Abhängigkeit schadet nur

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Otto Lapp geht Beziehungsfragen auf den Grund  Foto: 

Sitzt ein Mann alleine auf der Parkbank. Das Pärchen, Mann und Frau, das vorbeigeht, beobachtet er ganz genau. Der Mann auf der Bank denkt: Der hat es gut, der hat seine Partnerin dabei. Was er nicht weiß: Der Mann mit der Partnerin denkt: Der auf der Bank hat es gut, der kann alleine sein und machen, was er will. Das ist eine meiner Lieblingsgeschichten, ich schenke sie Bruno (46).

Seine Frau Regine (48) ist genervt von ihm. Sie will etwas für ihre Fitness tun und macht seit einigen Wochen einen Pilates-Kurs. Dort hat sie Laura kennengelernt, die sie auf Anhieb sympathisch fand. Die beiden treffen sich auch außerhalb des Kurses häufig, was Bruno ziemlich nervt. Denn er hat das Gefühl, gar nicht mehr wichtig zu sein.

Wie wär’s mal mit Erwachsenwerden, lieber Bruno? Deine Gemütsverfassung ist vielleicht bei 16-Jährigen süß. Aber selbst in dem Alter nervt es denjenigen, dem der andere das Gefühl gibt, ständig da sein zu müssen und im Grunde genommen kein eigenes Leben führen zu dürfen.

Noch schlimmer hört es sich an, wenn Beziehungs-Expertin und Paar-Therapeutin Nora Nägele aus Stuttgart sich des Falles annimmt. „Das gibt den Frauen das Gefühl, ein Möbelstück zu sein.“ Denn immer, wenn Regine außer Haus ist, fehlt ihm was. Und sie hat ein schlechtes Gewissen.

Dabei gibt es so viele Möglichkeiten, sich etwas Gutes zu tun, wenn man alleine ist. Stundenlang in der Badewanne liegen, oder vorm Fernseher, sich mit seinen Freunden treffen, in die Sauna gehen und ewig so weiter. Genieße die Zeit alleine, möchte man Bruno zurufen. Aber er kann nicht. Er erwartet, dass Regine nach ihrem Kurs gleich heimkommt und sofort wieder für ihn da ist. Es muss doch möglich sein, dass er etwas Eigenes macht.

Was auf den ersten Blick nach einer großen Liebe aussieht, ist auf den zweiten Blick eine Form der Abhängigkeit, für die sich auch bei Bruno Anzeichen finden. Vielleicht hilft es ihm zu wissen, dass es Dinge gibt, die Regine nur für sich, aber nicht gegen ihn macht. Aber das Gefühl, nicht wichtig zu sein, ist stark.

Dem kann Bruno nur mit viel Übung entgegenwirken. Er sollte sich anschauen, was ihm das Leben zu bieten hat. Er sollte sich fragen, was ihn in seinem Leben unabhängig von Regine erfüllen könnte. Wenn ihm „erfüllen“ ein zu gewichtiges Wort ist: Was ihm gefallen würde, etwas, das er auch dann gerne macht, wenn sie nicht dabei ist. Denn es kann nicht sein, dass er sich nur dann wohlfühlt, wenn sie auch da ist. Da stimmt was nicht. Es ist so wichtig, dass man in der Beziehung noch ein eigenes Leben führt, sagt die Beziehungs-Expertin. Denn wer kein eigenes Leben führt, hat schnell das Gefühl, nicht wichtig zu sein. Aber man ist auch wichtig, wenn man von Zeit zu Zeit alleine auf einer Parkbank sitzt – und niemanden hat, der einem diese Wichtigkeit bestätigt.

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