„Immer der Nase nach“

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Im menschlichen Miteinander heißt es öfter „Den oder die kann ich nicht riechen“, wenn man jemanden unsympathisch findet. Hat Antipathie tatsächlich etwas mit Geruch zu tun?

Hanns Hatt: Alle Düfte, die wir zum ersten Mal riechen, werden im Gehirn zusammen mit der Situation und der Stimmung abgespeichert, in der wir sie wahrgenommen haben. Ob wir einen Duft angenehm oder unangenehm finden, hängt ganz wesentlich davon ab. Daneben unterliegt der persönliche Körperduft eines anderen Menschen aber auch einer genetischen Bewertung. Besonders auffällig ist in dem Zusammenhang, dass Frauen, wenn es um Fortpflanzung geht, Männer bevorzugen, die ganz anders riechen als sie, also genetisch sehr unterschiedlich sind. Die Kinder aus einer solchen Verbindung haben dann in immunologischer und gesundheitlicher Hinsicht sehr gute Voraussetzungen.

Nach welchen Kriterien suchen dann Männer eine Partnerin aus?

Die Evolution zielt auf zwei Dinge ab: Einmal die optimalen Partner in Sachen Genetik zusammenzubringen, und zweitens möglichst viel zu produzieren. Die Männer sind in dem Punkt eher für Quantität zuständig, die Frauen für das genetische Optimum. Forschungen haben gezeigt, dass dabei ein Unterschied im Körperduft von 76 Prozent ideal ist.

Das wäre doch eine wunderbare Möglichkeit bei der Partnersuche, den Richtigen oder die Richtige zu finden?

Ja, durchaus, das machen auch einige. Die Gene lassen sich typisieren, beispielsweise mit Speicheltests, und die Partnerschaftsagenturen bieten so etwas für rund 30 Euro an. Mit romantischem Kennenlernen hat das allerdings nicht allzu viel zu tun.

Wie setzt sich der Körperduft zusammen?

Einmal normaler Schweiß, den wir abgeben. Das ist Wasser, in dem die Schweißstoffe gelöst sind. Die riechen aber erst, wenn die Mikroorganismen auf unserer Oberfläche die Fette in kleine Stücke aufgespalten haben und diese in der Luft umherschweben. Dazu kommen Stoffe aus der Nahrung (zum Beispiel Knoblauch) sowie eine persönliche Duftmischung aus den Schweißdrüsen im Achsel- und Genitalbereich und einige Pheromone, also chemische Kommunikationsduftstoffe. Wieviele solcher Botenstoffe wir noch haben, ist nicht ganz klar. Es gibt aber Hinweise, dass Männer den Eisprung der Frauen riechen können – wenn auch in deutlich schwächerer Form als im Tierreich. Wenn etwa einem Hund die Pheromone einer läufigen Hündin in die Nase steigen, wird er davon unwiderstehlich angezogen. Er kann gar nicht anders als dieser Spur zu folgen.

Haben Tiere eine bessere Nase als Menschen?

Das gilt nicht generell, nicht einmal für Hunde. Es hängt davon ab, welche Bedeutung ein bestimmter Duft für das Tier hat. Banane zum Beispiel kann ein Hund nicht sonderlich gut riechen, da sind wir sogar besser. Aber für einen Hund hat die Banane auch keine Bedeutung, deshalb braucht er dafür keine Sensoren. Andere Düfte kann der Hund dagegen um ein Vielfaches besser und aus größerer Distanz riechen. Etwas anders sieht es bei Spürhunden aus, die auf bestimmte Stoffe wie etwa Drogen trainiert werden. Für solche Aufgaben kommen aber nur bestimmte Rassen in Frage, außerdem gibt es auch noch besondere Talente. Wie bei uns Menschen: Wir haben alle zehn Finger, aber nicht jeder ist deshalb für eine Pianisten-Karriere geeignet.

Empfinden es eigentlich alle Menschen gleich, ob etwas stinkt oder duftet?

Nein, das bedingt allein die Erfahrung. Wenn jemand einen Geruch in einer unangenehmen Situation kennengelernt hat oder durch die Erziehung oder den Kulturkreis entsprechend konditioniert worden ist, fällt das Urteil positiv oder negativ aus.

Ein nach Jauche riechendes Feld würde also nicht zwingend zum Gestank erklärt?

