Das Opasein genießen

|
Buchcover.  Foto: 

Ist Großvatersein ein Jungbrunnen?

Eckart Hammer: Mit der richtigen Einstellung durchaus. Sofern die Großväter körperlich noch fit sind, kriechen sie wieder auf dem Boden herum, bauen mit Legosteinen, erforschen mit ihren Enkeln die Natur und machen sich deren Neugier selbst zu eigen. Neugier, das hat die Gerontologie nachgewiesen, hält jung.

Das können Väter doch auch. Was ist am Opasein besser oder anders?

Eine gewisse Leichtigkeit – die Großväter müssen nicht, sie dürfen. Außerdem können sie viele Dinge nachholen, die sie als Vater vielleicht versäumt haben oder für die sie keine Zeit hatten. Die Pflichtaufgaben bleiben den Eltern überlassen, die Großeltern können genießen.

Hat sich denn im Vergleich zu früheren Generationen viel verändert?

Durchaus. Wir werden ja heute deutlich älter und sind früher im Ruhestand als die Menschen vor einigen Generationen. Heutige Großeltern haben im Durchschnitt 15 bis 25 gemeinsame Jahre mit ihren Enkeln. Das ist ein Phänomen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vorher gab es das nicht.

Bedeutet das, dass es heute deutlich mehr Großväter und überhaupt Großeltern gibt als früher?

Ja, ganz klar. Von den Kindern zum Beispiel, die um 1890 geboren wurden, erlebte nur ein Drittel seine Großeltern. Heute dagegen erleben drei Viertel aller Großväter sogar die Volljährigkeit ihres ersten Enkels.

Wie unterscheiden sich die heutigen Großväter von denen vor zwei, drei Generationen?

Mit der veränderten Vaterrolle hat sich auch die Großvaterrolle gewandelt. Früher waren es noch die distanzierten, strengen Männer, die nie auf die Idee gekommen wären, mit ihren Enkeln zu spielen. Heute ist das in den meisten Fällen eine ganz andere Beziehung.

Fällt Kindern der Kontakt zu den Großmüttern leichter als zu den Großvätern?

Das kann man so pauschal nicht sagen. Der Kontakt ist oft enger, weil die Großmütter mehr Betreuungsaufgaben übernehmen. Und die Tatsache, dass die Großmütter länger leben, hat natürlich zur Folge, dass die Beziehung zu ihr länger andauert. Aber für die Qualität der Beziehung spielt das keine Rolle.

In Büchern und Filmen wie „Der kleine Lord“ oder „Heidi“ sind die Opas anfangs auch sehr mürrische, unnahbare Kauze, die sich durch die Enkelkinder aber zu sehr liebevollen und zugänglichen Menschen entwickeln. Ist so etwas realistisch oder reine Fiktion?

Ich denke, dass diese Darstellung eher eine Wunschvorstellung als Realität war. Schon möglich, dass es so etwas in seltenen Fällen gibt, aber damals dürfte der märchenhafte Aspekt die Hauptrolle gespielt haben. Heute sind Großväter von vornherein viel umgänglicher.

Alle?

Natürlich nicht alle. Es gibt auch die, die ihre späte Freiheit genießen wollen, statt ständig als Baby- und Kindersitter eingespannt zu werden.

Ist es ein Nachteil, wenn Großeltern und Enkel weit weg voneinander wohnen?

Räumliche Nähe erlaubt natürlich mehr Kontakte und gemeinsame Unternehmungen. Doch heutzutage kann man mit den neuen Medien – E-Mail, Skypen, Whatsapp etc. – auch über größere Entfernungen gut Kontakt halten. In meinen Vorträgen bestärke ich die älteren Teilnehmer auch regelmäßig, sich diese Dinge anzueignen und auf dem Laufenden zu bleiben. Wer darauf hofft, von seinen weiter weg wohnenden Enkeln noch Briefe zu bekommen, wird eine Enttäuschung erleben. Die Teilhabe an deren Welt ist ohne Kompetenz auf diesem Sektor kaum möglich.

Was bringt es den Kindern, wenn sie Geschichten und Erlebnisse von früher erzählt bekommen?

Großeltern sind lebendige Geschichte. Sie vermitteln ihren Enkeln das Bewusstsein, dass das Leben über ihr eigenes hinausreicht. Und sie erzählen ihnen von den Eltern, als Mama und Papa noch klein waren. Unter Umständen erfahren sie auf diese Art, dass auch die früher in der Schule nicht die Klassenbesten und Fleißigsten waren.

