Der Körper erzählt mehr als Worte

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Katrin Streich weiß, wie die Menschen ticken.  Foto: 

Das Leben scheint immer gefährlicher zu werden: terroristische Anschläge, Brand im Hochhaus, Menschen, die durchdrehen und andere bedrohen. Wie soll man damit umgehen?

Katrin Streich: Allgemeine Verhaltensregeln gibt es nicht, weil Angst ein sehr individuelles Phänomen ist. Jeder erlebt diese Beunruhigung anders, deshalb sollte sich auch jeder individuell damit auseinandersetzen. Das heißt nicht, einfach abtun und sagen, so schlimm ist das nicht, passieren kann überall etwas. Auseinandersetzung bedeutet vielmehr, mir die Situation, die ich fürchte, so konkret wie möglich vorzustellen und mich zu fragen: Habe ich Angst, dass sich jemand in meiner Nähe in die Luft sprengt oder dass eine Panik ausbricht? Dagegen kann ich dann konkret etwas tun: Wenn ich in ein Café gehe oder auf ein Konzert, wo viele Menschen sind, mir zum Beispiel genau anschauen, wie ich schnell wieder wegkomme.

Also sich nicht verkriechen, sondern sich der potenziell gefährlichen Situation stellen?

Ja, Ängste ernst nehmen heißt nicht, Vermeidungsverhalten zu zeigen. Natürlich gibt es Menschen, die auf einem Konzert oder in einem Fußballstadion so eine Panik bekämen, dass sie nichts davon hätten. Das wäre natürlich kontraproduktiv. Trotzdem wäre es fatal, dieser Angst immer und immer wieder nachzugeben, weil das letztendlich zu sozialem Rückzug führen würde. Man muss einen Weg für sich ganz persönlich finden, Möglichkeiten zur Stressverarbeitung in Betracht ziehen, etwa über die Atmung oder andere Verfahren. Mit anderen darüber reden ist auch eine gute Strategie. Erfahren, wie Freunde und Bekannte mit so einer Situation umgehen. Beim Austausch merkt man, dass man mit solchen Gedanken nicht alleine ist – das hilft sehr.

Zu Ihren Aufgaben als Psychologin gehört auch das so genannte Bedrohungsmanagement. Was ist das?

Dabei liegt der Fokus auf der Seite der möglichen Täter. Durch den Aufbau geeigneter Strukturen versucht man, frühzeitig Menschen zu erkennen, die im Begriff sind, eine schwere Gewalttat zu begehen. Sie haben in aller Regel eine Entwicklung durchlaufen, um an diesen Punkt zu kommen. Und während dieser Entwicklungsphase zeigen diese Personen bestimmte Verhaltensweisen, die wissenschaftlich nachgewiesen sind. Wenn man das erkennt, kann man sie durch geeignete Interventionen hindern, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Wie kommen Sie an diese Personen ran?

Durch Hinweise etwa von einem Unternehmen oder einer Behörde, beispielsweise der Justiz, dass eine Person eine Drohung ausgesprochen oder geschrieben hat oder einer anderen Person nachstellt, sie stalkt oder anonym im Internet verunglimpft. Mit entsprechenden Analysen lässt sich herausfinden, was für eine Motivation diese Person hat.

Sie haben ein Buch geschrieben, in dem Sie auf der Grundlage Ihrer Erfahrungen als Polizeipsychologin Tipps geben, wie man sein Gegenüber durchschauen kann. Worauf kommt es ganz besonders an?

Vor allem muss man sich bewusst machen, dass man bei jeder sozialen Interaktion oder Begegnung unglaublich viel Einfluss auf diese Situation hat. Dass es nicht nur von meinem Gegenüber abhängt, was er oder sie mir erzählt und wie die Begegnung verläuft, sondern dass ich selbst sehr viel dazu beitragen, das Ganze bis zu einem gewissen Grad sogar steuern kann.

Wie zum Beispiel?

Wenn ich mein Gegenüber nicht angucke, nicht nicke und kaum reagiere, kann ich nicht erwarten, dass sich der oder die andere öffnet. In einer Vernehmungssituation passiert nichts anderes. Wer viel aus einem anderen herausholen will, muss präsent sein, Offenheit zeigen, aber trotzdem stringent in der Sache bleiben.

Welche Bedeutung hat die non-verbale Kommunikation?

