Beziehung oder Beruf

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Otto Lapp geht Beziehungsfragen auf den Grund  Foto: 

In gewissen Dingen sollten wir uns der viel gepriesenen Digitalisierung entziehen. Das klingt fast revolutionär, aber mit Chats oder sonstigen Online-Angeboten geht nicht alles – und schon gar nicht alles gut. Dazu zählen Gespräche. Mag sein, dass man online etwas teilt. In einem Gespräch teilt man sich mit. Das ist ein wesentlicher Unterschied, den Tobias (34) sich merken sollte.

Er will beruflich vorankommen und bewirbt sich auf „interessante Stellenangebote“ – auch wenn die weit weg sind. Sandra (30), mit der er eine gemeinsame Wohnung hat, irritiert das. Würde er für einen tollen Job tatsächlich wegziehen? Und was wird dann aus ihrer Beziehung?

Am liebsten würde ich Tobias jetzt eine Nachricht schreiben und fragen: Was für eine Beziehung führst du denn? Er redet nicht mit ihr. Und die arme Sandra wirkt wie eine Zuschauerin, die zusieht, was ihr Partner gerade in Angriff nimmt, ohne sich ihr mitzuteilen. Dabei ist das „berufliche Vorankommen“, das Tobias im Auge hat, nicht nur sein Problem, „sondern das gemeinsame Problem der beiden“, sagt Beziehungs-Expertin und Paar-Trainerin Nora Nägele aus Stuttgart. Er bewirbt sich – und hat es nicht offen besprochen. Sie schaut eher zu – und ist irritiert. Sie sind zwar nicht verheiratet, wohnen nur zusammen. Aber das ist trotzdem keine Studenten-WG.

Karrierepläne oder Beziehungspflege, was ist zu tun? „Reden hoch drei. Etwas anderes kann man nicht raten“, sagt Nägele. Für beide geht es um viel, nämlich darum, wie die Zukunft aussehen soll. Mit 30 sind beide in einem Alter, in dem sie sich fragen sollten, was sie von der Zukunft erwarten. Die Digitalisierung gibt keine Antwort darauf. Und höchstwahrscheinlich auch kein noch so flotter Chat-Partner.

Die echten Partner müssen prüfen, ob es eine genügend große Schnittmenge ihrer Wünsche und Ziele gibt. Und ob das reicht für ein „ganzes Leben“ oder ob die gemeinsame Zeit damit vorbei ist. Geld oder Liebe – jeder muss selbst entscheiden, was er von seinem Leben erwartet. Und ob das kompatibel ist mit dem, was der Partner will. Wenn er Karriere, sie aber mehr Zweisamkeit will, ist das nur schwer vereinbar.

Er wünscht sich vielleicht von ihr, dass sie mehr Anteil nimmt. Und sie wünscht sich von ihm, dass er mehr nach ihren Bedürfnissen schaut. Letztlich geht es um etwas ganz Altmodisches: Worauf möchten wir gerne zurückschauen, wenn wir alt sind? Wenn jetzt als Antwort „Familie, glückliche Kinder und eines Tages Enkel“ kommt, dann ist eine Karriere um jeden Preis nicht wirklich ratsam. Bei solchen Gesprächen zeigt sich dann auch, welchen Wert die Beziehung hat. Wir können uns denken: Ideal wäre es, wenn beide in etwa das Gleiche wollen. Aber das lässt sich eben nur in Gesprächen herausfinden. Dazu gehört Mut zur Wahrheit und zur Wahrhaftigkeit. Und der beidseitig gefasste Entschluss, alles gemeinsam zu tragen.

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