Auf Solo-Pfaden

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Wann sind wir endlich da? Solche Fragen bleiben dem Alleinreisenden erspart. Er oder sie schweigt und genießt.  Foto: 

Was?! Du reist da alleine hin? Wie oft hat man als allein reisende Frau (vielleicht auch als Mann) diesen ungläubigen Ausruf nicht schon gehört. Von Freunden, Bekannten, Kollegen, Eltern. Das ist doch viel zu gefährlich – das schwingt immer mit, selbst wenn es nicht ausgesprochen wird. Meist wird es das aber, kombiniert mit diversen Geschichten, die man nie hören wollte. Was diesem und jenem unterwegs schon passiert ist, wie hoch die Kriminalität im auserwählten Urlaubsland ist, und welche Gewalttaten schon an Frauen verübt wurden. Passiert ist unterwegs, trotz mehrfacher Solo-Trips, bislang aber nichts. Ein paar Vorsichtsmaßnahmen – etwa nicht mitten in der Nacht durch abgelegene Stadtviertel laufen, vor allem nicht angetrunken – schaden natürlich nichts.

Alleine zu vereisen ist vielen aber nicht nur wegen der angeblichen Gefahrenlage suspekt. Mit dem Satz „Was soll ich denn alleine?“, wird das allgemeine Unbehagen zusammengefasst. Könnten die anderen nicht denken, man habe nicht genügend Freunde? Oder ernsthafte Beziehungsprobleme? Aber – offenbar schwer vorstellbar – es gibt tatsächlich Menschen, die wirklich auf eigene Faust unterwegs sein wollen. Und ja, darunter sind auch zahlreiche Frauen. „Egal, ob ich in einer Beziehung bin oder nicht – ich verreise trotzdem gern allein“, schreibt beispielsweise Ute Kranz in ihrem Reiseblog „Bravebird“. Auch Carina Herrmann gibt auf ihrem Blog „Pink Compass“ Tipps für allein reisende Frauen, ebenso wie ihre Kollegin Felicia Hargarten auf „Travelicia“.

Offenbar haben sie damit einen Nerv getroffen, denn Kranz befürchtet ihrerseits, dass auf einmal jeder darüber schreibt, wie toll es ist, alleine zu reisen. Glorifizieren möchte sie diese Art des Unterwegsseins allerdings auch nicht. Denn natürlich ist es wunderbar, mit jemandem unterwegs zu sein, den man mag und mit dem man viele Vorlieben gemeinsam hat.  Falls so jemand aber gerade nicht zur Verfügung steht: „Lieber alleine reisen als daheim versauern“, schreibt Kranz. Vielleicht hat gerade keiner Zeit, wenn man selbst verreisen will, oder es findet sich keiner, der das eigene Traumziel ebenfalls toll findet. Oder die Art, wie man es bereisen möchte. Nicht umsonst gilt der gemeinsame Urlaub als Belastungstest für Freundschaften und  Beziehungen.

Mit dem Zelt in die Natur zu ziehen beispielsweise, ist nicht jedermanns Sache. Warum aber sollte man deshalb auf dieses Erlebnis verzichten? Klar, manchmal wäre es nett, wenn der Freund oder die beste Freundin dabei wäre, weil man gerade den schönsten Sonnenaufgang seines Lebens beobachtet oder eine ganz tolle Aussicht von einem Berggipfel genießt. Dafür nimmt man aber allein oft Dinge wahr, die man sonst gar nicht bemerkt hätte. Schon deshalb, weil man durch das dauernde Gequassel – wer schafft es schon, in Gesellschaft länger als fünf Minuten still zu sein? – die gesamte Tierwelt in die Flucht schlägt.

Die Stille die eintritt, wenn man alleine unterwegs ist, kann dagegen sehr erholsam sein. Man muss sie aber auch aushalten können. Genau das kann der Grund sein, eine Reise alleine anzutreten: Einfach um herauszufinden, ob man es kann. Eine längere Zeit nichts zu reden, hat nicht nur den Effekt, dass man unweigerlich über sich und das Leben als solches nachdenkt. Sondern ganz unesoterisch auch über viel Konkretes. Ob die Wolken am Horizont ein Gewitter ankündigen, etwa. Oder ob der rechte oder der linke Pfad zurück zum Zelt führt. Diese Gedanken muss man zwar auch zu zweit anstellen, aber schwarze Wolken oder einsame Landschaften wirken dann nicht ganz so bedrohlich. Sich selbst kann man kaum mit einem Witz beruhigen. Auch volle Campingplätze oder Hostels sind zu zweit mit etwas Humor besser zu ertragen, als wenn man alleine obdachlos weiterziehen muss. Dafür fühlt man sich aber hinterher ziemlich großartig und traut sich auch zurück zuhause fortan viel mehr zu.

Wer nun befürchtet, die Sprachfähigkeit könnte einem im Laufe der Solo-Reise abhanden kommen, sei beruhigt: Praktisch immer trifft man auf andere Reisende. Und interessanterweise kommt man deutlich leichter in Kontakt, wenn man alleine unterwegs ist. Schon deshalb, weil einen die anderen fragen werden, ob man ohne Begleitung unterwegs ist. Oder, falls sie es selbst sind, weil sie glücklich sind, einen Gleichgesinnten getroffen zu haben. Eine super Gelegenheit, die nervigsten Sprüche auszutauschen, die man zuhause bereits zu hören bekommen hat.

Wer noch nie alleine unterwegs war, sollte sich langsam vortasten. Eine gute Idee ist es, ein Land auszusuchen, dessen Sprache man kann, empfiehlt die Reise-Bloggerin Ute Kranz. Auch eine touristische Infrastruktur ist hilfreich – und zwar eine, die auf Backpacker abzielt. Wer sich in Hotelburgen wiederfindet, hat es schwerer, mit Gleichgesinnten in Kontakt zu kommen. Als erstes Solo-Reiseziel ist etwa Irland zu empfehlen: Englisch können die meisten, es sind viele Backpacker unterwegs, das Land gilt als sicher. Auch die USA, Kanada und Australien sind unproblematisch. Kranz empfiehlt außerdem Thailand, Bali, Kuba und Costa Rica. Von einem Land abraten möchte sie nicht. Es sollte sich von selbst verstehen, dass man an manchen Orten den Kleidungsstil  den einheimischen Gepflogenheiten anpassen sollte. Und wer auf männliche Bekanntschaften keinen Wert legt, sollte auf Flirts verzichten oder sie früh abbrechen.

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