Sie ist extrem wichtig, auf alle Fälle wichtiger als das gesprochene Wort. Wir machen uns oft Gedanken über die Dinge, die wir sagen – was ja nicht verkehrt ist. Aber im Austausch mit anderen spielt die Art, wie wir es sagen und welche Körpersprache wir dabei haben, eine viel größere Rolle. Wenn jemand sagt „Mir geht es gut“, guckt dabei aber traurig und hat keine Körperspannung, dann passt das nicht zusammen. Wer das sieht, glaubt nicht den Worten, sondern der nicht-verbalen Botschaft. Maximal überzeugend sind wir, wenn alle drei Kanäle im Einklang sind: der Inhalt des Gesagten, die Körpersprache und die Stimme.

Wenn es nicht so ist, heißt das, dass einem das Gegenüber etwas vormacht, im schlimmsten Fall lügt. Was steckt dahinter?

In einer normalen sozialen Interaktion geht es häufig darum, sich selbst in einem guten Licht darzustellen. Diese Art des Verstellens nennen wir „impression management“, also den anderen möglichst beeindrucken. Denkbar sind aber auch Situationen, in denen es ungünstig wäre zuzugeben, dass es einem nicht gut geht – im Berufsleben etwa. Und schließlich lügen manche Leute ganz bewusst, weil vielleicht der Partner oder ein Familienmitglied etwas nicht wissen soll. Die Motivation fürs Verstellen ist sehr vielfältig.

Jemand, der seinen Vorgesetzten um eine Gehaltserhöhung bittet, versucht natürlich, sich besser darzustellen als er oder sie vielleicht ist. Das ist verständlich, oder nicht?

Natürlich. Es ist immer legitim zu versuchen, einen positiven Eindruck zu hinterlassen. Kritisch wird es dann, wenn man versucht, ein ganz anderer zu sein. Denn dieses Kartenhaus bricht irgendwann zusammen. Angenommen, jemand bewirbt sich um einen Job, für den emotionale Stabilität vorausgesetzt wird, weil die Arbeit – etwa in einem Krankenhaus – anstrengend und stressig ist. Wenn sich dieser Kandidat als stresserprobt und belastbar darstellt, weil er den Job unbedingt haben will, in Wahrheit aber bei Belastung sofort Magenschmerzen bekommt und nicht mehr schlafen kann, dann geht das nicht lange gut. Entweder läuft es auf eine baldige Kündigung hinaus oder er wird krank.

In Ihrer Arbeit haben Sie häufig mit Konflikten zu tun. Wie kann man eine Auseinandersetzung zu einem guten Ende bringen?

Grundsätzlich muss ein Konflikt nichts Negatives sein. Gut ist es immer, wenn am Ende etwas Konstruktives herauskommt. Wenn sich ein Streit immer wieder am gleichen Punkt entzündet (angenommen, sie lässt immer Klamotten rumliegen, was ihn total nervt), sollten die Parteien versuchen, aufeinander zuzugehen. Sie vielleicht mehr wegräumen, er nicht bei jeder Gelegenheit meckern, also einen Kompromiss finden. Gemeinsam Regeln oder Wege überlegen, um die Sache beizulegen. Das hört sich einfacher an, als es ist. Oft reihen sich Argument und Gegenargument in Endlosschleife aneinander. Während der eine seine Position darlegt, überlegt der andere schon, was er entgegnen könnte. Besser ist es, auch mal zuzuhören, dem anderen zu zeigen, dass man ihn wertschätzt – auch wenn man seine Meinung nicht teilt.

Durchschauen Sie mit all Ihrem Wissen Ihr Gegenüber immer sehr schnell?

Nein. Ich habe zwar durch viele Jahre Berufserfahrung bestimmte Techniken automatisiert, schätze andere eher unbewusst ein, aber auch bei mir gibt es Situationen, in denen ich das nicht mache, nicht möchte und nicht kann.

Wie beurteilen Sie als langjährige Kriminalpsychologin Ihre „Kollegen“ in Fernsehkrimis? Realistisch oder völlig überzogen?

Realistisch sind sie eher nicht. Aber Krimis gucke ich auch nicht, um mir die Realität ins Wohnzimmer zu holen, sondern um mich zu unterhalten.

Katrin Streich (45) war elf Jahre lang Polizei­psychologin im Landeskriminalamt Sachsen. Inzwischen ist sie die stellvertretende Leiterin am Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt. Sie ist verheiratet und lebt im Rhein-Main-Gebiet. Ihre Techniken zum Entschlüsseln anderer Menschen beschreibt sie in dem Buch „Hinter der Fassade“ (mvg-Verlag, 16,99 Euro).

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