Genau. Da bin ich selbst ein gutes Beispiel. Ich bin auf dem Land groß geworden, wo es Misthaufen, Ziegen und Schweine gab. Deshalb ist das für mich der Geruch von Heimat, was ich gar nicht unangenehm finde. Auch für die Massai in Afrika ist jemand, der nach Kamelmist riecht, sehr attraktiv, weil das für Reichtum in Gestalt vieler Tiere steht.

Lassen sich Gerüche in Kategorien einteilen, ähnlich wie beim Essen, das süß, sauer, salzig oder bitter sein kann?

Es gibt schon einige große Geruchsklassen wie blumig, holzig, kampfer- oder fischartig. Danach kann man viele, wenn auch nicht alle Düfte einordnen.

Ist bei der Sinneswahrnehmung das Riechen gleich wichtig wie das Sehen und Hören?

Darüber ließe sich trefflich streiten. Ich als Riechforscher würde natürlich ja sagen. Und wahrscheinlich würden mir manche Menschen, die den Geruchssinn verloren haben, zustimmen. Denn ihnen kommt mit dem Riechen auch gleich noch das Schmecken abhanden, „Geschmacksaromen“ werden über den Geruchssinn transportiert. Das kennt jeder, der einmal einen heftigen Schnupfen hatte. Und diesen Sinn dauerhaft zu verlieren bedeutet, nie mehr einen guten Wein oder ein gutes Essen zu riechen oder auch den Partner oder den Duft einer Wiese – da fehlt ein wichtiges Stück Lebensqualität.

Wie kommt es denn zu diesem Verlust?

Neben viralen Infekten ist der Hauptgrund das Alter. Im Alter lässt alles nach – das Sehen, das Hören und natürlich auch das Riechen. Oft schiebt man es dann auf die Lebensmittel, sagt, dass die Tomaten und Gurken nach nichts mehr schmecken, dabei ist der Schwachpunkt die eigene Nase. Dieser Prozess lässt sich aber durchaus aufhalten, indem man täglich mehrmals drei, vier unterschiedliche Düfte aus Küche oder Badezimmer mit geschlossenen Augen erschnuppert. Das trainiert die Riechfähigkeit.

Welche Absicht steckt hinter den Duftwolken, die in Hotels und vor allem in Geschäften verströmt werden?

Da geht es vor allem um Gerüche, die die Menschen angenehm finden. Wenn es irgendwo stinkt, hat niemand Lust, sich dort aufzuhalten und geht schnell wieder raus. Wo es dagegen gut riecht, bleibt man gern und kauft wahrscheinlich auch mehr.

Sind denn solche synthetisch hergestellten Düfte mit den natürlichen vergleichbar?

Manche sind kaum von den natürlichen zu unterscheiden, wie etwa Vanille. Das gilt für alle Düfte, deren natürliche Zusammensetzung leicht im Labor nachzumachen ist. Auch bei Banane oder Veilchen klappt das zum Beispiel sehr gut. Schwierig ist es dagegen bei Kaffee, da gibt es nicht den einen Leit-Duft, sondern man muss an die zehn verschiedene Stoffe zusammenmischen, damit es auch nur annähernd nach Kaffee riecht.

Wie lange dauert es noch, bis wir Düfte auch via Telefon und Internet übertragen können?

Dazu müsste man die Düfte digitalisieren, was nicht ganz einfach ist. Aber wenn ein Duft erst einmal in seine einzelnen Komponenten zerlegt ist, ließen sich die entsprechenden Informationen durchaus verschicken. Doch der Empfänger am anderen Ende bräuchte dann auch wieder die ganze Sammlung aller möglichen Bestandteile, aus denen er das Ausgangsprodukt wieder zusammensetzt. Erste Ansätze gibt es schon, und ich kann mir vorstellen, dass sich da in den nächsten 10 bis 20 Jahren noch einiges tut.

Haben Sie einen Lieblingsduft?

Ich mag alles, was mit Essen zu tun hat. Vor allem Kräuter, wie Rosmarin, Thymian, Salbei, Basilikum, also die mediterrane Vielfalt, rieche ich sehr gern.

Hanns Hatt (69), geboren in Illertissen, hat in München studiert und arbeitet seit 25 Jahren als Hochschulprofessor an der Ruhr-Universität in Bochum. Er ist verheiratet und lebt mit Frau und Katze im Ruhrgebiet. Seine Erkenntnisse über die Welt der Düfte hat er in „Das kleine Buch vom Riechen und Schmecken“ zusammengefasst (Knaus Verlag, 224 Seiten, 16 Euro).

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