sich vor, Sie würden alles in der Zeitung lesen, was der Reporter über jemanden herausgefunden hat. Jedes Detail, jede noch so kleine Wendung im Leben der beschriebenen Person. Über vieles wird der Mantel des Schweigens gelegt. Aus Anstand und aus guten Gründen. Es gilt, die Person und ihre Angehörigen zu schützen, über die man schreibt. Selbst wenn sie vor Gericht steht und etwas Schlimmes getan hat.

Von Persönlichkeitsrecht haben manche Personen nicht viel gehört – und falls doch, nicht verstanden. Schließlich geht es ihnen nicht um die andere Person, sondern nur um ihren eigenen Vorteil. Sie wollen sich mit Informationen in ein gutes Licht rücken. Peinlich gibt’s nicht. Hört, ich weiß was.

Aber halt, das wäre eine böse Absicht unterstellt. Manche Leute sind einfach so. Sie müssen reden – man nennt das gerne euphemistisch „kommunikativ“. Leider verstehen diese Leute nicht immer, dass auch Schweigen eine Form der Verständigung sein kann, oft nicht die schlechteste. Sie deuten allerdings das Schweigen anderer Leute als Einladung, ihre angeblich kommunikative Berufung hemmungslos auszuleben.

Wenn also Sophie mal schweigt – oder wenigstens Luft holt, hat ihre Freundin eine kleine Chance. Denn wer nicht sagt, was ihn stört, der darf sich nicht beschweren, dass es nicht aufhört. Das wird Hannah jetzt nachholen. Nicht als Vorwurf, sondern als „Bewusstmachung formulieren“, sagt Beziehungs-Expertin Nora Nägele aus Stuttgart. Also sanft auf das Thema „Persönlichkeit anderer Leute“ aufmerksam machen. Findest du wirklich, dass du das erzählen solltest? Das will die Person bestimmt nicht.

Ach ja, ob es Tabu-Themen gibt? Ja und Nein. Man darf über alles reden, nur nicht mit den falschen Leuten.

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