Müssen Großeltern mit ihren Kindern absprechen, was sie den Enkeln erlauben dürfen und was nicht?

Es ist nicht schlecht, wenn Großeltern und Eltern eine einigermaßen gleiche Linie fahren. Bei zu großen Abweichungen kann es zu Konflikten kommen, die schlimmstenfalls sogar dazu führen, dass die Enkel nicht mehr kommen dürfen. Trotzdem bin ich der Ansicht, dass es zwischen der elterlichen und der großelterlichen Erziehung einen Unterschied geben muss. Großeltern sollten ihre Enkel schon gelegentlich verwöhnen dürfen und ihnen Dinge erlauben, die die Eltern vielleicht nicht so gut finden. Das wissen die Kinder aber auch sehr gut zu trennen.

Was richtet eine Scheidung der Eltern in der Beziehung Großeltern-Enkel an?

Das bedeutet eine gewaltige Verstörung des Systems, die dazu führen kann, dass der Großvater zu einer Art Fels in der Brandung wird. Die Eltern sind dann oft so sehr mit sich und ihrer Trennung beschäftigt, dass das Kind bei seinem Opa den nötigen Halt sucht. Es gibt aber auch Beispiele, wo die Großeltern verwaisen, wenn etwa ein Elternteil mit den Kindern wegzieht oder den Kontakt aus anderen Gründen abbricht. Großeltern sind in jedem Fall gut beraten, sich aus dem Streit der Eltern rauszuhalten. Das fällt den Opas meist leichter als den Omas, die ja nach wie vor häufiger Betreuungsaufgaben übernehmen und sich mit der Distanz oft schwerer tun.

Was tun, wenn keine Enkel da sind?

Am einfachsten ist es, ein paar Häuser weiter bei der alleinerziehenden Mutter zu klingeln und ihr vorzuschlagen, jetzt der Wahl-Opa ihres Kindes zu sein. Dann kann sie einmal in der Woche ins Kino gehen oder sonst etwas unternehmen, während das Kind gut betreut wird. Eine andere Möglichkeit sind Vermittlungsstellen für Leih-Großeltern.

Das kennt man vor allem für Leih-Omas, aber weniger für Opas.

Ja, leider. Da spielt immer noch das Vorurteil eine Rolle, dass Männer, die mit Kindern etwas am Hut haben, schlechte Absichten hegen. Ganz ähnlich geht es den männlichen Erziehern im Hort. Das ist meistens völlig unbegründet, hält sich aber hartnäckig in vielen Köpfen.

Welchen Rat würden Sie Opa-Neulingen geben, um ein gutes Verhältnis zu ihren Enkeln aufzubauen?

Für ganz unsichere Kandidaten gibt es Kurse, beispielsweise vom Kinderschutzbund. Ansonsten lautet meine Empfehlung: Sich einfach darauf freuen, am besten schon vor der Geburt des Enkels. Die Großvaterschaft gleich von Anfang an zu leben, halte ich für extrem wichtig. Nicht warten, bis das Kind Fußball spielen kann, sondern gleich einsteigen, auch Windeln wechseln, rumtragen, vorsingen. Meiner Ansicht nach sind auch separate Opa- und Oma-Tage nicht schlecht, weil man sonst in die üblichen Rollenmuster zurückfällt.

Sind Sie selbst schon Opa?

Noch nicht. Aber ich habe drei mittlerweile erwachsene Kinder, so dass ich mir noch Chancen ausrechne.

Eckart Hammer (63) hat an der Evangelischen Fachhochschule in Freiburg Sozialpädagogik
studiert und lehrt seit 18 Jahren an der Evangelischen Hochschule Lud­wigsburg Gerontologie.
Er ist verheiratet, hat drei
Kinder (26, 31 und 35) und wohnt in Reutlingen. Die Herausforderungen und
erfüllenden Momente, die ältere Männer mit ihren
Enkeln erleben können,
beschreibt er in dem Buch „Großvater sein“ (Verlag Klett-Cotta, 175 Seiten, 14,95 Euro).

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Laster reißt Ampeln am Bahnhof um - Straßenbahn steht still

Ein Lkw hat in der Friedrich-Ebert-Straße eine Ampel umgerissen. Die Straße ist auf Höhe des Bahnhofs gesperrt. Straßenbahn und Busse haben massive Verspätung. weiter lesen