„Ich will Denkanstöße geben“

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Michael Steinbrecher hat nichts gegen Streit – sofern es um Inhalte geht.  Foto: 

Am nächsten Freitag moderieren Sie zum 100. Mal das „Nachtcafé“. Ist die Sendung schon aufgezeichnet?

Michael Steinbrecher: Nein, es stehen noch nicht einmal alle Gäste fest. Wir wollen schon so aktuell wie möglich sein, und das bedeutet, wir produzieren jede Woche eine neue Sendung und nicht etwa drei am Stück. Am 22. September geht es um „Wege zum Erfolg“. Die Schauspielerin Katja Flint wird dabei sein und Wilhelm Schmid als Experte.

Wie werden die übrigen Teilnehmer ausgewählt, die in der Talkrunde sitzen?

Bereits im Vorfeld überlegen wir uns, welche Positionen grob vertreten sein könnten. Wer dafür in Frage kommt, ist dann Aufgabe der Redakteure. Das klappt meistens sehr gut, weil sich das „Nachtcafé“ im Lauf der Jahre durch den wertschätzenden Umgang mit den Gästen viel Vertrauen erarbeitet hat. Prominente und Experten sind natürlich eine wichtige Bereicherung, aber vor allem geht es um die Geschichten von ganz normalen Leuten, die etwas Interessantes erlebt haben.

Ist es schwierig, solche normalen Leute zu einem Auftritt in der Sendung zu bewegen?

Viele freuen sich, weil sie die Sendung kennen und ein positives Bild von ihr haben. Bei anderen müssen wir uns – je nachdem, wie sensibel das Thema ist – langsam rantasten.

Das war bestimmt auch bei der „Domina“ der Fall, die einmal dabei war.

Natürlich gab es mit Frau Leppert, so ihr richtiger Name, entsprechende Gespräche im Vorfeld, aber die drehten sich weniger um ihre Tätigkeit als „Domina“, sondern um ihr Leben davor und den langen Weg dorthin. Die Beziehung zum Elternhaus, die Enge, die sie dort empfunden hat, die Ehe, die ihr keine Freiräume gelassen hat. Dadurch, dass wir uns in der Sendung Zeit nehmen, das alles zu erzählen, laufen wir nicht Gefahr, dieser Frau nur das Etikett „Domina“ anzuheften, sondern geben auch den Zuschauern die Möglichkeit, die Gründe und die Entwicklung nachzuvollziehen.

Wer legt die Themen fest?

Zum einen bekommen wir sehr viele Vorschläge von Zuschauern. Außerdem haben wir in der Redaktion regelmäßige Treffen, zu denen wir alle jeweils drei Themen mitbringen, diese kurz vorstellen und potenzielle Teilnehmer beschreiben. Am Ende gibt es drei Möglichkeiten: 1. Thema sofort umsetzen, 2. im Auge behalten und den Ansatz noch einmal schärfen, 3. Thema hatten wir schon oder ist im Moment nicht relevant.

Sind spontane Änderungen möglich?

Eine wirklich sehr kurzfristige Umplanung haben wir beispielsweise nach dem Absturz der Germanwings-Maschine im März 2015 in Frankreich vorgenommen. Damals war ein ganz anderes Thema vorgesehen, aber dieses Ereignis war so einschneidend, dass wir innerhalb von 48 Stunden die Sendung „Aus dem Leben gerissen“ vorbereitet haben. Wir wollten bewusst nicht auf die vordergründige Aktualität setzen und zum Beispiel Gäste aus Haltern einladen (dem Ort, aus dem 16 Schüler und zwei Lehrerinnen stammten, die ums Leben kamen, Anm. d. Red.), aber wir hatten Menschen zu Gast, die ähnliche Verluste erlebt oder selbst ein Unglück überlebt hatten, sowie einen Traumatherapeuten, der das Ganze aus Expertensicht einordnete.

Stammen diese Experten immer aus dem Bereich des jeweiligen Themenfeldes?

Ja, sie müssen ja etwas Sinnvolles zum Thema und dem beitragen, was die Gesprächsteilnehmer erzählen. Es können Soziologen, Psychologen oder Philosophen sein, aber auch Ernährungswissenschaftler, Ärzte oder Medizinethiker.

