Das arme Kind heißt „Rosa Schlüpfer“

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Gabriele Rodriguez hatte als Kind ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrem Vornamen.  Foto: 

Prominente geben ihrem Nachwuchs mitunter ausgefallene Vornamen. Die Söhne von Uwe Ochsenknecht heißen Wilson Gonzales und Jimmy Blue. Was halten Sie davon?

Bis zu einem gewissen Grad kann ich es nachvollziehen. Diese Leute stehen in der Öffentlichkeit, sind etwas Besonderes und fallen auf. Das geben sie an ihre Kinder weiter, die dann eben besondere Namen bekommen. Soweit ich weiß, fiel die Wahl auf Gonzales in Anlehnung an die rasende Trickfilmfigur Speedy Gonzales, weil der Junge es sehr eilig hatte, auf die Welt zu kommen. Und Jimmy sah wohl ziemlich blau aus, als er geboren wurde. Interessant ist, dass so etwas dann auch in den bildungsfernen Schichten schnell übernommen wird.

Wie kommt das?

Ich denke, dass da nicht groß nachgedacht wird. Die jungen Eltern finden das toll und cool und wollen auch auffallen. Mal angenommen, sie heißen mit Nachnamen Schlüpfer, dann finden sie es lustig, ihre Tochter Rosa zu nennen. Ich weiß auch von einem Beatles-Fan, der seinem Sohn gleich alle vier Vornamen der Fab Four gab. Da wollen sich die Eltern über die Kinder profilieren.

Hätte denn jemand mit einem verrückten Namen wie Pumuckl oder Pepsi-Carola auf einem Dating-Portal überhaupt eine Chance?

Warum nicht? Wahrscheinlich vermutet man dahinter eher den Spitznamen einer Person als den eingetragenen Vornamen. Obwohl der Pumuckl als solcher tatsächlich vor Gericht durchgesetzt wurde. Anfang der 1980er Jahre war das.

Ist Mercedes heute eher ein Name oder eine Automarke?

Beides. Mercedes ist ein weiblicher Vorname aus dem Spanischen. Viele wissen das nicht und reagieren überrascht: Wie kann man sein Kind nur nach einer Automarke nennen? Entstanden ist das ja umgekehrt: Ein Autohändler vermarktete seine Fahrzeuge unter dem Namen seiner Tochter Mercedes derart erfolgreich, dass er 1902 als Markenname eingetragen wurde.

Fragen Eltern bei Ihnen an, ob sie ihrem Kind einen bestimmten Namen geben können?

Ja, meistens geht es dabei um Namen, die das Standesamt nicht zulässt. Ich habe gerade eine Anfrage, da wollen die Eltern (sie Deutsche, er Spanier) ihre Tochter Jasari nennen. Diesen Namen gibt es noch nicht in Deutschland, gefunden habe ich ihn im arabisch-türkisch-indischen Raum. Wenn ich so etwas nachweisen und erklären kann, bestehen von meiner Seite auch keine Einwände – zumal das Mädchen mit zweitem Namen Emily heißen soll.

Wer bekommt dann diese Information?

Zunächst die Eltern. Gegen Gebühr stelle ich auch ein Gutachten aus, weil die Standesämter das in der Regel verlangen. Daraus geht hervor, dass der Name eintragungsfähig ist.

Kommt das häufig vor?

Ja. In Deutschland werden jedes Jahr mehr als tausend neue Namen eingetragen. Der Vornamenbestand wächst stetig. Und die Anfragen sind komplizierter geworden. So geht es immer mehr um ausländische Namen (jedes vierte Kind hat Migrationshintergrund), in denen all die beteiligten Kulturen vertreten sein sollen. Da fällt mir der Junge ein, der zu seinem normalen Namen noch den Namen Afrope bekommen sollte, um die Verbindung zwischen Europa und Afrika zu dokumentieren.

Nach welchen Kriterien wird denn ein Name abgelehnt oder zugelassen?

In Deutschland besteht eine freie Vornamenwahl, allerdings mit ein paar Einschränkungen: Der Name sollte als Vorname nachweisbar sein, das Geschlecht erkennen lassen und das Wohl des Kindes nicht beeinträchtigen.

Wird Letzteres nicht oft übersehen?

Es kommt sehr auf den Einzelfall an. Besondere, auf den ersten Blick vielleicht unmögliche Namen, die durch die Presse gehen, sind häufig Zweit- oder Drittnamen und treten als Rufnamen gar nicht in Erscheinung.

