Als Leih-Oma ins Ausland

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Elisabeth Simon hat sich mit ihren taiwanesisch-österreichischen „Enkeln auf Zeit“ auf Anhieb gut verstanden.  Foto: 

Elisabeth Simon freut sich schon. Ende November darf sie wieder als Oma in Aktion treten. Sie fliegt für zwei Monate nach Taiwan zu der Familie, die sie vor drei Jahren als Granny Aupair kennengelernt hat.

Von der Möglichkeit, als gestandene Frau zu einer Familie ins Ausland zu gehen, hatte sie damals in einer Illustrierten gelesen und beschlossen: „Das probier’ ich!“ Die heute 64-jährige Ex-Bankerin hatte sich bereits mit 58 in den Ruhestand verabschiedet, um noch etwas zu erleben und von der Welt zu sehen. „Zunächst bin ich ein Jahr lang herumgereist“, erzählt sie, „und habe mich dann bei ,Granny Aupair’ angemeldet.“

Hinter dem Namen steckt eine Hamburger Agentur, die ein Online-Portal zur Vermittlung lebenserfahrener Frauen an Familien in aller Welt eingerichtet hat. „Mein Herzensprojekt“, sagt Michaela Hansen, die mittlerweile mehrere Tausend Kontakte in über 50 Ländern hergestellt hat. „Die Sache funktioniert über eine Mitgliedschaft“, erklärt sie. Interessierte Frauen auf der einen wie Familien auf der anderen Seite melden sich an, beschreiben in einem Überblicksprofil sich selbst und formulieren grob ihre Wünsche an die Zielperson beziehungsweise -familie. Einzelheiten werden dann im direkten Kontakt geklärt.

Als Elisabeth Simon die Anfrage aus Taiwan entdeckt hatte – „Da wollte ich schon lange mal hin“ – und die Wünsche der Familie ihren Vorstellungen entsprachen, bat sie um einen Kontakt. Prompt bekam sie einen Anruf aus dem fernen Asien, wo der österreichische Papa mit seiner taiwanesischen Frau und zwei kleinen Söhnen lebte. „Wir waren uns sofort sympathisch“, erinnert sie sich, so dass zügig alle weiteren Schritte und Reisevorbereitungen in Angriff genommen wurden.

Auf 90 Tage befristet

Im Januar 2014 flog sie los, wurde am Zielflughafen abgeholt und startete fern der Heimat ins Oma-Glück. Dass dieses zunächst nur 90 Tage dauern würde, war von vornherein klar. „Sonst hätte ich ein Arbeitsvisum benötigt“, sagt Simon. In der neuen Familie fühlte sie sich auf Anhieb wohl, wurde vor allem von den Kindern, dem damals eineinhalbjährigen Iwen und dem dreijährigen Lewin schnell als Ersatz-Oma akzeptiert. „Wir haben uns gegenseitig ins Herz geschlossen“, erzählt sie stolz. Für Elisabeth Simon, schon lange verwitwet und kinderlos, eine neue, wunderbare  Erfahrung.

Und für die Familie eine wertvolle Entlastung. Weil die Eltern berufstätig waren, die Mutter zudem an ihrer Promotion arbeitete und beide der Ansicht waren, dass den Kindern eine weitere deutschsprachige Bezugsperson gut täte, kam mit ,Granny Aupair’ die ideale Lösung ins Haus: Eine gestandene, asienbegeisterte Frau, die sich zutraute, in einer Millionen-Metropole Auto zu fahren. „Es ging ja nur darum, die Jungs morgens zum Kindergarten zu bringen und am Nachmittag wieder abzuholen“, sagt Simon. „Nach zwei, drei Probefahrten mit dem Papa war das kein Problem mehr.“

Solange die Kinder aus dem Haus waren, machte sich Simon im Haushalt beim Kochen und Backen nützlich und hatte daneben reichlich Gelegenheit, Land und Leute kennenzulernen – „zumal ich bei den Wochenendausflügen der Familie ganz selbstverständlich dazugehörte und einmal sogar ein paar Tage frei bekam, um die Hauptstadt Taipeh zu besuchen“.

Entsprechend schwer fiel es allen Beteiligten, nach den drei Monaten Abschied zu nehmen. Elisabeth Simon flog im April zurück nach Deutschland, und die Familie in Taiwan suchte bei ,Granny Aupair’ nach geeigneten Nachfolgerinnen. Zwei weitere Frauen übernahmen im Lauf des Jahres, doch mit beiden funktionierte es offenbar nicht so richtig. Weil der Kontakt zu Elisabeth Simon nie ganz abgerissen war, kam man überein, dass sie eine zweite Runde einlegen würde.

Im September stieg sie wieder ins Flugzeug und blieb gleich vier Monate – wegen der 90-Tage-Frist mit einem kurzen Abstecher nach Südkorea. Da der Taiwan-Aufenthalt diesmal in die Advents- und Weihnachtszeit fiel, hatte sie für Iwen und Lewin gleich ein paar nette Überraschungen parat. „Der Nikolaus kommt doch nicht von Deutschland nach Taiwan“, habe Lewin besserwisserisch getönt, als sie davon erzählte – und mit seinem kleinen Bruder Bauklötze gestaunt, als die Schuhe am Morgen gefüllt vor der  Tür standen.

Natürlich seien dem Papa solche Bräuche aus Österreich bekannt, „aber in Taiwan wird das nicht gepflegt“. Umso begeisterter hätten die Jungs auf Adventskalender, Plätzchenbacken und den geschmückten Tannenbaum reagiert. Kein Wunder, dass Iwen (jetzt 5) gejuchzt hat, als er von Elisabeth Simons Rückkehr im November erfahren hat: „Hurra, dann kommt der Nikolaus wieder!“

Idee Lebenserfahrene Frauen jeden Altters ins In- und Ausland zu vermitteln, ist das Ziel von Michaela Hansen, die 2010 das Online-Portal „Granny Aupair“ ins Leben rief. Beide Seiten bekommen über eine Mitgliedschaft (3, 6 oder 12 Monate – je länger, umso günstiger) Zugriff und tragen ihr Profil und ihre Wünsche ein.

Absprachen Ist ein Kontakt hergestellt, verhandeln die Frauen und die Familien alles weitere selbst. Die Gastfamilien bieten den „Grannys“ in der Regel freie Kost und Logis, manche beteiligen sich auch an den Reisekosten.
www.granny-aupair.com

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