Haben Sie einen Spickzettel, um den Faden nicht zu verlieren?

Lediglich ein paar Notizen für die Fragenkomplexe oder für den Fall, dass ich Zahlen oder ein Zitat verwende. Ich halte es für sehr wichtig, offen zu sein für das, was passiert, wie die Menschen sich begegnen und aufeinander reagieren, statt an starren Konzepten festzuhalten.

Sprechen Sie im Vorfeld mit Ihren Gästen?

Wir treffen uns erst am Tag der Aufzeichnung, aber vor der Sendung rede ich mit keinem über das Thema, weil ich immer die Sorge habe, dass unsere Unterhaltung in der Sendung sonst inszeniert wirkt.

Sie wirken immer sehr ruhig und gelassen. Wird es auch mal laut?

Wenn etwas kontrovers diskutiert wird, ist es wichtiger zu wissen, wo es inhaltlich hingehen soll als die Sache per Lautstärke zu lenken. Der Geräuschpegel hängt auch vom Thema und der Runde ab. Es gibt sehr lustige Sendungen, wie etwa die über Dialekte mit Harald Schmidt und Christoph Sonntag, in der wir viel gelacht haben. Und ernste mit leiseren Tönen, wenn es beispielsweise um Schicksalsschläge geht.

Wann ist Ihrer Ansicht nach ein „Nachtcafé“ gelungen?

Wenn wir zu einem relevanten Thema die richtigen Gäste in der Sendung haben und es zu einem inhaltlich motivierten Austausch kommt, der die verschiedenen Positionen deutlich werden lässt. Ich glaube und hoffe, dass unsere Themen und Gäste den Zuschauern Anstöße geben, sich selbst auf einer ganz persönlichen Ebene mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Es geht nicht darum, ihnen ein Urteil abzunehmen, sondern Gedankenprozesse in Gang zu setzen und die eigene Meinung vielleicht noch einmal zu hinterfragen.

Mögen Sie es, wenn es in der Runde Streit gibt?

Durchaus, auch Streit gehört zum Leben. Es sollte allerdings um den Inhalt gehen. Wenn wir über  „Den Tod vor Augen“ sprechen, passiert das naturgemäß kaum. Beim Thema „Sind Fleischesser die schlechteren Menschen?“ kann es dagegen schon mal heiß hergehen.

Vor dem „Nachtcafé“ haben Sie lange das „Aktuelle Sportstudio“ moderiert. Etwas ganz anderes  oder gibt es Parallelen?

Vergleichbar ist es insofern, als wir im Sportstudio durch die Länge der Gespräche auch die Möglichkeit hatten, einige Blicke hinter das zu werfen, was man von den Sportlern sonst so kennt und erfährt. Sie mit ihren Hoffnungen, ihren Zweifeln und ihren Niederlagen vorzustellen. Trotzdem ist die Themenpalette im „Nachtcafé“ ungleich größer, weshalb ich mich dort auch sehr wohl fühle.

Was nehmen Sie aus Ihren bislang 99 Talk­runden für sich persönlich mit?

Vor allem die Möglichkeit, in unglaublich interessante Themen, Menschen und Geschichten einzusteigen, hinter Türen zu schauen, die sonst verschlossen sind. Das gibt mir auch für mein eigenes Leben vielfältige Anregungen. Ich kann mir keine erfüllendere Aufgabe vorstellen.

Michael Steinbrecher (51) ist TV-Journalist und Professor für Fernseh- und Crossmedialen Journalismus an der TU Dortmund. 21 Jahre lang moderierte er das „Aktuelle Sportstudio“, bevor er im Januar 2015 das „Nachtcafé“ im SWR Fernsehen übernahm. Steinbrecher ist verheiratet, hat einen Sohn (7) und lebt in Dortmund und Stuttgart. In dem Buch „Wendepunkte“ schildert er eigene Begegnungen und lässt verschiedene „Nachtcafé“-Gäste mit ihren ganz persönlichen Geschichten zu Wort kommen (Verlag Klöpfer & Meyer, 240 Seiten, 19,90 Euro).

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