Muss man den Rufnamen nicht als solchen kennzeichnen?

Nein, das ist seit Mitte der 90er Jahre aufgehoben. Und vom kommenden Jahr an gibt es eine weitere Neuerung: Wer mehrere Namen hat, darf die Reihenfolge tauschen. Man geht ja üblicherweise davon aus, dass der erste Name der Rufname ist, aber das muss nicht so sein. Auch andere Kriterien wie Vornamencharakter und Geschlechtseindeutigkeit weichen mehr und mehr auf. Ich weiß von Eltern, die ihre Tochter Noah nennen durften, obwohl meist männlich gebraucht. In dem Fall würde es mich nicht wundern, wenn dieses Mädchen eines Tages Probleme bekommt.

Wäre dann eine Namensänderung möglich?

Grundsätzlich ja, allerdings braucht es dafür gewichtige Gründe. Problemlos klappt das normalerweise bei einer Geschlechtsumwandlung oder einem Konfessionswechsel. Wer dem Islam beitritt, kann auch einen arabischen Namen annehmen.

Kann ich meinen Namen auch ändern lassen, einfach weil er mir nicht gefällt?

Einen Antrag auf Änderung stellen kann man immer. Aber bewilligt werden nur zwanzig Prozent davon. Bei den anderen reicht meist die Begründung nicht aus. Man muss aus irgendwelchen Gründen darunter leiden, was fast immer ein entsprechendes psychologisches Gutachten erfordert. Die Chancen stehen – auch bei Familiennamen – nicht schlecht, wenn jemand, der genauso heißt, im näheren Umfeld kriminell aufgefallen ist. Oder bei Verwechslungsgefahr mit anstößigen Namen, etwa Frau Bimmel (Pimmel) oder Herr Hitzler (Hitler).

Dürfen Standesbeamte nach eigenem Gutdünken entscheiden, ob sie einen Namen zulassen oder ablehnen?

Ja. Die Gutachten, die wir schreiben, sind lediglich Empfehlungen oder Entscheidungshilfen für die Standesbeamten.

Müssen Sie die Eltern manchmal auch vor den eigenen Einfällen warnen?

Durchaus. Kürzlich hatte ich den Fall einer Deutschen, die ihren Sohn Mono nennen wollte. Den Namen hatte sie gefunden als Bezeichnung für einen irischen Heiligen. Da war es mir ein Bedürfnis, sie darauf hinzuweisen, dass Mono in Spanien Affe bedeutet.

Worauf sollte man grundsätzlich bei der Namenswahl achten?

Ich sage immer: Stellen Sie sich vor, Sie würden selbst so heißen. Dann ist es ratsam, bei einem eher ausgefallenen Namen einen zweiten, eher normalen dazu zu nehmen, damit der Träger eines Tages wählen kann. Mit einem zeitlosen Namen macht man gar nichts falsch.

Was heißt zeitlos?

Namen, die wir schon seit Jahrhunderten im deutschen Sprachraum haben. Sie haben eine gewisse Tradition und werden allgemein als schön empfunden. Ungefähr alle hundert Jahre kommen Namen wieder. Heute heißen Kinder wieder häufig Frieda, Emma, Paul, Heinrich, Friedrich, Karl. Auch kurze Namen haben Konjunktur: Fritz, Heinz, Tim, Tom, Finn, Ben. Die empfindet man offenbar als sehr dynamisch, jung und sportlich.

Sind Sie  mit Ihrem Namen zufrieden?

Inzwischen ja. Ich bin natürlich mein Leben lang nur Gabi gerufen worden, Gabriele meist nur dann, wenn ich etwas ausgefressen hatte. Deshalb habe ich den vollen Namen lange nicht gemocht. Heute habe ich ein entspanntes Verhältnis dazu und finde den Namen normal.

Gabriele Rodriguez (56) ist Sprachwissenschaftlerin und arbeitet an der Universität Leipzig, wo sie unter anderem als Fachberaterin für Namensfragen zuständig ist. Ihre Erkenntnisse auf diesem Gebiet hat sie in dem Buch „Namen machen Leute. Wie Vornamen unser Leben beeinflussen“ (Verlag Komplett-Media, München, 19,99 Euro) zusammengefasst. Rodriguez hat zwei erwachsene Kinder und lebt mit ihrem Partner in Leipzig.

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